{"id":2407,"date":"2019-06-23T08:46:44","date_gmt":"2019-06-23T06:46:44","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2407"},"modified":"2019-06-23T08:46:44","modified_gmt":"2019-06-23T06:46:44","slug":"ein-sommer-in-sommerby","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ein-sommer-in-sommerby\/","title":{"rendered":"Ein Sommer in Sommerby"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kirsten Boie: Ein Sommer in Sommerby, Oetinger Verlag, Hamburg 2017, 320 Seiten, \u20ac10,99, 978-3-96052-050-4 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSie hat einen liederlichen Haushalt, und sie l\u00e4sst ihre Enkel Sklavenarbeit machen, und zu kleinen Kindern ist sie grausam, denkt Martha. Komisch, dass es trotzdem ganz sch\u00f6n hier ist.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Martha und ihre beiden kleinen Br\u00fcder m\u00fcssen von einem Tag zum anderen in diesem Sommer zu Oma Inge, zu einer fremden Frau, die sie noch nie gesehen haben. Warum Marthas Mutter, die nun in New York im Krankenhaus liegt, mit ihrer Mutter keinen Kontakt hat, wissen weder Mikkel, noch Mats noch Martha. Von Hamburg aus fahren die Kinder mit der besten Freundin der Mutter zur Oma, die auf einer einsamen Landzunge weit entfernt von der Stadt Sommerby wohnt. Nicht gerade begeistert schaut die Oma, die sogar mit einer Flinte bewaffnet ist, als die vermeintlichen Eindringlinge auf ihrem Grundst\u00fcck stehen. Ruppig ist die Oma, burschikos und direkt.<br \/>\nSo m\u00fcssen die Kinder am ersten Abend ihre Pellkartoffeln selbst mit einem Messer sch\u00e4len. Martha, aus deren Sicht die Geschichte erz\u00e4hlt wird, ist erbost \u00fcber die Kinderarbeit, die hier eingefordert wird. Als sie dann auch noch bemerkt, dass in Omas altem Haus weder ein Internetanschluss, noch ein Telefon oder ein Fernseher zu finden ist, sinkt die Stimmung. Martha muss weit auf die Wiese hinauslaufen, um endlich einen Handyempfang zu haben. Sie will doch endlich von Papa erfahren, wie es der Mama geht. Mikkel und Mats jedoch st\u00f6rt das alles nicht, sie lieben die H\u00fchner, G\u00e4nse und den Kater. Sie pfl\u00fccken mit der Oma Himbeeren oder Erdbeeren und sp\u00e4ter dann Sauerkirschen. Oma Inge verdient ihr Geld mit dem Verkauf von selbstgemachten Marmeladen und Weihnachtsg\u00e4nsen, was zu erheblichen Komplikationen mit dem harmonies\u00fcchtigen Stadtkind Mikkel f\u00fchren wird. Dabei hat die Oma nat\u00fcrlich recht, wenn sie klar sagt, dass Tiere auch dazu da sind, dass man sie isst. Eine Bilderbuchoma ist Oma Inge auf keinen Fall, sie verjagt die s\u00fc\u00dfen Rehe im Garten und beseitigt die Nacktschnecken. Aber das Leben bei der Oma ist voller Abenteuer, zumal ein mieser Maklertyp st\u00e4ndig versucht, der Oma ihr Land abzuschwatzen, mal mit Schmeicheleien, mal mit Drohungen.<\/p>\n<p>Die Kinder jedenfalls genie\u00dfen die Natur, das Meer und die Geschichten am Abend, die Martha den Jungen, um die sie sich ja k\u00fcmmern soll, vorliest. Als die Oma an einem Hexenschuss leidet, fahren die drei sogar allein mit dem Boot zum Dorf, um dort die Marmeladengl\u00e4ser zu verkaufen. Nie h\u00e4tten ihre Eltern das erlaubt und noch nie hat ihnen jemand so viel zugetraut, wie die Oma. So macht sie sich keine Sorgen darum, ob Mats mit seinen vier Jahren nicht ins Wasser fallen k\u00f6nnte. Sie gibt den Kindern Messer in die H\u00e4nde, Martha darf Boot fahren und sogar mit der Sense im Garten arbeiten und Mikkel hilft der Oma, wo er nur kann, auch wenn die H\u00fchnereier voller Kacke sind.<br \/>\nKeines der Kinder h\u00e4tte je geglaubt, dass die Sommerzeit bei der Oma, die keine Gutenachtk\u00fcsse verteilt, keine Naschis im Schrank hat, sich aber entschuldigt, wenn sie einen Fehler gemacht hat, so fantastisch sein k\u00f6nnte. Martha erkennt, dass ihre Freundin Isolde vielleicht die gr\u00f6\u00dften Abenteuer auf den Malediven erlebt, aber ihr Sommer zu Hause ist genauso wunderbar, auch wenn sie ihn nicht pausenlos posten kann und will. Nat\u00fcrlich kl\u00e4rt sich noch, warum es von Oma Inges Haus keinen Weg mehr in Richtung Sommerby gibt und die Tochter und der Schwiegersohn den Kontakt zu ihr abgebrochen haben.<\/p>\n<p>Kirsten Boie konstruiert in ihrer spannenden Sommergeschichte ein \u00fcberzeugendes Gleichgewicht vielleicht eher f\u00fcr die Eltern zwischen den aktuellen Themen unserer Zeit, die da sind \u00dcberbetreuung der Kinder versus Freiheit, Nutzung digitaler Medien versus Wertefragen. K\u00f6nnen sich Kinder einen Tag ohne Fernsehen, Tablet oder Smartphone nicht mehr vorstellen, so zeigt diese unterhaltsame Geschichte, wie leicht die Tage auch ohne den elektrischen Kram und sogar Buntstifte vergehen. Wie gut es ist, wenn nicht jederzeit ein besorgter Erwachsener neben Kindern steht und jemand ihnen auch mal etwas zutraut. Kinder m\u00fcssen nicht in Watte gepackt werden, sie k\u00f6nnen mithelfen, Anteil nehmen und lernen, wie das wahre Leben wirklich funktioniert. Sie k\u00f6nnen Geschichten lesen und sich ihre eigenen Gedanken machen. Und sie k\u00f6nnen verstehen, dass Menschen an ihrem Zuhause h\u00e4ngen und es auch f\u00fcr siebenstellige Betr\u00e4ge nicht hergeben.<br \/>\nKirsten Boie findet genau das richtige Ma\u00df, sie erz\u00e4hlt f\u00fcr Kinder immer im Rahmen ihrer Vorstellungskraft, nichts wird unn\u00f6tig dramatisiert oder verdammt und doch bleibt es aufregend, sogar der Alltag.<br \/>\nWie in jedem guten Kinderbuch rundet sich die Geschichte am Ende zum Guten hin ab und das muss auch so sein. Aber die Beschreibung der Tage und Wochen bei Oma Inge sind voller Kanten und Konflikte, die ausgetragen werden und den Kindern die Augen \u00fcber vieles \u00f6ffnen, was sie ohne ihre Oma nie erfahren h\u00e4tten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kirsten Boie: Ein Sommer in Sommerby, Oetinger Verlag, Hamburg 2017, 320 Seiten, \u20ac10,99, 978-3-96052-050-4 \u201eSie hat einen liederlichen Haushalt, und sie l\u00e4sst ihre Enkel Sklavenarbeit machen, und zu kleinen Kindern ist sie grausam, denkt Martha. 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