{"id":2495,"date":"2019-06-23T08:31:43","date_gmt":"2019-06-23T06:31:43","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2495"},"modified":"2019-06-23T08:31:43","modified_gmt":"2019-06-23T06:31:43","slug":"die-gesichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-gesichter\/","title":{"rendered":"Die Gesichter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tom Rachman: Die Gesichter, Aus dem Englischen von Bernhard Robben, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2018, 416 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-423-28969-6 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWie absurd, denkt Pinch mit geballten F\u00e4usten. St\u00fcnde Bear jetzt neben den Bildern, w\u00fcrde alle Welt sie lieben. Und das genau ist das Problem. Denn jetzt stehe ich hier.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Als der vierzigj\u00e4hrige Amerikaner Bear Bavinsky im Jahr 1949 in Rom die zwanzigj\u00e4hrige Kanadierin Natalie kennenlernt, st\u00fcrzen sich alle Exilamerikaner auf den charismatischen Maler. Natalie f\u00fchlt sie immer ausgeschlossen. All ihre Liebe schenkt sie ihrem gemeinsamen Sohn Pinch, der eigentlich Charlie hei\u00dft. Natalie versucht sich als T\u00f6pferin, glaubt aber nie genug Talent zu haben. Sie hat nach einem Streit mit der Mutter Ruth das Weite gesucht. Bear, ein temperamentvoller, gro\u00dfz\u00fcgiger, aber auch egoistischer, launischer und selbstbezogener K\u00fcnstler, ist viel zu sehr mit sich und seinem Werk besch\u00e4ftigt, um sie zu ermutigen. Vieles verbrennt der Maler, wenn es nicht vor seinem kritischen Auge besteht. Und Bear, der finanziell abgesichert ist, geht es nie ums Geld, sondern um seinen Platz in Sammlungen oder Museen. Zwar heiraten die beiden, aber Bear kehrt bald wieder zu seiner amerikanischen Familie zur\u00fcck. Ungehemmt und voller Enthusiasmus f\u00fchrt dieser K\u00fcnstler, so wie es alle erwarten, sein Leben und wird am Ende siebzehn Kinder gezeugt haben.<\/p>\n<p>In gro\u00dfen Zeitabschnitten begleitet der Leser nun den allein gelassenen Sohn des gro\u00dfen Malers durch sein anscheinend leeres und mittelm\u00e4\u00dfiges Leben. Nie hat ihm die aufopferungsvolle Liebe der Mutter und ihre Ermutigungen an seine Begabung gen\u00fcgt, er sehnte sich immer nach der Anerkennung des Vaters. Doch dieser, der alle mit gro\u00dfen Gesten umarmen kann, zerst\u00f6rte, als der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Pinch ihn endlich mal in den USA besuchen durfte, mit einem Satz alle Ambitionen des Sohnes auf eine K\u00fcnstlerkarriere. Pinch findet an keiner Schule Freunde, er sieht die Einsamkeit seiner Mutter als erfolglose K\u00fcnstlerin, ihre Scham, wenn sie nur hofiert wird, weil sie den Namen Bavinsky tr\u00e4gt und doch niemand etwas nach einer Galerieausstellung kauft.<br \/>\nDepressionen, st\u00e4ndige psychische Krisen und die Flucht ins b\u00fcrgerliche Leben bleiben der Mutter und am Ende ein qualvoller Selbstmord.<br \/>\nPinch klammert sich nun an eine akademische Laufbahn, lernt die begabte Cilla Barrows kennen und besucht mit ihr gemeinsam das Ferienhaus des Vaters in Frankreich. Pinch soll ihm mit seinen Sprachkenntnissen helfen, das Haus zu verkaufen. Doch als Cilla und der Vater zusammentreffen, kommt es zu einer Auseinandersetzung, an deren Ende Cilla ihn heftig kritisieren wird und Pinch verl\u00e4sst.<br \/>\nImmer wieder ringt Pinch um die Liebe des Vaters. Er sendet ihm seine Doktorarbeit, die der Vater nicht mal liest. Pinch heiratet, der Vater kommt nicht zur Hochzeit und schickt auch nie die versprochene Kiste Champagner. Die Ehe mit Julie h\u00e4lt nicht lang. Pinch ist ein Verlierer, er glaubt nicht an sich. Er arbeitet als Italienischlehrer mehr schlecht als recht.<br \/>\nZum Verkauf des Ferienhauses in Frankreich jedoch wird es nie kommen, denn der Vater hortet dort seine Bilder. Sein k\u00fcnstlerischer Stern ist langsam im Sinken. Pinchs \u00fcbergro\u00dfe Liebe zum Vater verkehrt sich langsam ins Gegenteil. Als der Vater ihm mitteilt, dass er seinen Nachlass verwalten soll, zerst\u00f6rt er im Anflug von Rache und betrunken eines der Bilder im Atelier in Frankreich.<br \/>\nGeschockt von dieser Tat kopiert Pinch das Bild des Vaters hinter seinem R\u00fccken und verkauft es, um seiner Halbschwester Birdie aus ihrer schrecklichen Ehe zu befreien. Pinch lebt nun in der st\u00e4ndigen Angst, dass der Vater hinter diesen Betrug gelangen k\u00f6nnte. Und zurecht, denn seine Wut ist unertr\u00e4glich, vernichtend.<br \/>\nNach den Tod des Vaters zeichnet Pinch dann den Zyklus Die Gesichter und verewigt nicht Gliedma\u00dfen, die Bear oft als Motiv w\u00e4hlte, sondern die Gesichter seiner Kinder.<br \/>\nWas bedeutet Kunst? Wer ist ein wahrer K\u00fcnstler? Kann jeder Kunst machen, der sich mit seinem Charisma einfach gut vermarkten kann? Wie f\u00fchrt man ein bedeutendes Leben?<\/p>\n<p>Wenn Bear ein Bild malt, ist die Welt entz\u00fcckt, auch wenn der Maler eigentlich sein Sohn ist.<br \/>\nDie Nachkommen Bears wittern nur das Geld, als das sogenannte Sp\u00e4twerk von Bear auftaucht als Genugtuung f\u00fcr die konsequente Missachtung durch den Vater und sein Desinteresse.<br \/>\nBis in die Gegenwart hinein umkreist Tom Rachman nicht den gro\u00dfen K\u00fcnstler, sondern seinen unbedeutenden Sohn, der im Schatten des Vaters nicht gl\u00fccklich werden konnte.<\/p>\n<p>Tom Rachman erz\u00e4hlt von einer uns\u00e4glichen Intrige innerhalb des internationalen Kunstmarkts und er stellt einen Menschen in den Mittelpunkt seines Romans, der mit sich ringt und am Ende irgendwie doch froh wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tom Rachman: Die Gesichter, Aus dem Englischen von Bernhard Robben, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2018, 416 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-423-28969-6 \u201eWie absurd, denkt Pinch mit geballten F\u00e4usten. 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