{"id":2344,"date":"2019-06-23T09:09:14","date_gmt":"2019-06-23T07:09:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2344"},"modified":"2019-06-23T09:09:14","modified_gmt":"2019-06-23T07:09:14","slug":"willkommen-bei-den-friedlaenders-meine-familie-ein-fluechtling-und-kein-plan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/willkommen-bei-den-friedlaenders-meine-familie-ein-fluechtling-und-kein-plan\/","title":{"rendered":"Willkommen bei den Friedlaenders! Meine Familie, ein Fl\u00fcchtling und kein Plan"},"content":{"rendered":"<p><strong>Adrienne Friedlaender: Willkommen bei den Friedlaenders! Meine Familie, ein Fl\u00fcchtling und kein Plan, Blanvalet Verlag, M\u00fcnchen 2017, 218 Seiten, \u20ac16,00, 978-3-7645-0625-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eW\u00fcrden wir \u00fcber jedes Kind, das im Meer ertrinkt, nachdenken, w\u00e4ren Mitleid und Schmerz unertr\u00e4glich. Durch das Zusammenleben mit Moaaz bekamen die Bilder jedoch eine andere Bedeutung f\u00fcr mich, r\u00fcckten in die Realit\u00e4t. Moaaz half mir, die &#8218;Fl\u00fcchtlinge&#8216; aus der Anonymit\u00e4t zu holen. Sie wurden wieder zu individuellen Menschen, erhielten ihr Gesicht zur\u00fcck.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Es bleibt ein Dauerthema \u2013 die Fl\u00fcchtlinge. Die Hamburger Journalistin ist in diesen Tagen eine gefragte Autorin. Zwei Jahre nach Angela Merkels optimistischem Ausruf<em> \u201eWir schaffen das!\u201c<\/em> blicken die Medien, ob NDR oder Deutschlandfunk Kultur gern zur\u00fcck und fragen sich, was ist mit den Menschen passiert, die doch hoffnungsvoll zu uns gekommen sind. Wie leben sie und konnten sie sich in den Alltag integrieren? Und Adrienne Friedlaender kann vieles, mal komisch, mal ernst, \u00fcber ihr Zusammenleben mit Moaaz, den jungen Syrier, der einundzwanzig Jahre alt war, als sie ihn in ihre Familie aufgenommen hat, erz\u00e4hlen. Triebkraft, f\u00fcr die Entscheidung zu handeln, waren die S\u00f6hne der Autorin, die zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt haben. Adrienne Freidlaender ist Alleinerziehende mit drei Jungen, und ihr Alltag ist sicher nicht einfach zu organisieren. Zwar ist ihr \u00e4ltester Sohn bereits ausgezogen und doch birgt ja die Anwesenheit eines Fremden in den eigenen R\u00e4umen auch ein Risiko. Diese Zweifel jedoch wurden eher von au\u00dfen hereingetragen, die gut vernetzte und offenbar auch lebensbejahende Autorin scheint wirklich keinen Plan gehabt zu haben und doch hat sie die Verantwortung f\u00fcr Moaaz einfach so \u00fcbernommen. Er genie\u00dft es, einfach die T\u00fcr im Reihenhaus hinter sich zuzumachen. Er braucht einen Freiraum wie jeder andere auch und er muss den Kontakt zu seiner Familie halten, die in der N\u00e4he von Damaskus mehr schlecht als recht \u00fcberlebt. Wenn Moaaz seiner <em>\u201eneuen\u201c<\/em> Familie die Bilder von Syrien vor dem Krieg zeigt, dann lebt er auf. Zur\u00fcckkehren will er auf gar keinen Fall. Was ihm auf der gef\u00e4hrlichen Flucht vor dem Eintritt in die syrische Armee auf dem langen Weg nach Deutschland geschehen ist, wird nicht erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Moaaz ist ein \u00e4u\u00dferst h\u00f6flicher Mann, aber auch sehr introvertiert, obwohl er Schauspieler werden wollte. Er \u00fcberwindet seine Angst oder eher Antipathie vor Haustieren und versucht sich so gut wie m\u00f6glich in den Familienalltag einzufinden. Im Gegensatz zu den ziemlich \u201epascha\u00e4hnlichen\u201c S\u00f6hnen, bei denen die Erziehungsarbeit der Mutter irgendwie doch auf der Strecke geblieben ist, hilft Moaaz ganz selbstverst\u00e4ndlich in der K\u00fcche oder im Haus. F\u00fcr die Autorin auch immer ein Anlass f\u00fcr Gespr\u00e4che mit ihrem <em>\u201eZiehsohn\u201c <\/em>\u00fcber seine Familie, die Rolle der Frauen in muslimisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern und seine Probleme mit dem Neuen zurechtzukommen. Als Moaaz einen Wecker zu Weihnachten bekommt, ist dieses Geschenk ein Wink mit dem Zaunpfahl. P\u00fcnktlichkeit ist nicht sein Ding und ein tiefer Schlaf nach langem n\u00e4chtlichen Chatten wichtiger. Dass die Autorin total ausflippt, wenn er morgens nicht aufsteht, trotz wichtiger Termine, ist nur allzu verst\u00e4ndlich. Als Moaaz dann seine Meinung zu den Auseinandersetzungen doch mal \u00e4u\u00dfert, wird klar, wie anders die Menschen tausende Kilometer von uns entfernt ticken.<\/p>\n<p>Adrienne Friedl\u00e4nder schafft es, trotz Sorgen und Verantwortung, eine gute Distanz zu Moaaz zu wahren. Sie versucht sich in seine Situation hineinzudenken, ihre Reisen auch in den Orient sind da schon eine Hilfe, und sie hinterfragt vieles nicht oder nimmt es pers\u00f6nlich, wenn Moaaz keine Hilfe will. Diese Gelassenheit hat sicher geholfen, wenn Moaaz Fragen nicht beantworten konnte oder wollte. Ber\u00fchrend sind die Szenen mit Adrienne Friedlaenders neunzigj\u00e4hriger Mutter, die beherzt den Jungen unter ihre Fittiche nimmt, mit ihm lernt und ihn unterst\u00fctzt. Ohne Sentimentalit\u00e4t oder falsche Toleranz, auch die Geschehnisse in der Silvesternacht in K\u00f6ln werden thematisiert, berichtet die Autorin von den Monaten mit Moaaz, der jetzt mit seinem Freund Hussein eine Wohnung in Hamburg gefunden hat. F\u00fcr diese kurze Zeit in Deutschland hat er bereits ein ausgezeichnetes Sprachniveau erreicht und kann sicher studieren. Profitiert hat nicht nur Moaaz von seinem Leben bei den Friedlaenders, auch die Autorin und ihre S\u00f6hne sind um vieles reicher.<br \/>\n<em>\u201eAber ich glaube, schon an dem Versuch bin ich etwas gewachsen und habe sicher noch einmal mehr gelernt, bewusst zu sch\u00e4tzen und zu genie\u00dfen, was oft so selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr uns ist: Nahrung, Sicherheit, ein komfortables Leben, ohne viel Verzicht und vor allem die w\u00e4rmende Familie in allen Lebenslagen an meiner Seite.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adrienne Friedlaender: Willkommen bei den Friedlaenders! Meine Familie, ein Fl\u00fcchtling und kein Plan, Blanvalet Verlag, M\u00fcnchen 2017, 218 Seiten, \u20ac16,00, 978-3-7645-0625-4 \u201eW\u00fcrden wir \u00fcber jedes Kind, das im Meer ertrinkt, nachdenken, w\u00e4ren Mitleid und Schmerz unertr\u00e4glich. 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