{"id":2417,"date":"2019-06-23T09:05:05","date_gmt":"2019-06-23T07:05:05","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2417"},"modified":"2019-06-23T09:05:05","modified_gmt":"2019-06-23T07:05:05","slug":"wenns-weiter-nichts-ist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wenns-weiter-nichts-ist\/","title":{"rendered":"Wenn&#8217;s weiter nichts ist"},"content":{"rendered":"<p><strong>Allison Pearson: Wenn&#8217;s weiter nichts ist, Aus dem Englischen von J\u00f6rn Ingwersen, Wunderraum bei Goldmann Verlag, M\u00fcnchen 2018, 600 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-336-54769-2<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDas mit Jack habe ich f\u00fcr mich behalten. Was gab es da schon zu erz\u00e4hlen? \u2026. Au\u00dferdem wollte ich nicht, dass gleich der n\u00e4chste Fremde in das Leben meiner Kinder trat, w\u00e4hrend ihr Vater um die Ecke mit Pippi Langstrumpf wohnte. In dieser Phase funktionierte ich nur mit Ach und Krach.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Kate Reddy hat es bald geschafft. Sie ist so alt wie ein halbes Jahrhundert, sie \u00fcbersteht dank Hormontherapie und chirurgischem Eingriff ihr Collegetreffen mit vier Kilo weniger Speck auf den H\u00fcften und sie kann sagen, ich arbeite wieder in einem Londoner B\u00fcro. Wie es ihr jedoch dabei ergeht, das erf\u00e4hrt nur die Leserin ( Es ist wirklich nur ein dickes Buch f\u00fcr Frauen, sorry M\u00e4nner.). Und wenn Allison Pearson eines kann, dann vom Alltagsleben einer Frau um die 50 mit trockenem Humor, Wortwitz und sich \u00fcberschlagender Situationskomik erz\u00e4hlen, dass man beim Lesen oft laut auflacht. Sicher klingen auch dunkle T\u00f6ne an, aber die geh\u00f6ren zum Familienleben nun mal dazu.<\/p>\n<p>Dem Zeitgeist folgend beginnt die Geschichte auch gleich mit einem Paukenschlag in den sozialen Medien. Tochter Emily, zarte siebzehn Jahre, hat auf Bitten der Freundin Lizzy, ein Belfie von ihrem Hintern per Snapchat gesendet. Aber Lizzy hat, nur versehentlich versteht sich, das Foto bei Facebook verbreitet. Nur wenige Sekunden gibt es wieder ein Gleichgewicht in der Mutter und Tochter \u2013 Beziehung, indem Mutter tr\u00f6stet und Kind getr\u00f6stet werden m\u00f6chte. Ansonsten ist die Stimmung zwischen Kate und Emily, deren t\u00e4gliches Make-up-Tutorial auf Instagram vor der Schularbeit Vorrang hat, eher angespannt und hysterisch aufgeladen. Auch Ben, der 14-j\u00e4hrige Sohn von Kate und Richard, befindet sich in einer schwierigen Phase, in der nur die Playstation eine wirklich entscheidende spielt.<\/p>\n<p><em>\u201eIch geb\\&#8217;s auf. Emily ist oben mit ihren Freundinnen, aber sie sprechen nicht miteinander. Ben ist hier unten und spricht mit Freunden, die gar nicht da sind. Sie sind sonst wo, am anderen Ende der Stadt. Die Kinder haben recht: Ich bin von gestern.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Kate hat nun seit sieben Jahre nicht mehr in ihrem einst lukrativen Finanzjob gearbeitet und um wieder, was unbedingt sein muss, ins Arbeitsleben zur\u00fcckzufinden, ist die Familie in die N\u00e4he von London in ein 300 Jahre altes Haus gezogen. Richard, ihr Ehemann, hasst das Haus und den neuen Mitbewohner, den anh\u00e4nglichen s\u00fc\u00dfen Welpen Lenny. Sicher muss das handwerkliche polnische Allroundgenie Pjotr noch vieles bauen, u.a. eine richtige K\u00fcche, aber Kate ist zuversichtlich. Der Mut jedoch verl\u00e4sst sie, wenn sie ihren Kontostand betrachtet. Richard hat seinen Architektenberuf aufgegeben und sich dazu entschieden, sich zwei Jahre unentgeltlich zum Krisenberater umschulen zu lassen. Au\u00dferdem macht er eine richtig teure Therapie, um mehr \u00fcber sich zu erfahren und scheint sich weder f\u00fcr das Haus, noch die Kinder noch irgendetwas, au\u00dfer sein Rennrad, seine Schulungen und seine neue Kollegin Joley, zu interessieren. Trotz diverser Achtsamkeitsseminare ber\u00fchrt es ihn nicht, dass sein Vater mit der dementen