{"id":2507,"date":"2019-06-23T08:29:22","date_gmt":"2019-06-23T06:29:22","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2507"},"modified":"2019-06-23T08:29:22","modified_gmt":"2019-06-23T06:29:22","slug":"der-neunzigste-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/der-neunzigste-geburtstag\/","title":{"rendered":"Der neunzigste Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p><strong>G\u00fcnther de Bruyn: Der neunzigste Geburtstag, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 269 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-10-397390-7<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDie elegante Lockerheit, mit der er das lange Leben der Jubilarin mit kritischen Gedanken \u00fcber die Fehlentwicklungen der letzten Jahre hatte verbinden wollen, war ihm beim Formulieren abhandengekommen, seine Glossen waren zu Thesen erstarrt. Witzig hatte er darstellen wollen,  wie die Meinungsmacher jede ihnen nicht passende Meinung im Namen der Meinungsfreiheit zu unterdr\u00fccken versuchten, unserer Sprache die Sch\u00f6nheit und Verst\u00e4ndlichkeit nehmen und uns lehren wollen, fremde Kulturen h\u00f6her als die eigene zu achten, aber geraten war ihm das alles nicht witzig, sondern nur bitterernst.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Leonhardt Leydenfrost ist der j\u00fcngere Bruder der k\u00fcnftigen Jubilarin, Dr. Hedwig Leydenfrost, die als Kinder\u00e4rztin in Hamburg gearbeitet hatte, politisch aktiv war und noch heute ihre gute Rente an alle m\u00f6glichen Hilfsorganisationen verteilt. In einem Jahr wird sie ihren neunzigsten Geburtstag feiern.<br \/>\nAus des Sicht des konservativen und leicht knurrigen Leos verbringt der Leser nun ein Jahr in der l\u00e4ndlichen brandenburgischen Idylle von Wittenhagen. Hierher sind die beiden Geschwister, die den Gro\u00dfteil ihres Lebens im geteilten Deutschland verbracht haben, in die Familienvilla zur\u00fcckgekehrt, die sie jedoch nur mit dem Geld ihres Bruders Eckhardt, der wie Hedwig im Westen lebte und diese Unterst\u00fctzung aus der Portokasse bezahlte, leisten k\u00f6nnen. Leo entschloss sich nach der Wende, seiner geliebten Bibliothek in Berlin den R\u00fccken zu kehren und f\u00fcr die Fr\u00fchverrentung, da ihm die Kollegen signalisierten, dass er mit dem technischen Fortschritt nicht mehr mithalten k\u00f6nnte. Auch Hedwig zog es mit dem Alter in die Heimat. Neben den beiden nicht bitterb\u00f6sen aber doch andauernden im Zank lebenden Alten wohnt noch Leos Tochter Wilhelmine mit ihrem fast vollj\u00e4hrigen Sohn Walter im gro\u00dfen Haus. Auch Fatima M\u00fcller, die Ziehtochter von Hedwig geh\u00f6rt zur Familie. Auch Wilhelmine pflegt mit ihrem alten Vater keinen harmonischen Hausfrieden. Sie wirft ihm oft vor, dass er sie und ihre Schwester Luise zugunsten des Sohnes Rainer vernachl\u00e4ssigt h\u00e4tte. Leo macht kein Hehl daraus, dass er seine M\u00e4dchen nie mit B\u00fcchern vor der Nase sah und nun auf den Sohn hoffte. Dieser allerdings kehrte dem Vater so radikal den R\u00fccken, dass bis heute kein Kontakt mehr herrscht. Voller Reue und Selbstkritik erkennt der Vater an, dass die Tochter recht hat, denn er mehr als alles neben dem Sohn seine Frau Maria geliebt, die nun schon lang tot ist.<\/p>\n<p>In der Erinnerung lebend begibt sich der literaturverliebte Leo, der seine magere Rente eher f\u00fcr B\u00fccher ausgibt und seinen Lenau, Storm, M\u00f6ricke, Rilke und Goethe immer noch im Kopf hat, wenn die Dorfstra\u00dfe passierbar ist, zum Friseur, um dort am letzten Ort des Gedankenaustausches, ein bisschen Klatsch und Tratsch zu h\u00f6ren. Der Pfarrer ist seit zwei Jahren verstorben, eine Kneipe gibt es l\u00e4ngst nicht mehr. Das 200 Seelen Dorf d\u00e4mmert so vor sich hin und wer das Weite suchen kann, ob in Potsdam oder der Welt, der geht fort. Und so lebt Leo jedes Mal auf, wenn sich mal ein j\u00fcngeres Gesicht, wie z.B. eine freie Journalistin, eine Politikerin oder eine neue Pfarrerin im Ort sehen lassen. Aber schnell kippt diese Begeisterung in Missstimmung um, denn Leo muss sich oftmals Belehrungen anh\u00f6ren, die ihn zutiefst kr\u00e4nken. Jeder scheint ihm sagen zu d\u00fcrfen, einschlie\u00dflich seiner Tochter, dass er, was ja klar war, rechts sei, nicht offen f\u00fcr das neue Denken und die wirtschaftliche Bedeutung der neuen Mitb\u00fcrger. Die \u201eVerstocktheit der Ost-Seele\u201c bleibt in der Kritik. Niemand will seine dezidierte Meinung h\u00f6ren, auch nicht Hedwigs Ansichten, die auch noch zu einem Parteijubil\u00e4um eingeladen wird, und der dies alles zuwider ist.