{"id":2352,"date":"2019-06-23T09:06:48","date_gmt":"2019-06-23T07:06:48","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2352"},"modified":"2019-06-23T09:06:48","modified_gmt":"2019-06-23T07:06:48","slug":"kleine-grosse-schritte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/kleine-grosse-schritte\/","title":{"rendered":"Kleine gro\u00dfe Schritte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jodi Picoult: Kleine gro\u00dfe Schritte, Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel, C.Bertelsmann Verlag, M\u00fcnchen 2017, 592 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-570-10237-4 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAber ich weinte nicht wegen Davis Bauer, auch nicht wegen meiner eigenen Unehrlichkeit. Ich weinte, weil Kennedy die ganze Zeit \u00fcber recht gehabt hatte \u2013 es kam wirklich nicht darauf an, ob die Krankenschwester, die sich um Davis Bauer k\u00fcmmerte, schwarz, wei\u00df oder violett war. Es kam nicht darauf an, ob ich versucht habe, dieses Baby wiederzubeleben oder nicht. Nichts davon h\u00e4tte etwas ge\u00e4ndert.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Davis Bauer, ein drei Tage altes Baby, stirbt und alle sind betroffen. Die Eltern suchen nach einem Schuldigen und schnell ist dieser auch ausgemacht: die einzige schwarze Hebamme und S\u00e4uglingskrankenschwester am Mercy-West-Haven Hospital, Ruth Jefferson. Noch einen Tag zuvor hatten die Eltern von Davis, Anh\u00e4nger der White Power \u2013 Bewegung, die Vorgesetzte von Ruth darauf hingewiesen, dass sie nicht m\u00f6chten, dass eine Farbige ihren Sohn ber\u00fchrt. Ein Zettel auf Davis Akte untersagt Afroamerikanern, sich dem Kind zu n\u00e4hern. Als es zu Komplikationen kommt und nur Ruth sich in der N\u00e4he von Davis aufh\u00e4lt, greift sie entgegen der Anordnung ihrer Vorgesetzten ein. Sp\u00e4ter wird sie aus Angst behaupten, sie h\u00e4tte erst geholfen, als sie die Anweisung bekam.<\/p>\n<p>Aus drei verschiedenen Perspektiven blickt Jodi Picoult auf diesen Gerichtsfall. Zum einen erz\u00e4hlt die vierundvierzigj\u00e4hrige Ruth aus ihrer Sicht, was im Laufe der Zeit passiert ist. Sie erinnert sich, wie sie immer versucht hat, durch Bildung und Engagement den sogenannten Wei\u00dfen gleich zu sein und alle Dem\u00fctigungen hatte sie hingenommen, die Menschen ohne nachzudenken \u00e4u\u00dfern, ohne latent rassistisch zu sein. Sie wollte gern, dass ihr 17-j\u00e4hriger Sohn in einer wei\u00dfen Umgebung aufw\u00e4chst, alle Chancen hat. Aus dem Blickwinkel von Kennedy McQuarrie wird ebenfalls berichtet. Sie ist die Anw\u00e4ltin, die Ruth vor der Grand Jury vertreten wird, denn der Vater von Davis erhebt Anklage wegen versuchten Mordes. Auch er kommt zu Wort.<\/p>\n<p>Angereichert mit Familiengeschichten, diversen Hintergrundinformationen und Schilderungen aus dem Leben aller drei Hauptfiguren steuert die Handlung auf einen klassischen Prozess zu. F\u00fcr Ruth bricht ihr gesamtes Lebensmodell zusammen. Sie hat sich zwanzig Jahre im Beruf nichts zu schulden kommen lassen, aber die Krankenhausleitung wiegelt alles ab und schiebt die angebliche Verfehlung der Mitarbeiterin zu. Kennedy \u00fcbernimmt die Verteidigung und versucht Ruth zu erkl\u00e4ren, dass sie auf keinen Fall die Rassismuskarte spielen d\u00fcrften. Fakten m\u00fcssen f\u00fcr Ruths Verhalten sprechen und zum Gl\u00fcck ein Beweis, der seltsamerweise aus den Akten verschwunden ist und doch belegt, dass Davis eine Krankheit hatte, an der er, ein Verschulden des Krankenhauses, des Labors, der \u00c4rzte, sterben musste. Aber Ruth kann einfach nicht begreifen, dass die anderen nicht sehen, warum gerade sie auf der Anklagebank sitzen muss. Sie will endlich sprechen und sich verteidigen d\u00fcrfen. Nach und nach kann sie Kennedy die Augen \u00f6ffnen und ihr verdeutlichen, wie anders die Lebenserwartungen der Wei\u00dfen und Schwarzen in einem Land voller Vorurteile, Rassismus und Privilegien sind. Als Ruth Kennedy zu einem Einkauf einl\u00e4dt, versteht diese nicht, warum sie mitkommen soll. Am Ende wei\u00df sie warum, alle Leute k\u00f6nnen das Gesch\u00e4ft verlassen, nur Ruth wird als einzige kontrolliert, weil sie schwarz ist.<\/p>\n<p>Emp\u00f6rend ist das Unrechtsbewusstsein der Polizei, die Ruth, die sich nicht mal anziehen darf, mit brutalster Gewalt im Nachthemd und in Ketten auf die Wache schleifen.<\/p>\n<p>Viele dieser Szenen aus dieser Geschichte bleiben dem Leser im Ged\u00e4chtnis haften, denn Jodi Picoult kann anschaulich und atmosph\u00e4risch dicht erz\u00e4hlen. Immer wieder thematisiert sie den schmalen Grad, auf dem Menschen glauben, sich politisch korrekt zu verhalten. Zum einen versucht Ruth durch ihr Wohlverhalten im Gegensatz zu ihrer Schwester, sich einen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu erobern. Gleichzeitig sp\u00fcrt sie aber oder man l\u00e4sst sie sp\u00fcren, dass sie nie dazugeh\u00f6ren wird. Zum anderen gaukelt sich die Menge vor, niemals rassistisch zu denken oder zu handeln und doch tut sie es ununterbrochen. Mag das Ende, vor allem der Blick in die zur\u00fcckliegende Biografie von Davis&#8216; Mutter und der Sinneswandel des Kindesvaters, zu konstruiert erscheinen, verdeutlicht diese bewegende Geschichte Ruths, wie passiver und aktiver Rassismus instrumentalisiert wird und funktioniert.<\/p>\n<p>Angesichts der Ereignisse in den USA, in denen ein Pr\u00e4sident sich bei rassistischen \u00dcbergriffen eher auf die Seite der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung schl\u00e4gt und in Europa ein beunruhigender Nationalismus gegen Minderheiten um sich greift, ein wichtiges Buch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jodi Picoult: Kleine gro\u00dfe Schritte, Aus dem Amerikanischen von Elfriede Peschel, C.Bertelsmann Verlag, M\u00fcnchen 2017, 592 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-570-10237-4 \u201eAber ich weinte nicht wegen Davis Bauer, auch nicht wegen meiner eigenen Unehrlichkeit. 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