{"id":2511,"date":"2019-06-23T08:28:21","date_gmt":"2019-06-23T06:28:21","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2511"},"modified":"2019-06-23T08:28:21","modified_gmt":"2019-06-23T06:28:21","slug":"deutsches-haus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/deutsches-haus\/","title":{"rendered":"Deutsches Haus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Annette Hess: Deutsches Haus, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 366 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-550-05024-4 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDas Lager begann, ihr auf eine unerh\u00f6rte Weise vertraut zu werden: die Bl\u00f6cke, die Abteilungen, die Abl\u00e4ufe. Zu Hause hatte sie niemanden, mit dem sie dar\u00fcber sprechen konnte. Ihre Eltern und Annegret wollten vom Prozess nichts h\u00f6ren. Selbst die Artikel, die fast jeden Tag in der Zeitung dar\u00fcber erscheinen, \u00fcberbl\u00e4tterten sie.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Das Leben geht weiter, G\u00e4nsebraten mit Rotkohl wird serviert. Man soll die Vergangenheit doch ruhen lassen, Schlagermusik von Peter Alexander h\u00f6ren und froh sein mit dem, was man hat. Der deutsche Mann ist der Ern\u00e4hrer der Familie und sorgt und entscheidet f\u00fcr seine Frau, die nat\u00fcrlich nicht arbeiten gehen muss. Die guten 1960er Jahre haben begonnen und bestimmte Querulanten in der Staatsanwaltschaft, versuchen angesehene B\u00fcrger des Landes in den Dreck zu ziehen. Es werden nur L\u00fcgen verbreitet und die sogenannten Zeugen, die sowieso nicht glaubw\u00fcrdig sind, wollen nur Geld abzocken und Entsch\u00e4digungen erpressen. So die g\u00e4ngige, eindimensionale Meinung vieler Deutscher, die dem Auschwitz-Prozess skeptisch gegen\u00fcber standen. Die Kollektivschuld schloss alle mit ein, egal was sie sich wirklich an Verbrechen zu schulden haben kommen lassen.<br \/>\nDoch die Auschwitz-Prozesse von 1963 bis 1965 ver\u00e4nderten diese Sicht und stellten einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime dar.<\/p>\n<p>Hier setzt Annette Hess&#8216; fiktiver Roman mit dem Handlungsort Frankfurt am Main ein, der keine historisch verb\u00fcrgten Personen namentlich erw\u00e4hnt. Im Nachwort allerdings verweist die Autorin auf ihre Quellen, Archivmaterial und Hilfe von den Mitarbeitern des <em>\u201eFritz Bauer Instituts\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Die junge Eva Bruhns arbeitet f\u00fcr eine Agentur als Dolmetscherin f\u00fcr Polnisch. Sie hofft auf eine Ehe und vielleicht auch einen gesellschaftlichen Aufstieg mit J\u00fcrgen Schoormann, den Inhaber eines gutgehenden Versandhauses, der eigentlich Priester werden wollte. Da der Vater jedoch an Demenz erkrankt ist, muss er nun das Gesch\u00e4ft \u00fcbernehmen. Evas Familie f\u00fchrt das Gasthaus<em> \u201eDeutsches Haus\u201c<\/em>, der Vater ist der Koch, die Mutter bedient. Evas \u00e4ltere Schwester Annegret arbeitet als S\u00e4uglingsschwester und ihr Bruder Stefan spielt noch mit seinen Soldaten. Als Eva die Zeugenaussagen im anstehenden Prozess im B\u00fcrgerhaus \u00fcbersetzen soll, raten ihr alle von dieser T\u00e4tigkeit ab. Angeblich habe sie ein zu schwaches Nervenkost\u00fcm. Aber Eva ist nicht so zart wie alle behaupten, sie kann sich durchsetzen und sie kann, auch wenn sie mal ihr W\u00f6rterbuch benutzen muss, die wirklich grausigen Erz\u00e4hlungen der Menschen aus Polen verkraften. \u00dcber ein Jahr zieht sich die Handlung des Romans, der zu Beginn eine junge Frau zeigt, die sich in ihrer Familie und ihrer Haut sehr wohl f\u00fchlt. Am Ende wird diese Familie zerbrochen sein und Eva wird sich von ihr distanzieren, denn jeder, au\u00dfer der kleine Bruder, hat Schuld auf sich geladen. So wie die Angeklagten, die nur feixend oder emp\u00f6rt auf die Zeugen reagieren, m\u00fcssen sich die Eltern von Eva vor den eigenen Kindern rechtfertigen. Auch sie behaupten, wie \u201edie Bestie\u201c oder die anderen Naziverbrecher, dass sie nichts gewusst h\u00e4tten oder sich an nichts erinnern k\u00f6nnten. Eine kl\u00e4gliche Aussage, die Eva einfach nicht hinnehmen kann.<\/p>\n<p>Keine Frage Annette Hess kann unterhaltsam erz\u00e4hlen, lebendige Szenen erfinden, die dem Leser die handelnden Figuren klar vor Augen f\u00fchren. Dabei stehen die Menschen im Roman exemplarisch f\u00fcr bestimmte stereotype Charaktere, die in ihrer Zeit so agierten und wie viele sicher gedacht und gelebt haben.Annette Hess hat mit <em>\u201eDeutsches Haus\u201c<\/em> ihren Deb\u00fctroman vorgelegt, ist allerdings als Autorin bekannt durch die popul\u00e4ren Fernsehserien<em> \u201eWei\u00dfensee\u201c<\/em> und <em>\u201eKu&#8217;damm 56\u201c<\/em>. Auch hier hatte sich Annette Hess ein bestimmtes Kapitel der deutschen Geschichte vorgenommen und es trotz historischem Hintergrund und Ernst unterhaltsam und mit lebendigen wie widerspr\u00fcchlichen Figuren auf die Leinwand gebannt. In Interviews sagte Annette Hess, dass sie ihr neues Thema, die Auschwitz-Prozesse, nicht f\u00fcr das Fernsehen schreiben wollte. Es sollte in ihrer Regie, ohne die Einmischung von Redakteuren, vor dem inneren Auge des Lesers ablaufen. Das ist ihr auf jeden Fall gelungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annette Hess: Deutsches Haus, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 366 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-550-05024-4 \u201eDas Lager begann, ihr auf eine unerh\u00f6rte Weise vertraut zu werden: die Bl\u00f6cke, die Abteilungen, die Abl\u00e4ufe. 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