{"id":2795,"date":"2019-06-23T09:31:44","date_gmt":"2019-06-23T07:31:44","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2795"},"modified":"2019-06-23T09:31:44","modified_gmt":"2019-06-23T07:31:44","slug":"unerhoerte-stimmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/unerhoerte-stimmen\/","title":{"rendered":"Unerh\u00f6rte Stimmen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Elif Shafak: Unerh\u00f6rte Stimmen, Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Kein &amp; Aber, Z\u00fcrich 2019, 431 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-0369-5790-6<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3036957901\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3036957901&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=7ac3cd85cfdc7c556453be010ade2493\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=3036957901&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\"><\/a><img loading=\"lazy\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" alt=\"\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=wwwkarinhahnr-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=3036957901\" border=\"0\"><br \/>\n<em><br \/>\n\u201eIstanbul war eine flie\u00dfende Stadt. Nichts hatte hier Bestand, nichts war hier ein f\u00fcr alle Mal entschieden. Begonnen hatte alles Jahrtausende zuvor, als das Eis schmolz, der Meeresspiegel anstieg, die Fluten wogten und alle bekannten Formen des Lebens untergingen. Wahrscheinlich flohen die Pessimisten als Erste aus dem Gebiet, w\u00e4hrend die Optimisten abwarteten, wie sich die Dinge entwickelten.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Elif Shafak ist eine \u00e4u\u00dferst produktive t\u00fcrkische Schriftstellerin, die heute in London und Istanbul zu Hause ist. Nationalisten in der T\u00fcrkei jedoch erkennen sie nicht mehr als t\u00fcrkische Autorin an, seit sie vor dreizehn Jahren begann, ihre Romane zun\u00e4chst in Englisch zu schreiben. Dabei spielt die Handlung ihres neuen Romans in Istanbul unter Menschen, die der Mehrheitsgesellschaft suspekt sind. Elif Shafak jedoch interessiert sich f\u00fcr ihre Schicksale und ihre <em>\u201eunerh\u00f6rten Stimmen\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Geschichte im Jahr 1990 steht Tequila Leila, eine Anfang vierzigj\u00e4hrige Prostituierte, die ermordet in einem M\u00fcllcontainer gefunden wird. Sie ist eine von mehreren Toten, die Opfer von Verbrechen geworden sind. Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist, dass Elif Shafak dieser toten Frau nun eine innere Stimme gibt und sie auf ihr Leben zur\u00fcckblicken l\u00e4sst. Sie geht der Frage nach, woher diese Frau stammt, warum sie in der Prostitution gelandet ist und ihre Familie es ablehnt, die Tote zu begraben. Geboren in dem kleinen Ort Van im Jahre 1947 wird Leila traditionell erzogen. Sie wei\u00df irgendwann, dass sie nicht von der Mutter geboren wurde, die sich daf\u00fcr ausgibt, sondern von ihrer Tante Binnaz, die als ungebildete Geb\u00e4rmaschine und zweite Frau des Vaters viel zu erleiden hat. Zwischen religi\u00f6ser Erziehung, Aberglauben und westlichen Einfl\u00fcssen hin- und hergerissen wird Leila bereits als Sechsj\u00e4hrige von ihrem wohlhabenden Onkel missbraucht. Unwissend und sich schuldig f\u00fchlend, daf\u00fcr sorgt der Onkel, kann sich das Kind den \u00dcbergriffen, die nicht mehr aufh\u00f6ren, nicht entziehen. Schizophren ist diese Situation, in der Frauen das Haus nur mit dem Hidschab verlassen d\u00fcrfen, um ihre Reinheit zu bewahren. Mit der zunehmenden Religi\u00f6sit\u00e4t des Vaters f\u00fchrt dieser einen heiligen Krieg zu Hause. Die Frauen d\u00fcrfen keine Zeitungen lesen, nicht fernsehen und nat\u00fcrlich nur das Haus verlassen, wenn es unbedingt sein muss. Dabei lauert die Gefahr innen, und als Leila eine Fehlgeburt erleiden muss, wei\u00df ihr Vater genau, dass sie die Wahrheit sagt, als sie mit ihren sechzehn Jahren ihren Onkel anklagt. Aber als Tochter und Frau erlangt sie kein Geh\u00f6r. Ein Br\u00e4utigam, ein Sohn des Onkels ist schnell gefunden. Leila entzieht sich der Zwangsverheiratung durch Flucht in die Stadt Istanbul, in der sie unweigerlich ohne finanzielle Hilfe untergeht.<\/p>\n<p>Verkauft an ein amtlich zugelassenes von der Polizei bewachtes Bordell ist sie der Willk\u00fcr der dort herrschenden <em>\u201eRabenmutter\u201c<\/em> ausgeliefert, die sie aber auch auf ihre Weise sch\u00fctzt. Aber Leila, die sogar einen Schwefels\u00e4ureangriff eines Freiers entgeht, findet Freunde, wiederum Menschen, die im Gro\u00dfstadttrubel nach ihrem Gl\u00fcck suchen und es nicht finden. Da ist die Transfrau Nalan, deren Leben Leila rettet, als sie sich um sich k\u00fcmmert, nachdem M\u00e4nner sie verpr\u00fcgelt haben. Auch Nalan hat sein d\u00f6rfliches Zuhause verlassen, um in der Stadt seine Freiheit zu finden. Da ist Sinan, ein Junge aus Leilas Ort, dessen Mutter als alleinerziehende Apothekerin den Unmut und auch die Skepsis der Bewohner auf sich zieht. Sinan wird Leila in Istanbul wiedersehen und sie auch als Freund treffen. Die aus Somalia gefl\u00fcchtete Jamila kommt in der T\u00fcrkei unter v\u00f6llig falschen Versprechungen an. Sie wird eine Freundin von Leila, wie die kleinw\u00fcchsige Zaynab, die im Bordell putzt und den Tee zubereitet.<br \/>\nGer\u00fcche und Ger\u00e4usche aktivieren die Erinnerungen der eigentlich l\u00e4ngst Toten.<br \/>\nBer\u00fchrend ist, wie die Freunde vor dem Leichenschauhaus warten, um Leila zu begraben. Aber die Beh\u00f6rden arbeiten nach Vorschrift und so landet die Ermordete auf einem Friedhof der Ge\u00e4chteten. Das k\u00f6nnen die Freunde nicht hinnehmen.<\/p>\n<p>In immer wieder zeitlich nicht kontinuierlichen Erinnerungen setzen sich langsam Lebensgeschichten zusammen, die von sehr viel Schmerz, aber auch Freude berichten. Wie gespalten die t\u00fcrkische Gesellschaft in jeglicher Hinsicht ist, ob es nun um religi\u00f6s motivierte oder menschliche Konflikte geht, davon erz\u00e4hlt Elif Shafak sprachgewaltig und empfindsam, in dem sie Leilas Lebensweg nachvollzieht und nicht die Suche nach den T\u00e4tern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elif Shafak: Unerh\u00f6rte Stimmen, Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Kein &amp; Aber, Z\u00fcrich 2019, 431 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-0369-5790-6 \u201eIstanbul war eine flie\u00dfende Stadt. Nichts hatte hier Bestand, nichts war hier ein f\u00fcr alle Mal entschieden. 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