{"id":236,"date":"2019-06-21T19:35:32","date_gmt":"2019-06-21T17:35:32","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=236"},"modified":"2019-06-21T19:35:32","modified_gmt":"2019-06-21T17:35:32","slug":"in-zeiten-des-abnehmenden-lichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/in-zeiten-des-abnehmenden-lichts\/","title":{"rendered":"In Zeiten des abnehmenden Lichts"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts, Rowohlt Verlag, Reinbeck 2011, 432 Seiten, 19,95 Euro, 978-3-498-05786-2 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e,Der Kommunismus, Charlotte, ist wie der Glaube der alten Azteken: Er frisst Blut.&#8217;\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der 57-j\u00e4hrige Eugen Ruge erz\u00e4hlt in seinem Deb\u00fctroman bis ins Jahr 2001 die Geschichte der kommunistischen Familie Umnitzer, deren Mitglieder in den 1950er-Jahren aus dem Exil in die DDR zur\u00fcckkommen. Charlotte und Wilhelm, beide einfache Leute mit wenig Schulbildung und einst eifrig treue KPD-Genossen, erhalten nach ihrer R\u00fcckkehr aus Mexiko in der DDR hohe F\u00fchrungsposten. Charlottes Sohn Kurt, inzwischen mit der Russin Irina verheiratet, erh\u00e4lt nach seiner Lagerzeit und der Verbannung in ein kleines Kaff im Nord-Ural als Historiker an der Berliner Akademie der Wissenschaften eine Stelle. Sein Bruder Werner wurde, das will jedoch seine Mutter nicht h\u00f6ren, in Workuta get\u00f6tet. Der Grund f\u00fcr die Haft: Sie hatten eine Entscheidung Stalins kritisiert.<br \/>\nEugen Ruge erz\u00e4hlt vom Niedergang einer Familie. Es ist seine Familie, einst eine DDR-Vorzeigefamilie. Der im Ural geborene Mathematiker Ruge, der an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t studierte, arbeitete nach seiner Umsiedlung 1988 im Westen beim Theater. \u00dcber eine lange Zeit hat der Autor mit dem sehr pers\u00f6nlichen Stoff gerungen und musste warten bis er der letzte \u00dcberlebende seiner Familie war, um frei zu sein und zu schreiben.<\/p>\n<p>Aus verschiedenen Perspektivebenen und zeitlich ineinander verschraubt gewinnt der Leser schlaglichtartig Einblicke in das private Leben der Menschen, die den demokratischen Sozialismus f\u00fcr die richtige Gesellschaftsform hielten, erste Zweifel hegen und doch weitermachen, sich gegen das System entscheiden und es letztendlich nur noch als Geschichte betrachten.<br \/>\nWichtige Daten sind, keine Frage, gesellschaftliche Schnittpunkte &#8211; 1961 und 1989. Aber Eugen Ruge gew\u00e4hrt eine Innenansicht seiner Familie, arbeitet mit Dialogen, einer sehr realistischen Erz\u00e4hlweise und Leerstellen, \u00fcberl\u00e4sst es dem Leser diese zu f\u00fcllen. Im Wechsel von Gegenwart, der schwerkranke Enkel Alexander, Eugen Ruges Alter Ego, reist desillusioniert auf den Spuren der Oma Charlotte durch Mexiko, und Vergangenheit setzt sich der Leser ein genaues Bild von den lebendig gestalteten Familienmitgliedern zusammen, leidet mit ihnen, versteht sie oder lehnt ihre Handlungsweisen ab. Durch das unmittelbare Erz\u00e4hlen Ruges versetzt er den Leser in die nahe, wie historische Gegenwart.<br \/>\nWilhelm, der typische Parteiarbeiter und unverbesserliche Betonkopf mit dubioser Geheimdienstvergangenheit, dominiert das Leben der sich redlich abm\u00fchenden, aber intellektuell \u00fcberforderten Charlotte. Beide ziehen in das Haus eines alten Nazis in Neuendorf und tyrannisieren ihren Sohn Kurt und dessen russische Frau Irina. Verschanzt sich Kurt hinter seinen linientreuen Buchver\u00f6ffentlichungen, so versucht die lebenst\u00fcchtige, dem Alkohol immer mehr zusprechende Irina mit Tauschgesch\u00e4ften die Anbauten am Haus zu regeln. Die erm\u00fcdenden wie nervigen Alltagssorgen im realen Sozialismus, die ideologischen Grabenk\u00e4mpfe und die Angst, etwas Falsches geschrieben oder gar ge\u00e4u\u00dfert zu haben, gehen auch nicht an den eilfertigen