{"id":2388,"date":"2019-06-23T08:50:17","date_gmt":"2019-06-23T06:50:17","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2388"},"modified":"2019-06-23T08:50:17","modified_gmt":"2019-06-23T06:50:17","slug":"schoene-seelen-und-komplizen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/schoene-seelen-und-komplizen\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne Seelen und Komplizen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Julia Schoch: Sch\u00f6ne Seelen und Komplizen, Piper Verlag, M\u00fcnchen 2018, 313 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-492-057738<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch sp\u00fcrte wieder, wie gut es tat, bei so einer gro\u00dfen Sache wie damals mit dabei gewesen zu sein. Manchmal fange ich nachtr\u00e4glich richtig zu schwitzen an bei dem Gedanken, ich h\u00e4tte es verpassen k\u00f6nnen. In jedem Menschenleben gibt es wahrscheinlich nur ein wirkliches Gro\u00dfereignis.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Julia Schoch hat eine faszinierende Versuchsanordnung gew\u00e4hlt, sie platzt mitten hinein in die Leben von verschiedenen Teenagern, die alle an die gleiche Potsdamer Schule gehen. Zyklisch, Jahr um Jahr, von 1989 bis 1992 stehen einzelne Szenen f\u00fcr sich, aber es gibt auch Querverbindungen zwischen den Mitsch\u00fclern.<\/p>\n<p>Es ist Sommer 1989, Lydia Gebauer, Stefanie Kuhn, Kati Viehweg, Franziska Stellmacher und die anderen genie\u00dfen noch die Ferien oder arbeiten im Park von Sanssouci bevor wieder die Schule und die Abiturzeit an der Kollwitz beginnt. Sie sind sechzehn, siebzehn Jahre alt und berichten recht n\u00fcchtern davon, was jeder Jugendliche mit Freunden, den Eltern, der ersten Liebe, den Lehrern aber auch dem sozialistischen System durchlebt. Alexander Wagenthaler, der ganz gut zeichnen kann und eigentlich Geschichte studieren will, setzt sich mit seinem Lehrer auseinander, der ihn mit subtiler \u00dcberzeugungsarbeit zu einem l\u00e4ngeren Dienst in der Armee \u00fcberreden will und nat\u00fcrlich auf die Lehrerlaufbahn orientieren. Direktor Simizeck h\u00e4lt wie immer seine ellenlangen Propagandareden. Glauben die einen, alles wird f\u00fcr immer geregelt sein, Schule, Abitur, Studium, Arbeit, Rente, so hoffen die anderen auf Ver\u00e4nderung. In jedes individuelle Leben wird der Leser hineingezogen und er verl\u00e4sst es auch wieder. Ein Faden wird aufgenommen, aber nicht immer zu Ende gesponnen. Vieles muss er sich puzzleartig zusammensetzen, sich selbst ein Bild von den jungen Erwachsenen machen, denn diese werden ohne Vorwarnung in einen gesellschaftlichen Umbruch hineingeraten. Aus der Perspektive der Jugendlichen wird nun erz\u00e4hlt, wie Mauerfall und Wende sich auf sie und die Erwachsenen, Eltern und Lehrer, auswirken. Direktor Simizeck verschwindet, Verunsicherung macht sich breit, Lehrer brechen im Unterricht zusammen, Sch\u00fcler geben renitente Antworten, sind aber auch verunsichert.<br \/>\n<em>\u201eAndererseits kann die Viehweg ihre Klappe nicht halten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt sie den alten Staat. Sie sagt, sie k\u00f6nne nicht verstehen, wie man sich freiwillig f\u00fcr die soziale Unsicherheit entscheiden kann.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Setzt sich der Alltag der einen einfach fort, bewegt die anderen der Umbruch, die Angst vor der Zukunft, so verharren die anderen in ihren pers\u00f6nlichen ganz privaten Querelen. Alexanders Vater hat seine Stasiakte gelesen und bricht zusammen, ein Lehrer wird von einem LKW \u00fcberfahren, die Sch\u00fclerin Vivian Korbus versucht ihrem Leben ein Ende zu setzen. In Erinnerungen, R\u00fcckblenden und gegenw\u00e4rtigen Beschreibungen f\u00e4chert die Autorin die unterschiedlichen Schicksale auf und beenden sie auch wieder schlagartig. T\u00fcren \u00f6ffnen sich und klappen wieder zu. Zum Ende hin signalisiert die Abiturfeier 1992, diese Generation wird in Freiheit ohne politische Gleichschaltung und propagandistische Drangsalierungen ihren Weg machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil des Romans sind f\u00fcnfundzwanzig Jahre vergangen und um ehrlich zu sein, wird er jetzt erst richtig interessant. Julia Schoch sp\u00fcrt nun den realistischen Lebenswegen der ehemaligen Sch\u00fcler nach, die alle Mitte vierzig sind. Sie erz\u00e4hlen wie sie leben, was sie bewegt, wie sie die Welt sehen und vor allem, ob sie in der neuen Gesellschaft angekommen sind. Ihre Schule hei\u00dft nun Luisengymnasium, an dem Stefanie Kuhn als Lehrerin arbeitet. Sie organisiert ein Klassentreffen, zum dem allerdings nur sieben Ehemalige kommen. Wieder taucht der Leser nur kurzzeitig in die Lebensstationen der Protagonisten ein. Kati Viehweg arbeitet als Soziolinguistin und muss immer wieder erleben, wie wenig ihr alter Vater, der einst in der SED-Kreisleitung gearbeitet hat, sie ernst nimmt. Alexander Wagenthaler reist von einem Historikerkongress zum n\u00e4chsten, hangelt sich von einem Projekt zum anderen und sp\u00fcrt die innere Distanz zur eigenen Arbeitssituation. Sind die einen weit fort von Potsdam wie Franziska, so sind andere aktiv, wie Rebekka oder desillusioniert wie Ruppert. Sie haben Familie und leben im Reihenh\u00e4uschen durch das Erbe der Gro\u00dfmutter, sie betr\u00fcgen einander, sind geschieden und zutiefst ungl\u00fccklich durch die Trennung von den Kindern. Sie \u00e4rgern sich \u00fcber den fehlenden Gemeinschaftssinn oder sind die allergr\u00f6\u00dften Egoisten. Sie sto\u00dfen an berufliche und pers\u00f6nliche Grenzen und m\u00fcssen diese aushalten. Die einen graben den Garten um, die anderen suchen sich ein amour\u00f6ses Abenteuer, die anderen k\u00e4mpfen um Sorgerechte und Alimente. Und Alexander sagt:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn ich meinen geistigen Zustand definieren sollte, w\u00fcrde ich sagen, ich lebe in st\u00e4ndiger Ungeduld und zugleich in gro\u00dfer Ersch\u00f6pfung. Eine Art angeleintes Pferd, das sich wild galoppierend tiefer und tiefer in den Sand unter ihm arbeitet.\u201c <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julia Schoch: Sch\u00f6ne Seelen und Komplizen, Piper Verlag, M\u00fcnchen 2018, 313 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-492-057738 \u201eIch sp\u00fcrte wieder, wie gut es tat, bei so einer gro\u00dfen Sache wie damals mit dabei gewesen zu sein. 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