<\/p>\n<p>\u201eAlles war sauberer, moderner, vielleicht auch sch\u00f6ner geworden, Hedwig aber war es fremd geworden, als habe sie zu lange gelebt.\u201c<\/p>\n<p>Im Dorf geblieben sind nun nur die Alten und die Gesch\u00e4ftemacher, wie der gute Bekannte und Arbeitgeber von Wilhelmine Hoffmann. Seine dubiose Vergangenheit in der DDR und seine Verbindung zu Leos Sohn, der offenbar an h\u00f6chster Stelle im Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit t\u00e4tig war, stimmen Leo eher vorsichtig. Hoffmann, der sich als umtriebiger Landwirtschaftsexperte wohl einen Namen gemacht hat, ist es auch, der mit \u00f6ffentlichen Mitteln gest\u00fctzt sich mit seiner Firma f\u00fcr Gefl\u00fcchtete einsetzt. Im Ritterstall sollen sie in Wittenhagen wohnen. Hedwig m\u00f6chte zu einen Verein gr\u00fcnden, damit sie Spenden f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingskinder sammeln kann. Man ist \u00fcbereingekommen, dass sich Fl\u00fcchtlingskinder f\u00fcr die Ohren der m\u00f6glichen Spender gut anh\u00f6rt. Auch soll niemand zum 90. Geburtstag Geschenke mitbringen, sondern Geld f\u00fcr den Verein spenden. Dass die sogenannten Kinder aus Afghanistan und Syrien eher minderj\u00e4hrige Jugendliche oder auch m\u00f6glicherweise schon erwachsene M\u00e4nner sind, hat man Hedwig nicht mitgeteilt. Dass die Begeisterung der Wittenhagener nicht sonderlich gro\u00df ist, darf auch gesagt werden. Aber alles kommt ganz anders. Am Tag des Einzugs l\u00e4sst sich niemand sehen. Die k\u00fcnftigen muslimischen Mitb\u00fcrger zieht es eher nach Berlin oder in Regionen mit mehr Arbeitsm\u00f6glichkeiten. F\u00fcr Hoffmann eine gute Gelegenheit, seine Hotelpl\u00e4ne in die Tat umzusetzen.<\/p>\n<p>Der 92-j\u00e4hrige G\u00fcnter de Bruyn legt die Beschreibungen der Gebrechen des Alters, die Reflexionen \u00fcber vergangene Jahre und die sich tief eingebrannten Erinnerungen in Leos Mund, l\u00e4sst ihn seine Sicht auf die Gegenwart zumindest in Gedanken, aus Leos schriftstellerischen Aktivit\u00e4ten wird nichts, dem Leser in einer wunderbaren Sprache mitteilen. Mit dem Blick zum Wetter und in die flache Landschaft beginnen die Kapitel, denen Naturschilderungen der m\u00e4rkischen Heimat folgen, dabei war doch Maria, Leos Ehefrau, diejenige die jede Pflanze kannte. Der Autor hat einen verbl\u00fcffenden Altersstil, einst an Theodor Fontane geschult, entwickelt als fortw\u00e4hrende Verfeinerung, die der Sprache gleichwohl nicht die Kraft nimmt, sondern sie nur stetig intensiver leuchten l\u00e4sst. Herrlich schrullig am\u00fcsant sind die Auseinandersetzungen, die Leo \u00fcber die Verunglimpfung der Sprache f\u00fchrt, dabei ist der politisch korrekte Gender-Fanatismus ein Aspekt. Mahnend die Angst, dass es immer weniger Leser k\u00fcnftig geben wird. Alte Seilschaften profitieren von neuen Strukturen und gelangen zu vor\u00fcbergehendem Erfolg. Der Autor, der sich mit Romanen wie <em>\u201eBuridans Esel\u201c<\/em> oder <em>\u201eNeue Herrlichkeit\u201c<\/em>, aber auch Biografien einen Namen gemacht hat, thematisiert in diesem Roman seine Vorbehalte gegen politische Bekundungen. Mit Ironie und Sarkasmus blickt G\u00fcnter de Bruyn auf die gesellschaftlich politischen Geschehnisse, auf den unsensiblen Umgang mit alten Menschen und ihre Lebensleistungen und der zunehmenden Spaltung der deutschen Gesellschaft, die einfach nicht mehr zu \u00fcbersehen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcnther de Bruyn: Der neunzigste Geburtstag, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 269 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-10-397390-7 \u201eDie elegante Lockerheit, mit der er das lange Leben der Jubilarin mit kritischen Gedanken \u00fcber die Fehlentwicklungen der letzten Jahre hatte verbinden wollen, war&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/der-neunzigste-geburtstag\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2507"}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2507"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2620,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2507\/revisions\/2620"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}