{"id":2443,"date":"2019-06-23T08:42:10","date_gmt":"2019-06-23T06:42:10","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2443"},"modified":"2019-06-23T08:42:10","modified_gmt":"2019-06-23T06:42:10","slug":"die-heimkehrer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-heimkehrer\/","title":{"rendered":"Die Heimkehrer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sana Krasikov: Die Heimkehrer, Deutsch von Silvia Morawetz, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2018, 799 Seiten, \u20ac26,00, 978-3-630-87308-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch trauerte jetzt, weil ich sie, als sie lebte, nicht verstanden hatte. Bis zum Schluss hatte sie mich daran gehindert, sie zu verstehen, hatte es mir mit ihrem Schweigen, mit Verdr\u00e4ngung und Auslassungen verwehrt. Nicht ihre Vergangenheit in den Lagern per se. Wohlweislich habe ich sie \u00fcber ihre Reise durch den Bauch der H\u00f6lle nicht ausgefragt, habe ihr Schweigen \u00fcber das Thema respektiert.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Was Florences Sohn Julian nicht ertragen konnte, war, dass die Mutter ihr Leben in der Sowjetunion und deren politisches System auch nach ihrer R\u00fcckkehr in die USA nicht verurteilte. Immerhin wurde sein Vater w\u00e4hrend der sogenannten S\u00e4uberungen get\u00f6tet, die j\u00fcdische Mutter sa\u00df sieben Jahre in Gef\u00e4ngnislagern und Julian lebte gedem\u00fctigt von seinem sechsten bis dreizehnten Lebensjahr in einem Kinderheim. Immer wieder behauptete die Mutter, dass sich der Staat doch auch immer um seine Kinder gek\u00fcmmert h\u00e4tte. Julian hat genug grausame Erinnerungen daran, wie sich das diktatorische System wirklich gek\u00fcmmert hat. Zum Gl\u00fcck verlebte er nach einem Wechsel auch gute Jahre in einem Heim.<\/p>\n<p>Der volumin\u00f6se Roman beginnt mit der Szene, in der Florence im Jahr 1956 ihrem Sohn auf dem Bahnhof in Saratow nach der Lagerhaft begegnet.<\/p>\n<p>Im zeitlichen Wechsel zwischen 1933 und 2008 erz\u00e4hlen Florence, aber auch Julian und sein Sohn Lenny von ihrem Leben. In den 1930er Jahren verl\u00e4sst die eigensinnige Florence ihr amerikanisches Zuhause. Sie hatte sich in einen Russen verliebt, den sie w\u00e4hrend ihrer Arbeit bei der sowjetischen Handelsvertretung kennengelernt hatte. Sie folgt ihm nach Magnitogorsk, trotz der vehementen Auseinandersetzungen mit der eigenen Familie.<\/p>\n<p>Florence ist keine Kommunistin, sie ist auch nie in die kommunistische Partei eingetreten und den Personenkult um Stalin konnte sie nicht guthei\u00dfen. Sie wollte ein Abenteuer erleben, eine Gesellschaft, in der alle gleichberechtigt leben. Und so staunt sie nicht schlecht, als sie die L\u00e4den in Moskau entdeckt, in denen nur privilegierte Ausl\u00e4nder einkaufen d\u00fcrfen.<br \/>\nRussische Frauen sehen Florences Sachen und kaufen sie ihr zu hohen Preisen ab. Nach und nach wird auch Florence klar, dass sie mit ihrem bisschen Russisch zwar irgendwie durchkommt, aber in einer Mangelwirtschaft leben muss, wo es an allem fehlt, ordentlicher Wohnraum, Lebensmittel, auch Arbeit. Als Florence ihren Traummann Sergej wiedersieht, r\u00e4t dieser ihr, so schnell wie m\u00f6glich das Land wieder zu verlassen. Doch mittlerweile ist es schon zu sp\u00e4t. Die Beh\u00f6rden nehmen ihr den Pass und sie hat inzwischen auch den j\u00fcdischen Amerikaner Leon Brink kennengelernt und sich in ihn verliebt.