{"id":3206,"date":"2019-11-09T18:43:42","date_gmt":"2019-11-09T17:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3206"},"modified":"2019-11-09T18:45:38","modified_gmt":"2019-11-09T17:45:38","slug":"3206","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/3206\/","title":{"rendered":"Siehst du mich?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Barbara Stengl: Siehst du mich?, Europa Verlag, M\u00fcnchen 2019, 262 Seiten, \u20ac18,00, 978-3-95890-233-6<\/strong><\/p>\n<p><code><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B07L8G3YRT\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B07L8G3YRT&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=1bf24275eddb60b376e54ece22f4f28d\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B07L8G3YRT&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\"><\/a><img loading=\"lazy\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" alt=\"\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=wwwkarinhahnr-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=B07L8G3YRT\" border=\"0\"><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eDas sind die L\u00f6cher, dachte Nina, das sind die tiefen schwarzen L\u00f6cher des Vergessens. Resl und ich irren herum und stolpern \u00fcber unsere kleine Familiengeschichte, stolpern \u00fcber etwas, \u00fcber das schon andere vor uns gestolpert sind, \u00fcber das dieser Ort gestolpert ist, und das ganze Stolpern liegt in diesen Tunnel, in diesem Geruch, hinter diesem Zugang, der gar keiner ist.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die siebenundrei\u00dfigj\u00e4hrige Nina arbeitet als Dokumentarfilmerin in der Schweiz. In \u00d6sterreich in St. Georg an der Gusen ist sie aufgewachsen, hier lebten ihre Gro\u00dfeltern, die sie aufgezogen haben und dann ins Internat steckten. Ninas Mutter ist nun in \u00d6sterreich verstorben, die Nachricht kam von Ninas Gro\u00dftante Resl, die Nina nicht sonderlich mag.<br \/>\nImmer in Zeitwechseln zwischen Gegenwart und Vergangenheit erinnert sich Nina an ihre Kindheit, an ihre Konflikte mit der Mutter, die offenbar psychisch krank war und l\u00e4ngere Monate in der Psychiatrie verbringen musste. Ein l\u00e4hmendes Schweigen hat sich \u00fcber die Familie gelegt, denn in einem klaren Moment, behauptete Ninas Mutter, dass ihr Vater nicht ihr Vater sei. Allein schon durch ihre Statur ragte sie, die 1945 geboren wurde, \u00fcber die anderen Kinder hinaus, nur sie in der Familie war blond. Nie hat Lisl, die Gro\u00dfmutter, etwas Pers\u00f6nliches erz\u00e4hlt. Sie hat ihr Schicksal angenommen, wenn der Ehemann seine Saufsonntage hatte, sie schlug. Das einzige, was die Gro\u00dfmutter machen konnte, war die Enkelin verstecken. Der archaisch anmutende Ort, Stille in den Wohnstuben, die nur an Weihnachten genutzt wurden, die Stille in den vier W\u00e4nden, in denen man nur die Uhr ticken h\u00f6rte und die Stille in der Dorfgemeinschaft, in der alle alles wussten und nie redeten, ist bedr\u00fcckend. Nur Kinder plaudern aus, was sie von Erwachsenen belauschen und oftmals in den falschen Hals bekommen. Dass Ninas Mutter \u201enarrisch\u201c ist, war so ein Moment.<br \/>\nSchillernd angezogen, schrill und unberechenbar, so hat Nina ihre Mutter in Erinnerung. Ein gemeinsamer Urlaub nach Frankreich wird zum Desaster.<\/p>\n<p>Nina f\u00e4hrt ohne ihre Familie, ohne ihren Mann Frank und Tochter, nach \u00d6sterreich und will endlich wissen, wer nun wirklich ihr Gro\u00dfvater war. Resl reagiert bei der Totenwache auf die Gro\u00dfnichte eher distanziert und m\u00fcrrisch. Auch sie will nichts sagen, nichts offenbaren, obwohl sie die letzte Zeitzeugin der Familie ist. Das Mantra, wenn Ordnung herrscht, dann kann nichts Schlimmes geschehen, nervt Nina dann doch.<\/p>\n<p>Die Mutter hinterl\u00e4sst einen Schl\u00fcssel, aber Nina hat keine Ahnung, wozu dieser geh\u00f6rt.<br \/>\nIn den Dialogen zwischen Nina und Resl, die konsequent Dialekt spricht, was die Geschichte authentisch wirken l\u00e4sst, sich aber anstrengend liest, zieht am inneren Auge des Lesers das Leben der Gro\u00dfmutter Liesl vorbei. Sie heiratete einen ungeliebten Mann, bekam ein Kind, dass mit dem Lauf der bisherigen streng geh\u00fcteten Ordnung nie klarkam.<br \/>\nIn dem Moment, in dem Nina dann als Kind, das bei den Gro\u00dfeltern, wieder die Ordnung und das Schweigen durch Fragen durchbrechen will, schicken die Gro\u00dfeltern sie aufs Internat.<br \/>\nUnweit vom Hof, auf dem Resl und Lisl gelebt haben, befand sich das Lager Gusen und in den Tunnel geschahen geheimnisvolle Dinge. Resl erz\u00e4hlt immer wieder, Leute fahren hinein und kehren nicht mehr zur\u00fcck. Was hat Lisl gesehen, was hat sie durch ihre nervige Neugier herausbekommen? Was ist in den Tunneln geschehen, was waren das f\u00fcr Menschen, die einfahren mussten?<br \/>\nF\u00fcr Nina kl\u00e4ren sich viele inneren Konflikte, die sie in der Ferne einfach klarer sehen kann. Auch Resl scheint langsam aufzutauen, denn sie erz\u00e4hlt immer mehr.<\/p>\n<p>Bedr\u00fcckend liest sich dieses Deb\u00fct, bewegend und zugleich desillusionierend, denn klar wird, in unserer Gegenwart geschieht auch wieder dieses Schweigen angesichts menschlicher Verbrechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barbara Stengl: Siehst du mich?, Europa Verlag, M\u00fcnchen 2019, 262 Seiten, \u20ac18,00, 978-3-95890-233-6 \u201eDas sind die L\u00f6cher, dachte Nina, das sind die tiefen schwarzen L\u00f6cher des Vergessens. 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