{"id":2338,"date":"2019-06-23T09:10:36","date_gmt":"2019-06-23T07:10:36","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2338"},"modified":"2019-06-23T09:10:36","modified_gmt":"2019-06-23T07:10:36","slug":"die-hauptstadt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-hauptstadt\/","title":{"rendered":"Die Hauptstadt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Robert Menasse: Die Hauptstadt, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 459 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-518-42758-3 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSie war in Zypern geboren, als Griechin, und sie war in Griechenland Griechin, geboren in Zypern. Es war verr\u00fcckt, dass ihr nun abverlangt wurde, die Identit\u00e4t als eine doppelte zu sehen, die ihr eine Entscheidung abverlangte: Du bist schizophren, entscheide dich, wer du bist! Nat\u00fcrlich w\u00fcrde sie die Chance ergreifen und den Pass wechseln. Sie brauchte zwei Stunden, um es sich einzugestehen. Sie war Pragmatikerin.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Es sind die Absurdit\u00e4ten, die sich hin und wieder in den Vordergrund dieses Europaromans \u00fcber Intriganten, Karrieristen, Egomanen und stur arbeitende Beamte dr\u00e4ngen. Die Griechin namens Fenia Xenopoulou, die eine steile Karriere in Br\u00fcssel anvisiert, allerdings nicht im Ressort <em>\u201eKultur und Bildung\u201c<\/em>, kann nur nach oben fallen, wenn sie ihren Pass, das stellt sich zum Ende heraus, umschreiben l\u00e4sst. Und das in einer Institution, in der es um die \u00dcberwindung der Nationalit\u00e4ten geht. Fenia Xenopoulou bringt auch in Erfahrung, dass das Lieblingsbuch des Kommissionspr\u00e4sidenten angeblich &#8222;Der Mann ohne Eigenschaften&#8220; von Robert Musil ist und beginnt es mit gro\u00dfen Zweifeln und einer einsetzen Verzweiflung zu lesen.<\/p>\n<p><em>\\&#8220;Die Kultur war ein bedeutungsloses Ressort, ohne Budget, ohne Gewicht in der Kommission, ohne Einfluss und Macht. Kollegen nannten die Kultur ein Alibi-Ressort &#8211; wenn es das wenigstens w\u00e4re! Ein Alibi ist wichtig, jede Tat braucht ein Alibi! Aber die Kultur war nicht einmal Augenwischerei, weil es kein Auge gab, das hinschaute, was die Kultur machte. Wenn der Kommissar f\u00fcr Handel oder f\u00fcr Energie, ja sogar wenn die Kommissarin f\u00fcr Fischfang w\u00e4hrend einer Sitzung der Kommission auf die Toilette musste, wurde die Diskussion unterbrochen und gewartet, bis er oder sie zur\u00fcckkam. Aber wenn die Kultur-Kommissarin rausmusste, wurde unbeeindruckt weiterverhandelt, ja es fiel gar nicht auf, ob sie am Verhandlungstisch oder auf der Toilette sa\u00df. Fenia Xenopoulou war in einen Aufzug gestiegen, der zwar hochgefahren, aber dann unbemerkt zwischen zwei Stockwerken stecken geblieben war.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>nEin Schwein, dass angeblich durch die belgische Hauptstadt rast, besch\u00e4ftigt die Gem\u00fcter. Ist es ein Phantom, ein Sinnbild oder gar doch ein gef\u00e4hrliches Tier? Mit dieser Szene beginnt dieser fantastisch geschriebene Roman, in dem Mordf\u00e4lle zu den Akten gelegt werden und Beamte sich warme deutsche Unterw\u00e4sche besorgen, damit sie bei einem Besuch in Auschwitz nicht frieren. Da spielt China als gr\u00f6\u00dfter Schweinefleischabnehmer die europ\u00e4ischen Staaten gegeneinander aus, weil die EU es nicht schafft, ein vern\u00fcnftiges Abkommen auszuhandeln.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass die Leute in Europa das Vertrauen in die EU verloren haben, und diese mit ihrem schlechten Image zu k\u00e4mpfen hat. Da kann nur eins helfen, die Idee einer Jubil\u00e4umsfeier, die das Ansehen der EU wieder aufpoliert. Als Fenia Xenopoulou die Organisation dieses Ereignisses in zwei Jahren gleich mal an sich rei\u00dft, kann der \u00d6sterreicher Dr. Martin Susman nur mit den Augen rollen, denn er soll in vierzehn Tagen ein Konzept f\u00fcr die Feier zum 50. Jahrestag der EU vorlegen. Sarkastisch stellt er fest, dass nicht die Jahre in Br\u00fcssel z\u00e4hlen, sondern die Kilo, die er im Laufe der Zeit zugenommen hat.<\/p>\n<p>Um \u00fcber die EU zu schreiben, bedarf es vieler Protagonisten, denn nicht umsonst ist Br\u00fcssel eine glanzvolle Stadt mit vielen hohen schillernden Geb\u00e4uden und wenig Moral. Verwoben in die temporeiche Handlung sind neben den Beamten aber auch ein Auftragskiller, ein Kommissar, der sich mit der Endlichkeit des Lebens befasst, ein Europa-Utopist, ein KZ-\u00dcberlebender und diverse Lobbyisten. Den gro\u00dfen innereurop\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingstreck 2015 sowie den Brexit 2017 l\u00e4sst sich der Autor nicht entgehen. In einem Interview sagte Robert Menasse, der selbst einige Jahre in Br\u00fcssel gelebt hat:<\/p>\n<p><em>\u201eWeil man das, was geschieht in Br\u00fcssel und in den europ\u00e4ischen Institutionen nicht anhand einer Figur erz\u00e4hlen kann, denn das Charakteristische und Wesentliche ist ja das Babylonische in Br\u00fcssel: also die vielen Sprachen, die vielen Mentalit\u00e4ten, die vielen Arbeitsebenen, die Widerspr\u00fcche, hinter denen konkrete Menschen immer stehen. Das ist ja nicht nur ein institutioneller Widerspruch. Der wird durch Menschen vertreten und versch\u00e4rft und betrieben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In verschiedenen Erz\u00e4hlstr\u00e4ngen wird nun das Scheitern der Figuren und einer Idee mit Ironie und Sprachwitz thematisiert. Auch der Gedanke an Auschwitz als der heimlichen Hauptstadt, von der aus eine Feier zelebriert werden soll, um den europ\u00e4ischen Friedensgedanken in Erinnerung zu rufen, zerschl\u00e4gt sich in allen m\u00f6glichen Gremien und Instanzen.<\/p>\n<p>Keine optimistisch stimmende Lekt\u00fcre, was unsere Zukunft angeht, aber vielleicht eine genau beobachtete, anregende und manchmal auch eine, die den Leser zum Schmunzeln bringt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Menasse: Die Hauptstadt, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 459 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-518-42758-3 \u201eSie war in Zypern geboren, als Griechin, und sie war in Griechenland Griechin, geboren in Zypern. 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