Genossen vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Beider Sohn, Alexander, tritt in die Fu\u00dfstapfen des Vaters. Er bindet sich fr\u00fch, studiert Geschichte, kann aber nicht mehr die Augen vor den Lebensl\u00fcgen der Eltern und des Staates verschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Eine der besten Szenen, die Eugen Ruge geschrieben hat, ist gerade dieser Moment. Kurt sucht seinen Sohn 1979 in einer schwarz besetzten heruntergekommenen Wohnung auf, versucht mit ihm an diesem Wintertag irgendwo an der Sch\u00f6nhauser Allee essen zu gehen. Beide laufen frustiert sich gegenseitig beschimpfend von einem Lokal zum n\u00e4chsten. Atmosph\u00e4risch dicht zeichnet der Autor gerade in dieser und in weiteren Szenen ein faszinierend genaues Bild der Stimmungslagen im Privaten wie Gesellschaftlichen.  Es ist die scheiternde Gr\u00fcndungsgeneration der DDR die Eugen Ruge vorf\u00fchrt, in ihrer kleinlichen Denkweise, mit ihrem Opportunismus, ihrem Misstrauen und der blinden Parteih\u00f6rigkeit.<br \/>\nIronie der Geschichte: Als der Vater, sp\u00e4ter wird er im dementen Zustand dahind\u00e4mmern, nach der Wende endlich ein Buch \u00fcber seine Haft- und Verbannungszeit in Slawa schreibt, wird dies ein Erfolg.<\/p>\n<p>Durch die Einblicke in die privaten Innenwelten und zutiefst pers\u00f6nlichen Gedanken der Figuren zeigt Eugen Ruge, wie sich die gesellschaftlichen Zw\u00e4nge auf das Leben ausgewirkt haben, wie die guten Absichten alles richtig zu machen im Sande verlaufen sind.<\/p>\n<p>Auf Markus, Alexanders Sohn, wirkt der alte Wilhelm an seinem 90.Geburtstag, kurz vor dem Fall der Mauer, wie ein \u00fcberlebender Dinosaurier, der in seinem Sessel thront, wie ein K\u00f6nig die G\u00e4ste mit seinen unfreiwillig komischen Bemerkungen abkanzelt. \\r\\nSo wie die tierischen Mitbringsel aus Mexiko von Charlotte und Wilhelm v\u00f6llig falsch bezeichnet werden, so scheint auch ihr Leben in v\u00f6llig falschen Bahnen verlaufen zu sein. Wilhelm bleibt stur dem Stalinismus treu und Charlotte hofft nach dem Tod des Gef\u00e4hrten endlich leben zu k\u00f6nnen. Ein fataler Denkfehler, denn alles hat Wilhelm im Haus bereits zerst\u00f6rt, T\u00fcren zugemauert, Geschaffenes einfach eingerissen. Ein bezeichnendes Bild f\u00fcr die Gesellschaft.<br \/>\nGerade dieses n\u00fcchterne Erz\u00e4hlprinzip, ohne Wertungen, dass sich den Fesseln des chronologischen Denkes entzieht, macht diesen Familienroman so lesenswert.<\/p>\n<p>Bereits das Prosamanuskript \u201eIn Zeiten des abnehmenden Lichts\u201c erhielt 2009 den Alfred-D\u00f6blin-Preis. In einem Interview sagt Eugen Ruge \u00fcber seinen autobiografisch gef\u00e4rbten Roman: <em>\u201e\u00dcber Motivationen zu reden, ist schwer, denn ein gro\u00dfer Teil ist dem Autor gewiss nicht bewusst. Ich schreibe jedenfalls aus keinem Leidensdruck heraus, auch sch\u00e4tze ich den Einfluss der Literatur auf die Gesellschaft als gering ein. Eine gewisse Rolle spielt das Bed\u00fcrfnis, die Zeit anzuhalten, zur\u00fcckzuholen, Erfahrungen zu bewahren. Ich habe vergessen, wer gesagt hat, der Urgrund der Literatur sei der Wunsch, die Kindheit wiederzubeleben. Nabokov?\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts, Rowohlt Verlag, Reinbeck 2011, 432 Seiten, 19,95 Euro, 978-3-498-05786-2 \u201e,Der Kommunismus, Charlotte, ist wie der Glaube der alten Azteken: Er frisst Blut.&#8217;\u201c Der 57-j\u00e4hrige Eugen Ruge erz\u00e4hlt in seinem Deb\u00fctroman bis ins Jahr&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/in-zeiten-des-abnehmenden-lichts\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-236","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=236"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":300,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/236\/revisions\/300"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}