{"id":2532,"date":"2019-06-23T08:25:13","date_gmt":"2019-06-23T06:25:13","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2532"},"modified":"2019-06-23T08:25:13","modified_gmt":"2019-06-23T06:25:13","slug":"drei-sind-ein-dorf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/drei-sind-ein-dorf\/","title":{"rendered":"Drei sind ein Dorf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf, Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, mareverlag, Hamburg 2018, 368 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-86648-286-9<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eManchmal stelle ich mir unseren Aufenthalt in Istanbul gern aus der Perspektive des Hotelpersonals vor. Nach einigen Wiedersehen mit Baba nahmen wir gar nicht mehr wahr, wie eigenartig wir wirkten, dass wir uns jedes Jahr ein bisschen mehr ver\u00e4ndert hatten, auseinandergedriftet und einander so fremd geworden waren, dass wir als Gruppe keinen Sinn ergaben, wie die einzelnen Elemente eines Gesichts, die nach zu vielen Sch\u00f6nheitsoperationen nicht mehr zusammenpassen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nilou ist acht Jahre alt als ihre Mutter mit ihr und ihrem j\u00fcngeren Bruder Kian 1993 aus dem Iran flieht. Nilous Mutter ist in die F\u00e4nge der Sittenpolizei im Iran geraten und beschlie\u00dft, sie muss das Land verlassen. Baba, der rothaarige und temperamentvolle Vater von Nilou, arbeitet als Zahnarzt und bleibt mit der Hoffnung, der Familie nach einer gewissen Zeit folgen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter setzt die Handlung ein. Nilou ist eine anerkannte Anthropologin mit franz\u00f6sischem Pass, die in Amsterdam an der Universit\u00e4t lehrt und in der Forschung arbeitet. Ihr Mann Guillaume, ein Franzose, ern\u00e4hrt die Familie durch seine Arbeit als Rechtsanwalt. Beide werden in eine gr\u00f6\u00dfere eigene Wohnung ziehen.<br \/>\nAus der personalen Perspektive erz\u00e4hlt Dina Nayeri nun in Erinnerungen, kurzen Umkreisungen bestimmter Treffen und Alltagsepisoden vom Leben dieser getrennten Familie.<\/p>\n<p>Nilous Mutter lebt mit den Kindern zuerst in den USA, in Oklahoma. Die Tochter hat gelernt sich anzupassen und doch braucht sie bis heute eine<em> \u201eeigene Parzelle\u201c<\/em>, einen kleinen Raum f\u00fcr sich, in dem sie ihre Sachen deponiert und sich zur\u00fcckziehen kann. Tief in ihr hat sich eingebrannt, dass sie keine Almosen annehmen kann, sie hasst den Gedanken dankbar sein zu m\u00fcssen. In den USA bezeichnete man sie als <em>\u201edas Kind aus Vorderasien\u201c<\/em>, dass sich jedoch mit hervorragenden Leistungen und einem eisernen Willen seinen Platz erk\u00e4mpft. Auch Kian findet eine Bestimmung, er wird Koch und ist an allen m\u00f6glichen, auch persischen Rezepten interessiert.<\/p>\n<p>Immer wieder wirft die Autorin die Frage der Identit\u00e4t auf, denn die Erinnerungen Nilous an den Vater, den sie mehrmals treffen wird, und an die Heimat blitzen ab und zu auf, sind aber eigentlich mehr als versch\u00fcttet. Immer \u00f6fter fragt sie sich, wer sie eigentlich ist? Bei einigen Auseinandersetzungen mit Gui, ihrem Mann, entstehen ernsthafte Probleme, die er nicht verstehen kann. So wirft er einfach ein Gew\u00fcrzglas, dass Nilous Oma ihr geschickt hatte, in den M\u00fcll, ohne zu ahnen, welche Gef\u00fchle und Erinnerungen seine Frau damit verbindet. Als Nilou sich in Amsterdam einer Gruppe von iranischen Fl\u00fcchtlingen anschlie\u00dft, beginnt sie sich mit dem Schicksal dieser Menschen, die in den Niederlanden den Gegenwind durch die Partei des Geert Wilders ertragen m\u00fcssen, auseinanderzusetzen. Dabei ist Nilou in keinster Weise emotional involviert, sie kann keine Zeit vergeuden, h\u00e4lt sich streng an Fakten, dabei analysiert sie ihr Verhalten den Migranten gegen\u00fcber und die Ver\u00e4nderungen auch in der Sprache. Immer mehr Bedeutung erlangen aber auch die erz\u00e4hlten Geschichten und Gedichte aus dem Iran f\u00fcr Nilou, denn ihr Vater ist zwar ein gro\u00dfer und anstrengender L\u00fcgner, aber auch ein fantasievoller Erz\u00e4hler. Der Westen erscheint den iranischen Fl\u00fcchtlingen als frostiger und ungastlicher Boden, nur durch ihre gegenseitigen Erz\u00e4hlungen k\u00f6nnen sie die eigene Trostlosigkeit, das Warten und die Ungewissheit \u00fcberdecken. Auch Nilou ahnt, dass ihr Vater getrennt von der Heimat nie Fu\u00df fassen w\u00fcrde. Schnell versteht der Leser, welche Unterschiede nicht nur in den Mentalit\u00e4ten, aber auch im Blick auf das Leben an sich, zwischen Inl\u00e4ndern und Migranten herrschen.<\/p>\n<p>Bei der ersten Begegnungen mit dem Vater ist Nilou vierzehn Jahre alt. Bereits jetzt sp\u00fcrt sie die Entfremdung. Auch in den kommenden Treffen wird klar, der Vater wird nicht aus dem Iran ausreisen. Zu sehr h\u00e4ngt er an seinen Drogen, am Opiumkonsum, von dem er auch bei seinen Aufenthalten in London, Madrid oder Istanbul nicht lassen kann. Von der Mutter getrennt heiratet der Vater noch zwei Mal und wird nicht gl\u00fccklich. Immer wieder soll der Vater nun Nilous Mann kennenlernen, aber Termine verhindern Gui und Nilou erkennt, dass sie sich auch f\u00fcr den fremden Vater sch\u00e4mt. Aber dann l\u00e4sst der Vater alles hinter sich und macht sich auf den Weg nach Europa, eine Entscheidung, die Nilous Leben ver\u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>Dina Nayeri verarbeitet in ihrem Roman Autobiografisches und Fiktives, indem sie viele eigene Erlebnisse schildert, einiges erfindet, sich aber auch an wahren Geschehnissen mit Fl\u00fcchtlingen, z.B. in den Niederlanden orientiert. Nah an ihrer Hauptfigur Nilou verfolgt der Leser das Leben einer Familie, die zerrissen ist und trotzdem nicht voneinander lassen kann. Wie und wo schlage ich als Migrant Wurzeln, welche M\u00f6glichkeiten haben Menschen auf der Flucht \u00fcberhaupt, was pr\u00e4gt sie und bestimmt ihr k\u00fcnftiges Dasein?<\/p>\n<p>Fast tagesaktuell ist dieser Roman, denn wenn es ein Thema gibt, das die Politik momentan besch\u00e4ftigt, dann ist es der Umgang mit den gefl\u00fcchteten Menschen und ihre Zukunft in Europa.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf, Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, mareverlag, Hamburg 2018, 368 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-86648-286-9 \u201eManchmal stelle ich mir unseren Aufenthalt in Istanbul gern aus der Perspektive des Hotelpersonals vor. 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