{"id":2499,"date":"2019-06-23T08:31:05","date_gmt":"2019-06-23T06:31:05","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2499"},"modified":"2019-06-23T08:31:05","modified_gmt":"2019-06-23T06:31:05","slug":"ein-tag-eine-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ein-tag-eine-nacht\/","title":{"rendered":"Ein Tag, eine Nacht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jennifer Kitses: Ein Tag, eine Nacht, Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2018, 308 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-423-28970-2<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEr selbst lernte auch. Im st\u00e4ndigen Alarmzustand zu leben. Auf der Hut zu sein. Er \u00fcberlegte, bevor er den Mund aufmachte. Er kontrollierte sich. Das war anstrengend und erm\u00fcdete ihn, und manchmal verga\u00df er Dinge oder sah sich um, fragte sich, was er nur Augenblicke zuvor getan oder gesagt hatte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ein nicht mehr ganz so junges Paar, Tom und Helen, sind Anfang vierzig, leben mit ihren dreij\u00e4hrigen Zwillingen seit zwei Jahren in Devon. Tom f\u00e4hrt jeden Tag mit dem Zug nach New York zu seinem Arbeitsplatz. Erst k\u00fcrzlich hat er die Arbeit als Online-Redakteur bei einer Wissenschaftsredaktion gefunden, denn im unsicheren Medienbereich wurde sein letzter Arbeitsplatz einfach abgebaut. Er genie\u00dft die Ruhe dieser Zugfahrt, die sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum erstreckt, denn Tom befindet sich seit gut drei Jahren in einem existentiellen Dilemma. Mit Donna seiner Chefin im alten Job hatte er ein kurzes Verh\u00e4ltnis. Als sie ihm mitteilte, das sie schwanger ist, stand schon fest, sie bekommt das Kind nicht. Aber Donna ist in sich gegangen, ihr wurde schmerzlich bewusst, als erfolgreiche Karrierefrau ist das vielleicht ihre einzige Chance auf ein Kind. Tom sollte als Vater nie in Erscheinung treten, weder finanziell noch physisch. Doch Donna bezog ihn trotz gutem Netzwerk in die Versorgung der gemeinsamen Tochter Elana mit ein.<\/p>\n<p>Nun hat sie ein Angebot, sie will mit Elana nach London ziehen. Als Tom dies erf\u00e4hrt, versucht er Donna umzustimmen. Helen hat keine Ahnung, dass es ein anderes Kind gibt, dass genauso alt ist wie ihre M\u00e4dchen. Sie wei\u00df nur, dass Tom eine Liebschaft hatte. Diese war dann wohl auch der Grund, das f\u00fcr sie bezahlbare Haus in Devon zu suchen. Aber Helen und Tom haben sich finanziell v\u00f6llig verkalkuliert, sie leben immer mehr vom Hin- und Herschieben ihrer Kreditkarten und stecken tief in den Miesen. Helen konnte nach der Geburt der Kinder, auch aus Spargr\u00fcnden der Firma, nicht mehr in der Werbebranche fest arbeiten. Ihr Chef bietet ihr eine Stelle als Freiberuflerin an. Sie nennt sich nun Art Director, arbeitet viel, verdient bedeutend weniger und hechelt von einer Deadline zur n\u00e4chsten. Immer wieder setzt sie die Kinder vor einen Zeichentrickfilm, verl\u00e4sst sich auf Toms Bereitschaft, gleich nach der Arbeit sich um die Kinder zu k\u00fcmmern, um bis sp\u00e4t in die Nacht noch am Computer zu arbeiten. Tom und Helen sp\u00fcren, dass sie in Devon, im Gegensatz zu Manhattan, sich an ihrem neuen Wohnort nicht richtig wohl f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Flucht ins kleine Gl\u00fcck mit Haus und Garten erscheint wie ein Trugschluss.<\/p>\n<p>Tom jedoch, und das scheint sich, seit drei Jahren durch sein Leben zu ziehen, macht einen Fehler nach dem anderen. Er schaufelt sich Zeit f\u00fcr Elana frei, wei\u00df, dass sein unsympathischer Chef ihn st\u00e4ndig beobachtet, da er auch im Job nicht mehr zuverl\u00e4ssig ist. Helen, die eigentlich vor nichts Angst hat, bemerkt, dass sich in ihr eine ungeahnte Wut angesammelt hat. Schon Kleinigkeiten bringen sie bereits auf die Palme. Noch l\u00e4sst sie diese Anspannung nicht an den Kindern aus. Doch als sie mit den Zwillingen auf dem Spielplatz an zwei trinkende und rauchende Jugendliche ger\u00e4t, entl\u00e4dt sich eine Aggression, die Folgen haben wird. Und Helen wird, da Tom in dieser Nacht nicht nach Hause kommt, auf seinem PC unbekannte Fotos finden und eine Entdeckung machen.<\/p>\n<p>Der Leser umkreist das Leben von Helen und Tom, die einen Tag und eine Nacht jeweils aus ihren Perspektiven in ihrem Alltag begleitet werden. Beide m\u00fcssen extrem unangenehme Begegnungen aushalten, die sie auch k\u00f6rperlich an den Rand des Burnout bringen. Helen f\u00fchlt sich von den erwachsenen Br\u00fcdern der beiden Teenager verfolgt und sie reibt sich zwischen Kinderbetreuung und beruflichen E-Mails wie st\u00e4ndigen Anrufen ihrer Arbeitgeber v\u00f6llig auf. Tom schreibt einen falschen Code und verbreitet die Todesnachricht eines Prominenten im Netz, die keine ist, und ahnt, dass sein Chef ihn feuern wird. Als er mit Donna in seiner knappen Mittagspause \u00fcber ihren Wegzug debattiert, versteht er, wie sehr er an seiner dritten Tochter h\u00e4ngt. Er muss Helen, der er am meisten vertraut, endlich gestehen, dass Elana existiert und er in ihrem Leben eine Rolle spielen will. In der Binnenhandlung spitzen sich die Konflikte f\u00fcr Helen und Tom dramatisch zu, in ihren Reflexionen, z.B. \u00fcber das finanziell ausgeglichene Leben von Helens Eltern wird deutlich, wie \u00fcberfordert die heutige Generation mit all ihren M\u00f6glichkeiten, aber auch Anspr\u00fcchen und Erwartungen an ein gutes Leben ist.<\/p>\n<p>Jennifer Kitses&#8216; Figuren sind nie eindimensional, ihre Dialoge wirken lebensecht und \u00fcberraschen durch Gedankenspr\u00fcnge und Assoziationen. Das d\u00fcnne Eis auf dem Helen und Tom, die doch eigentlich ein souver\u00e4nes und sich liebendes Paar sind, dahingleiten, spiegelt die von Krisen bedr\u00e4ngte Gesellschaft, die immer \u00f6fter falsche Entscheidungen trifft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jennifer Kitses: Ein Tag, eine Nacht, Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2018, 308 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-423-28970-2 \u201eEr selbst lernte auch. Im st\u00e4ndigen Alarmzustand zu leben. Auf der Hut zu sein. 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