{"id":2505,"date":"2019-06-23T08:29:41","date_gmt":"2019-06-23T06:29:41","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2505"},"modified":"2019-06-23T08:29:41","modified_gmt":"2019-06-23T06:29:41","slug":"schaefchen-im-trockenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/schaefchen-im-trockenen\/","title":{"rendered":"Sch\u00e4fchen im Trockenen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anke Stelling: Sch\u00e4fchen im Trockenen, Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 266 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-95732-338-5<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSch\u00f6n ist das, sich in solchen Kreisen zu bewegen.<br \/>\nBis man feststellt, dass irgendwas faul ist.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Resi, die Erz\u00e4hlerin dieser Geschichte, richtet ihre Worte an ihre 14-j\u00e4hrige Tochter Bea. Sie soll an ihren reichhaltigen Erfahrungen partizipieren und f\u00fcrs k\u00fcnftige Leben lernen. Resi, die Schriftstellerin, lebt mit Mann Sven und ihren vier Kindern im Prenzlauer Berg, da, wo all die Schwaben wohnen, die man gern die \u00d6ko-Schwaben nennt und die ber\u00fcchtigt sind f\u00fcr die extrem teuren Kinderwagen und ihrer Ignoranz der Berliner Schrippe gegen\u00fcber. Aber das nur am Rande.<br \/>\nFakt ist, dass Resi mit ihrer Familie in der Wohnung des befreundeten Ehepaares Frank und Vera wohnt. Weitere Freunde, alle jetzt so Mitte 40, sind wie Vera und Frank in ein gemeinsames Haus, ihr Bauprojekt Kommune 23, gezogen. Resi hat \u00fcber dieses Bauprojekt mit gemeinsamem Garten in der Innenstadt f\u00fcr eine Zeitschrift geschrieben und sich so den Zorn der Freundesgruppe zugezogen. Ein Buch folgte wohl noch, und das hat dann das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht. Vera, die Resi seit ihrem dritten Lebensjahr kennt, k\u00fcndigt ihr per E-Mail die Freundschaft und Frank schickt gleich einen Schrieb hinterher, in dem er sie aus der Wohnung in drei Monaten also nach Weihnachten rausschmei\u00dft.<\/p>\n<p>Nun sitzt Resi in ihrer Schreibkammer und res\u00fcmiert \u00fcber das gegenw\u00e4rtige Geschehen, erinnert sich aber vor allem an dieKindheit, die Gymnasiumszeit und an die Anfangszeiten in Berlin. Wie konnte es zu dieser Entwicklung zwischen den Freunden kommen? Ist Resi wirklich diese romantische Tr\u00e4umerin, die gedem\u00fctigt als Sp\u00e4tz\u00fcnderin nun erkennt, dass zwar in den 1980er Jahren alle irgendwie noch gleich waren, aber wenn Heiraten, Kinder kriegen und Nestbau angesagt sind, die finanziellen M\u00f6glichkeiten die einst Gleichgesinnten schmerzlich trennen. Wie Resi mit K\u00fcnstler-Ehemann und vier Kindern \u00fcberhaupt finanziell \u00fcber die Runden kommt, gut das Aufstocken wird mal so nebenher erw\u00e4hnt, bleibt ein R\u00e4tsel. Mit dem Honorar von einem Artikel in einer Zeitschrift kann sie sicher keinen Urlaub mit vier Kindern am Meer machen. Apropos Kinder. Anke Stelling schreibt herrlich lebensnahe Dialoge, die den kompakten Alltag in seiner ern\u00fcchternden Offenbarung zeigen und wirklich mehr als komisch sind. Ob es nun die Streitereien sind, die sie als Mutter mit den Kindern austr\u00e4gt oder die Dialoge mit den satten Freunden, ob Ulf, Friederike, Ingmar, Ellen oder Christian, die ihre Lebensweisheiten gern einer Mutter mit vier Kindern unter die Nase reiben.<\/p>\n<p>Den Freunden jedenfalls ist klar, dass Resi einfach nur der Sozialneid plagt. Sie stilisiere sich als Opfer und w\u00fcrde allen nur mit ihrem Egoismus auf den Nerv gehen. Die gl\u00fccklich erbenden Schwaben k\u00f6nnen gar nicht verstehen, dass Resi, die vieles in Heimarbeit selbst herstellt, gar nicht wild ist auf begehbare Schr\u00e4nke oder gro\u00dfz\u00fcgig geschnittene K\u00fcchen. Und sie m\u00f6chte sicher nicht als <em>\u201eSozialprojekt\u201c<\/em> ihrer reichen Freunde vorgef\u00fchrt werden und als Geringverdienerin mit an Bord der Baugruppe gehievt werden.<\/p>\n<p><em>\u201eDa fiel mir auf, dass Armut f\u00fcr Ingmar ein willkommenes Unterscheidungsmerkmal zu sich selbst darstellte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Resi beneidet Willi, das renitente Kind von Vera, das sie eigentlich gar nicht mag, um seine ehrlichen Wutausbr\u00fcche. Gleiche Bildung hei\u00dft letztendlich nicht gleiche Gesellschaftsschicht, und dass diejenigen, die arbeiten m\u00fcssen nicht mehr den Lebensstandard ihrer Eltern erreichen, ist auch kein Geheimnis mehr. Sicher w\u00e4re Resi finanziell besser gestellt, h\u00e4tte sie ihren einstigen Freund und heutigen Kumpel Ulf geheiratet. Aber daraus wurde einfach nichts. Nun steht das Horrorszenario Marzahn vor ihrem inneren Auge, das Wohnen in Plattenbauten mit d\u00fcnnen W\u00e4nden zwischen schrecklichen Prolos. H\u00e4tte sie die Brosamen ihrer Freunde angenommen und sich nie \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert, h\u00e4tte sie jetzt ein sch\u00f6neres Leben.<\/p>\n<p>Niemand kann die Doppelmoral der reichen Erben und wohlanst\u00e4ndigen Westdeutschen so gut auseinandernehmen wie Anke Stelling. Bereits im Roman <em>\u201eBodentiefe Fenster\u201c<\/em> kreiste die Autorin um das Klientel der Zugereisten und Besserverdiener. Dass sie sich damit keine Freunde gemacht hat, glaubt ihr sofort jeder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anke Stelling: Sch\u00e4fchen im Trockenen, Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 266 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-95732-338-5 \u201eSch\u00f6n ist das, sich in solchen Kreisen zu bewegen. 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