{"id":2403,"date":"2019-06-23T08:48:07","date_gmt":"2019-06-23T06:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2403"},"modified":"2019-06-23T08:48:07","modified_gmt":"2019-06-23T06:48:07","slug":"keyserlings-geheimnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/keyserlings-geheimnis\/","title":{"rendered":"Keyserlings Geheimnis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2018, 234 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-462-05156-8<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDie Geschichten, die ihm durch den Kopf gehen, haben etwas mit diesem Wort  ( Edelf\u00e4ule ) zu tun, Geschichten aus einer Gesellschaft, deren sch\u00f6ne Fassade br\u00f6ckelt wie trockene Schminke auf dem Gesicht einer Alternden, die das Alter f\u00fcrchtet, von deren Schl\u00f6ssern der Putz f\u00e4llt und durch deren undichte D\u00e4cher der Wind der Ver\u00e4nderung, wenn nicht gar der Sturm des Umsturzes zieht.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Das Wort <em>\u201eEdelf\u00e4ule\u201c<\/em> f\u00e4llt, als Lovis Corinth den Dichter Eduard von Keyserling beim Sommeraufenthalt 1901 am Starnberger See malen m\u00f6chte. Max Halbe und Frau haben eingeladen und alle sind gekommen, au\u00dfer Frank Wedekind, der wieder schmollt. Die Gesellschaft erlebt unbeschwerte sonnige Tage und Keyserling, den die meisten Edchen nennen, h\u00e4ngt seinen Gedanken nach und erinnert sich in R\u00fcckblenden an Episoden aus seinem Leben. Ein Geheimnis umwittert den Dichter, das er nicht preisgeben kann und will. Es hat mit Ada, einer Frau aus einfachen Verh\u00e4ltnissen zu tun, die durch ihre Ehe mit dem Generalmajor Friedrich von Cray aufgestiegen ist. Eduard von Keyserling, der Graf, wie er sich nur nennt, wenn es ihm einen Vorteil verschafft, lebt nach einer Zeit in Wien nun mit seinen beiden Schwestern, die ebenfalls dichten, in M\u00fcnchen. Als Corinth ihn malt und er das Bild sieht, erkennt er die eigenen k\u00f6rperlichen Gebrechen, die sich bereits andeuten. Keyserling wei\u00df, dass er trotz Quecksilberbehandlung erblinden wird.<\/p>\n<p>Wie ein Mensch aus einer Zeit, die untergegangen ist, wirkt dieser Graf, dessen Dichtungen und Romane (<em> \u201eDie dritte Stiege\u201c oder \u201eDie Wellen\u201c <\/em>) l\u00e4ngst in Vergessenheit geraten sind.<br \/>\nGeboren in Kurland, heute Lettland, verbrachte Edchen, das zehnte von zw\u00f6lf Kindern, seine Kindheit auf Schloss Tels-Paddern, wohin ihn die Mutter in den Jahren von 1890 bis 1894 beorderte, da der \u00e4lteste Sohn Otto seine Frau bei einer Kur begleiten muss. Keyserling kann den  Gutsherren nur spielen, denn sein Interesse an der Landwirtschaft h\u00e4lt sich in Grenzen.<br \/>\nAuch an den Tod des Vaters erinnert sich der Dichter, einen Vater, der um die Vorlieben und Schw\u00e4chen seines Sohnes wusste. So beglich er seine Spielschulden und hielt sich mit Ermahnungen doch zur\u00fcck, wohl im Wissen, dass die Frauen, das Geld und die vermeintliche Liebe das Schicksal seines Sohnes bestimmen werden.<\/p>\n<p>Als die Mutter dann verstarb, kehrte der Bruder wieder nach Kurland zur\u00fcck und Eduard war f\u00fcr ein Leben, dass er sich ertr\u00e4umte, frei. Er wollte f\u00fcr die wahre Literatur leben, reisen, Liebschaften pflegen, gut leben. Dies sollte ihm nicht verg\u00f6nnt sein, denn durch seine Leidenschaft f\u00fcr das Spiel geriet er immer wieder in Schwierigkeiten und einmal sogar \u2026 , aber das sollte wohl ein Geheimnis bleiben.<\/p>\n<p>Als Leser folgt man Keyserling in eine Welt, in der die Sommer noch wunderbar hei\u00df waren und die Winter bitter kalt. Die gehobene Schicht der Von und Zu trifft sich zu B\u00e4llen und man logiert in Hotels, verbringt eine lange Zeit bei Freunden oder auf Schl\u00f6ssern.<\/p>\n<p>All dies beschreibt Klaus Modick in einer unverwechselbar bildreichen wie literarisch genussvollen Sprache.<\/p>\n<p><em>\u201eLeise vor sich hin singend bummeln Hummeln durch die Vormittagssonne, h\u00e4ngen ihre Samtleiber an die Rosenbl\u00fcten und die Glocken des Benediktenkrauts im verwilderten Rasen. Zwischen Stockrosen, Astern und Malven lehnt der Sommer l\u00e4ssig am Gartenzaun und sieht den Schwalben zu, die ihre schnellen Schriftz\u00fcge in den Himmel kritzeln.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Schildert der Autor die Naturgeschehnisse zwar zeitlos, so ahnt der Leser, wie eingeengt, das Korsett als Sinnbild der Zeit, die Mitmenschen des Grafen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren Gesellschaftsschichten gelebt haben. Wenige Zeugnisse von Keyserlings Leben existieren, denn sein schriftlicher Nachlass wurde auf seinen Wunsch hin vernichtet.<\/p>\n<p>Im Ausklang des fiktiven wie unaufdringlichen Romans \u00fcber Eduard von Keyserling, dessen 100. Geburtstag sich am 28. September 2018 j\u00e4hren wird, verweist Klaus Modick auf ein Werk des Grafen <em>\u201eDie Wellen\u201c<\/em>, das vielleicht doch als Klassiker in Erinnerung bleiben wird und eine Leseempfehlung sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>\u201eUnd der See spricht auch zu Keyserling, atmet Erinnerungen aus. Er braucht ja nur den Artikel austauschen, dann wird der See die See, die Ostsee seiner Kindheit. Wellen gibt es dort wie hier, damals wie heute. Der Duft, der Dunst, das Licht. Und der Augenblick. Mehr braucht er nicht.\u201c <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2018, 234 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-462-05156-8 \u201eDie Geschichten, die ihm durch den Kopf gehen, haben etwas mit diesem Wort ( Edelf\u00e4ule ) zu tun, Geschichten aus einer Gesellschaft, deren sch\u00f6ne Fassade br\u00f6ckelt&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/keyserlings-geheimnis\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2403"}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2403"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2403\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2662,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2403\/revisions\/2662"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2403"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2403"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2403"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}