{"id":2556,"date":"2019-06-23T08:20:27","date_gmt":"2019-06-23T06:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2556"},"modified":"2019-06-23T08:20:27","modified_gmt":"2019-06-23T06:20:27","slug":"muttertag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/muttertag\/","title":{"rendered":"Muttertag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nele Neuhaus: Muttertag, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 556 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-550-08103-3<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIhr Aussehen spielt f\u00fcr mich nie eine Rolle. Nur ihre Taten. Diese hier hat ihrem Kind immer wieder versprochen, es zu sich zu holen, und es nie getan. Genau wie meine Mutter es mit mir gemacht hat.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Immer am Muttertag lie\u00df sie sich feiern, Rita Reifenrath, die Frau, die so viele Pflegekinder in ihr gro\u00dfz\u00fcgig geschnittenes Haus mit Garten und Pool aufgenommen und sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte. Wie es jedoch hinter der Fassade aussah, das wussten nur die Pflegekinder, die in den 20 Jahren bei ihr und ihrem Mann Theo lebten. Die Ehe der beiden beruhte auf einem unb\u00e4ndigen Hass, sie unterdr\u00fcckte und verachtete ihn und er manipulierte die Jungen und erz\u00e4hlte ihnen, er sei ihr Vater, aber das ist ein Geheimnis. Als die Tochter der beiden an einer \u00dcberdosis Heroin verstarb, nahmen sie ihren Enkelsohn Fritjof zu sich. Mit drastischen wie brutalen Mitteln und Psychoterror <em>\u201ez\u00e4hmte\u201c<\/em> die Pflegemutter ihre<em> \u201eKinder\u201c<\/em>, die verhaltensauff\u00e4llig waren und niemand adoptieren wollte. Bis zu zehn Kindern lebten in ihrem Haushalt im Taunus und zwischen ihnen herrschte ebenfalls eine gnadenlose Hackordnung, die durch Fritjofs Sonderstellung und die seines engen Freundes, Joachim Vogt, noch befeuert wurde. Wenn ein Kind dann mal wagte, au\u00dferhalb des Hauses etwas zu sagen, dann glaubte niemand seinen Worten.<br \/>\nDiese Geldquelle f\u00fcr die Pflegekinder funktionierte f\u00fcr die Reifenraths bis Rita sich angeblich nach einem Eklat mit erwachsenen Pflegekindern am Muttertag depressiv das Leben nahm. Besonders verhaltensauff\u00e4llig als Jugendlicher war Claas Reker. Rita verabscheute ihn, wohingegen Theo ihn f\u00fcr sich einnahm. Reker entwickelte sich als Erwachsener zu einem eifers\u00fcchtigen Psychopathen, der seine Frau t\u00e4uschte, manipulierte, belog, bedrohte, stalkte und nun wieder auf freiem Fu\u00df ist.<br \/>\nAls Pia Sander und Oliver von Bodenstein von der K11 Hofheim zum Haus des nun 84-j\u00e4hrigen Theo Reifenrath gerufen werden, ist dieser bereits seit zehn Tagen tot. Einer seiner letzten Besucher war Reker. War es ein Verbrechen? Immerhin ist das Auto verschwunden, die Wohnung wurde durchsucht und Geld verschwindet vom Konto. Es stellt sich heraus, dass Theo offenbar eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben ist, doch auf seinem Grundst\u00fcck findet die Polizei drei verscharrte Frauenleichen und letztendlich die Leiche von Rita Reifenrarth.<\/p>\n<p>Neben den in kursiver Schrift gehaltenen Gedanken des T\u00e4ters wird auch die Geschichte der  zweiundzwanzigj\u00e4hrigen Fiona Fischer erz\u00e4hlt. Sie erf\u00e4hrt nach dem Krebstod der Mutter, die sie zwei Jahre lang gepflegt hatte, dass sie nicht ihr leibliche Mutter war. Auch der angebliche Vater ist ein Fake. Fiona beginnt nach ihrer wahren Mutter zu forschen und begibt sich, ohne es zu ahnen, in gef\u00e4hrliche Gefilde.<\/p>\n<p>Immer mehr Frauenleichen tauchen auf, die nach dem gleichen Prinzip langsam zu Tode kamen. Sie wurden in Folie eingewickelt, ertr\u00e4nkt und in eine K\u00fchltruhe verfrachtet. Dann landeten sie entweder bei Theo im Garten oder wurden einfach irgendwo abgelegt. Der T\u00e4ter beh\u00e4lt nach jedem Mord eine Troph\u00e4e, einen Autoschl\u00fcssel, Haarstr\u00e4hnen oder Ketten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kommissare, die sich einen amerikanischen Profiler als Hilfe holen, steht fest, eines der Pflegekinder muss der T\u00e4ter sein, denn diese perfide Lust am Qu\u00e4len hatte dieser von der eigenen Pflegemutter gelernt und ahmt sie nun nach. Auff\u00e4llig ist auch, dass jeder Mord am oder kurz nach dem Muttertag geschehen ist.<\/p>\n<p>Unendlich viel Ermittlungsarbeit summiert sich bei letztendlich elf Morden und Pia Sander kann nicht ahnen, dass sogar ihre Schwester Kim auf der Liste des Psychopathen steht.<\/p>\n<p>Dass Kinder, die weder Zuneigung noch F\u00fcrsorge erlebt haben, vom Jugendamt in die H\u00e4nde von frustrierten und sadistischen Menschen gegeben werden, ist keine Erfindung der Autorin, sondern traurige Wirklichkeit. Wie sich diese st\u00e4ndige Angst, dieses auf der Hut sein, diese Panik vor \u00c4rger entweder von der Pflegemutter oder den eigenen <em>\u201eGeschwistern\u201c<\/em> auf die Psyche ausgewirkt hat, k\u00f6nnen sich die Polizisten kaum vorstellen.<\/p>\n<p>Der M\u00f6rder, der sich selbst zum Vollstrecker von Frauen erkoren hat, die ihre Kinder einfach so fortgegeben haben, ist hochintelligent, ein v\u00f6llig emotionsloser Perfektionist und ein unauff\u00e4lliger Zeitgenosse, der in Arbeit und Brot steht.<br \/>\nNele Neuhaus geht sehr in die Details, sie beschreibt die Milieus, aus denen die Frauen kommen, sie begibt sich mit ihren Kommissaren auf kleinteilige Spurensuche und karikiert sogar die Krimi schreibende Zunft. Leider geraten die Figuren bei Nele Neuhaus immer leicht holzschnittartig, das mag dem Genre geschuldet sein, und doch verliert sie nie den spannenden Handlungsfaden aus den Augen, fesselt den Leser durch das Leid der missbrauchten und lebenslang gesch\u00e4digten Kinder. Sie h\u00e4lt alle B\u00e4lle in der Luft und l\u00e4sst sie erst am Ende fallen, wenn der Leser beruhigt das Backstein dicke Buch schlie\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nele Neuhaus: Muttertag, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 556 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-550-08103-3 \u201eIhr Aussehen spielt f\u00fcr mich nie eine Rolle. Nur ihre Taten. Diese hier hat ihrem Kind immer wieder versprochen, es zu sich zu holen, und es nie getan. 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