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der nahen Gegenwart reist Julian als Angestellter eines \u00d6l- und Gasunternehmens nach Russland. Vor Jahren ist seine Mutter gestorben. Sie ist mit ihm, als er mit neununddrei\u00dfig Jahren die Sowjetunion auch aus beruflichen Gr\u00fcnden verlassen hat, nach Brooklyn zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p>Julian besch\u00e4ftigt sich mit der Vergangenheit der Mutter und hofft nach Jelzins \u00d6ffnung der Archive des KGB auf die Herausgabe ihrer Unterlagen. Er ahnt nicht, dass sie, ohne eine Wahl gehabt zu haben, der Geheimpolizei zuarbeiten musste. Nat\u00fcrlich will er wissen, warum die Mutter ins Lager musste. Was war geschehen? Au\u00dferdem m\u00f6chte Julian seinen Sohn Lenny wieder nach Hause holen. Lenny war immer der Liebling von Florence. Doch nun hat er seinen Job in Moskau durch eine Firmenzusammenf\u00fchrung verloren. Das schnelle Geld ist f\u00fcr Lenny weit entfernt, die Familie m\u00f6chte, dass er endlich sein Studium beendet.<\/p>\n<p>Florence wechselt die Arbeitsstellen, zieht mit Leon Brink zusammen, arbeitet mit ihm beim J\u00fcdischen Komitee, \u00fcbersetzt Schriften. Allerdings vermag sie sich nicht die sowjetische F\u00e4higkeit anzueignen, das Leben so zu sehen, wie es wird. Das Gef\u00fchl der Angst, das Misstrauen gegen\u00fcber jedem in der Wohnung, in der Arbeit bestimmt ihr Leben. Niemand ist sicher, die Spitzel sind \u00fcberall und das wei\u00df Florence selbst ganz genau. Die westlichen Botschaften haben ihren Mitb\u00fcrgern in der Sowjetunion den R\u00fccken gekehrt. Zwar plant die Familie Brink, auch als Julian auf der Welt ist, die Flucht, k\u00f6nnen sie aber nicht umsetzen, da sie verhaftet werden.<\/p>\n<p>Als Landesverr\u00e4ter wurde Leon Brink wahrscheinlich ohne Prozess erschossen, Florence konnte ihre Strafe, angeklagt wegen Spionaget\u00e4tigkeit, beeinflussen, da sie mittlerweile die Mentalit\u00e4t der Russen gut kennt. Hatte sie letztendlich doch nur ein paar westliche Zeitungen gelesen.<br \/>\nJulian versteht langsam, dass seine Mutter sich nie negativ \u00fcber ihre Vergangenheit ge\u00e4u\u00dfert hat, geschwiegen hat, da sie selbst zur Schuldigen wurde.<br \/>\nVielleicht haben Diktaturen, auch die des Proletariats, eines gemein, es geht immer um eine vorgegebene Meinung, wird dieser nicht gefolgt, gibt es keine Alternative. Gaukelte der Sozialismus einst den Menschen vor, die bessere Gesellschaft zu sein, so erf\u00fcllte sie doch nie deren Anspr\u00fcche, Tr\u00e4ume und Hoffnungen. Wenn in einer Gesellschaft bereits Kinder zu Denunziationen angestiftet werden, stimmt vieles nicht. In der Sowjetunion kam zur Unberechenbarkeit der Herrschenden, die Korruption und vor allem die wirklich elenden Lebensverh\u00e4ltnisse. Mag sich im heutigen Russland eines ge\u00e4ndert haben, die Spanne zwischen Arm und Reich klafft weit.<\/p>\n<p>Ohne ihre Figuren und deren Handeln zu bewerten, erz\u00e4hlt Sana Krasikov, im Jahr 1979 in der Ukraine geboren und l\u00e4ngst New Yorkerin, lebendig, angereichert mit Hintergrundmaterial und doch szenisch genau vom Schicksal vieler Menschen und ihrem Leben in der Sowjetunion und im Russland unserer Tage. Durch den zeitlichen, nicht chronologischen Ablauf gewinnt die Geschichte an Dynamik. Wie grausam gerade im 20. Jahrhundert angeblich fortschrittliche L\u00e4nder mit ihren B\u00fcrgern umgegangen sind, ist kaum zu ertragen. Florence wird ihren Frieden gemacht haben, der Preis jedoch war hoch:<em>\u201eSie gelangte zu der Erkenntnis, dass das Geheimnis des Lebens darin bestand, zu vergessen.\u201c <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sana Krasikov: Die Heimkehrer, Deutsch von Silvia Morawetz, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2018, 799 Seiten, \u20ac26,00, 978-3-630-87308-4 \u201eIch trauerte jetzt, weil ich sie, als sie lebte, nicht verstanden hatte. 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