Mutter nicht mehr klarkommt. Nur Kate hat ein Ohr f\u00fcr den Schwiegervater und die kranke Barbara, die sie einst als Schwiegertochter aufgrund ihrer Herkunft eher verachtet hat, aber nun mit geklauten Kreditkarten in Baum\u00e4rkte f\u00e4hrt, um Kettens\u00e4gen zu kaufen. Warum Kate ihrem Ehemann all dies nachsieht, liegt vielleicht an ihrer eigenen desolaten Disposition. Sie ist mitten in den Wechseljahren und durchlebt alle Symptome, wie immer sie auch hei\u00dfen. Sie schwitzt, sie kann nicht gut schlafen, sie hat Stimmungsschwankungen, ihre Ged\u00e4chtnisleistung nimmt immer mehr ab und und und \u2026.\\n\\nLeider behauptet ihr Headhunter, dass sie f\u00fcr einen neuen Einstieg ins ernsthafte Arbeitsleben, Lebens- und auch Arbeitserfahrungen hin oder her, zu alt sei. Eine Frechheit, finden nicht nur Kates Freundinnen. Sie manipuliert ihren Lebenslauf und ergattert in ihrer alten Londoner Firma, einem Finanzdienstleister, der schon zweimal den Namen gewechselt hat, einen Job. Ihr Vorgesetzter ist nur ein drei\u00dfigj\u00e4hriger Hipster oder auch<em> \u201eMilchbubi\u201c<\/em>, der in Kates Augen wenig Ahnung von seinen wahren Aufgaben hat. Aber sie ist in der Probezeit und nur eine Schwangerschaftsvertretung und muss zeigen, was sie als zweiundvierzigj\u00e4hrige Mitarbeiterin kann. \\n\\nMinuti\u00f6s arbeitet die englische Journalistin und Autorin Allison Pearson heraus, wie sich Frauen f\u00fchlen, die ihre W\u00fcrde und ihr Selbstbewusstsein verlieren, wenn sie als gleichberechtigte Partnerin einfach unter Qualifikation nach der Kinderpause arbeiten m\u00fcssen. Immer geht es ums Geld verdienen, denn Kinder sind nun mal teuer, wenn man ihnen ein gl\u00fcckliches Leben bieten m\u00f6chte. Kate kann Frauen, wie Lizzys Mutter nur verachten, die dank Geld und Ansehen ihres Mannes den Kopf hoch tragen und auf andere herabschauen. Nichts kann Emily davon \u00fcberzeugen, dass Lizzy einfach mal eine unsympathische, wohlstandsverw\u00f6hnte Ziege ist. Und Kate m\u00f6chte ihrer Tochter nicht den Stand in der Peergroup verderben.<\/p>\n<p>Kates Arbeits- und Familienleben durchl\u00e4uft nun H\u00f6hen und Tiefen und immer wieder erinnert sie sich an Szenen aus der Vergangenheit, die ihr gute &#8211; oder weniger angenehme Erinnerungsmomente verschaffen. Immerhin ist da ja auch noch Jack, der solvente einst wichtige Manager, der ihr einfach zu nah gekommen ist und den sie f\u00fcr die Familie aufgegeben hat.<br \/>\nKaum befindet sich Kate wieder in London, erh\u00e4lt sie eine E-Mail von ihm.<br \/>\nGut, dieser Roman ist eine Fiktion, eine unterhaltsame Fiktion von einer Frau, die nicht mehr jung aber auch nicht alt, ihr Leben meistert. Und nat\u00fcrlich w\u00fcnscht man ihr f\u00fcr ihren Lebensweg einen anderen Mann als diesen lethargischen, egoistischen Richard.<\/p>\n<p>Wirklichkeitsnah getroffen hat die englische Autorin den rasanten Einfall der modernen Medien ins Alltagsleben von Elterngenerationen, f\u00fcr die noch das Fernsehen eine fantastische Erfindung war. Wie sogenannte Freundinnen stutenbissig um sich schlagen, kennen Frauen von klein an. Eltern von Jungen im Teenageralter erkennen in Ben den typischen Vertreter. Wunderbar auch die Beobachtung, dass faule Kinder nicht faul sind, sondern an <em>\u201eMotivationsmangel\u201c <\/em>leiden.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte man viele Szenen hervorheben, die exzellent beobachtet, durch den Kakao gezogen werden und doch vom wahren Leben berichten.<br \/>\nChick-Lit f\u00fcr die Generation 50+ &#8211; warum nicht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allison Pearson: Wenn&#8217;s weiter nichts ist, Aus dem Englischen von J\u00f6rn Ingwersen, Wunderraum bei Goldmann Verlag, M\u00fcnchen 2018, 600 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-336-54769-2 \u201eDas mit Jack habe ich f\u00fcr mich behalten. Was gab es da schon zu erz\u00e4hlen? \u2026. 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