{"id":2439,"date":"2019-06-23T08:42:30","date_gmt":"2019-06-23T06:42:30","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2439"},"modified":"2019-06-23T08:42:30","modified_gmt":"2019-06-23T06:42:30","slug":"mutterland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/mutterland\/","title":{"rendered":"Mutterland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Paul Theroux: Mutterland, Aus dem Englischen von Theda Krohm-Linke, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 654\u200aSeiten, \u20ac28,00, 978-3-455-00290-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e In ihrer Eigenschaft als Mutter besa\u00df eine Mutter Macht, doch die konnte sie auch v\u00f6llig verantwortungslos aus\u00fcben. Deswegen waren so viele M\u00fctter kalt, unaufmerksam, korrupt, manipulativ, eigensinnig, eitel, materialistisch, diktatorisch. Eine Narzisstin, jemand, der einem die Luft abschn\u00fcrte. \u2026 Mutters Bosheit war aus einem kleinen Keim erwachsen. Sie hatte ihr Leben begonnen, indem sie flunkerte und die Wahrheit zurechtbog, ein bed\u00fcrftiges Kind mit ungl\u00fccklichen Eltern, und jetzt im Alter besa\u00df sie alle Attribute einer wahnsinnigen alten K\u00f6nigin. \u201c<\/em><\/p>\n<p>Mit gut sechsundf\u00fcnfzig Jahren begibt sich der Ich-Erz\u00e4hler und Reiseschriftsteller, Jay Justus, wieder ins<em> \u201eMutterland\u201c<\/em>. Er zieht nach dem Tod des Vaters in die N\u00e4he seiner Mutter nach Cap Cod. Auch seine sechs Geschwister, Floyd, ein Lyriker und Universit\u00e4tsprofessor, Fred, ein Anwalt, Franny und Rose, beide Lehrerinnen, Gilbert, Diplomat und Liebling der Mutter und Hubby, Krankenpfleger, zieht es zur\u00fcck an den Kindheitsort. Dabei ist die Mutter alles andere als liebenswert, sie hetzt die Kinder gegeneinander auf, sie ist keine gute K\u00f6chin, sie unterdr\u00fcckt ihren geizigen, einf\u00e4ltigen Mann, betrachtet das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder ohne jegliche Liebe noch Empathie und macht sich hinter dem R\u00fccken der Familie \u00fcber jeden mit boshaften Sticheleien lustig. Sie tratscht, sie l\u00fcgt, sie kreischt, sie will immer im Mittelpunkt stehen und um Gottes Willen nie etwas geben, weder emotional noch materiell.<\/p>\n<p><em>\u201eMutter weidet sich am Versagen anderer.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Mag die Familie nach au\u00dfen hin harmonisch wirken, so verr\u00e4t der Blick ins Innere nur Zwietracht und Streit.<\/p>\n<p>In kurzen R\u00fcckblenden erinnert sich Paul Theroux, der hier in Versatzst\u00fccken von seiner eigenen Mutter schreibt, an die eigene Kindheit, die Zeit mit dem schwachen Vater und Szenen, in denen die Mutter ihr strenges wie unterk\u00fchltes Regiment f\u00fchrte. Lesen galt in der Familie als M\u00fc\u00dfiggang und doch sind zwei S\u00f6hne Literaten geworden, allerdings verfeindete. Schreiben wurde ebenfalls als Luxus und Absurdit\u00e4t abgetan. Wert hatte nur harte, wie sinnlose Arbeit, die bezahlt wurde. Und so arbeiteten die Kinder bereits fr\u00fch in kleinen Jobs und gaben zu Hause Geld an die Eltern ab.<\/p>\n<p>Qualvoll liest sich diese Familiengeschichte, in der Jay beschreibt, wie er im Angesicht der Mutter, die ihn immer wieder vor ihren Sessel, den er als Thron der unbeugsamen K\u00f6nigin ansieht, zitieren wird. Die L\u00fcge wird zum Selbstschutz. Jede \u00c4u\u00dferung konnte gegen ihn verwendet werden, jedes falsche Wort zu einem Telefonsturm der Geschwister f\u00fchren, die ihn auf den rechten Weg weisen m\u00f6chten. So geschehen, als er in einem schwachen Moment der Mutter von seiner Liebe zu Melissa erz\u00e4hlt und sie um Stillschweigen bittet. Gro\u00dfer Fehler, denn binnen k\u00fcrzester Zeit wissen es alle und ver\u00fcbeln dem Bruder seine Geheimniskr\u00e4merei. Die Mutter verschanzt sich wie immer hinter Kopfschmerzen und Jay trudelt in Konflikte, die ihn mehr als nur schmerzen.<\/p>\n<p>Die einzige Chance sich aus dieser Familie zu befreien, ist das regelm\u00e4\u00dfige Abtauchen und Verschwinden. Auch Jay floh, kaum hatte er seinen Abschluss, nach Afrika. Nach zwei Scheidungen und zwei Kindern kehrt er wieder zur\u00fcck und kann nur auf die Erl\u00f6sung hoffen, den Tod der unausstehlichen Mutter. Doch warum umkreist der Autor auf mehr als 650 Seiten diese qualvolle Beziehung? Wie viele Kinder l\u00f6sen sich wirklich aus der manipulativen Schlinge ihrer Eltern? Landen in der Therapie und kommen einfach nicht los? F\u00fchlen eine Schuld, die ihnen von klein auf eingeredet wurde und k\u00f6nnen einfach nicht erwachsen werden?<\/p>\n<p>Lechzt Jay nach der Anerkennung der Mutter, einem positiven Wort \u00fcber seine Arbeit, seine B\u00fccher, so darben die anderen Geschwister auf ihre Weise.<\/p>\n<p>Sprachlich fesselnd zieht Paul Theroux trotz vieler Redundanzen den Leser in diese Familiengeschichte sofort hinein, denn ein Wiedererkennungseffekt ist sicher nicht ausgeschlossen, schaut man auf eigene Familienkonstellationen. Die Familie als Hort, als Sicherheit als R\u00fcckzugsgebiet hat ausgedient. Leider finden die betroffenen Protagonisten, die im Bann der Mutter stehen, die ganze Sache nicht witzig und so entbehrt dieser Roman auch jeglichen schwarzen Humors, den der Verlag so vollmundig ank\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Es wird beleidigt, sich gestritten, Worte werden verdreht und nichts ist wirklich urkomisch, eher tragisch und traurig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Theroux: Mutterland, Aus dem Englischen von Theda Krohm-Linke, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 654\u200aSeiten, \u20ac28,00, 978-3-455-00290-4 \u201e In ihrer Eigenschaft als Mutter besa\u00df eine Mutter Macht, doch die konnte sie auch v\u00f6llig verantwortungslos aus\u00fcben. 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