{"id":222,"date":"2019-06-21T19:40:07","date_gmt":"2019-06-21T17:40:07","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=222"},"modified":"2019-06-21T19:40:07","modified_gmt":"2019-06-21T17:40:07","slug":"vor-meinen-augen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/vor-meinen-augen\/","title":{"rendered":"Vor meinen Augen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alice Kuipers: Vor meinen Augen, Aus dem Englischen von Angelika Eisold Viebig, FJB, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011, 221 Seiten, \u20ac14,95, 978-3-8414-2121-0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWenn ich ein Gedicht schreibe, f\u00fchle ich mich w\u00e4hrend der ganzen Zeit des Schreibens gut. Die restliche Zeit wei\u00df ich nicht, was ich f\u00fchle. Ich will eigentlich gar nichts f\u00fchlen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In ihrem neuen Buch widmet sich die amerikanische Autorin Alice Kuipers wieder einem Mutter-Tochter-Konflikt. Die 16-j\u00e4hrige Sophie f\u00fchrt auf Anraten ihrer Therapeutin, mit der sie jedoch nicht reden kann, Tagebuch seit dem 1. Januar. Vor einem halben Jahr ist mit Emily, Sophies Schwester, etwas Schreckliches geschehen. Was dieser Familie widerfahren ist, bleibt unklar. Sophies Mutter, die die Kinder allein gro\u00dfgezogen hat, der Vater ist fr\u00fch verstorben, kann aus Trauer ihre Arbeit als Innenarchitektin nicht aufnehmen. Sophie hat den Kontakt zu ihren Freundinnen, speziell zu Abigail fast verloren. Rosa -Leigh stammt aus Kanada und ist neu in der Klasse. Beide M\u00e4dchen n\u00e4hern sich einander an und Rosa-Leigh zeigt Sophie ihre Gedichte. Es gibt immer wieder Spannungen zwischen Sophie und ihrer Mutter, die den Verlust nicht ertragen kann. Sophie reagiert mit Trotz und Bockigkeit, denn in ihren Erinnerungen hatte Emily immer mehr Freiheiten als sie. Sophie bemerkt, dass das Zimmer der Mutter sich anh\u00e4uft mit Sammelobjekten. Sie nimmt alles mit, was andere verloren haben. Auf jede Ver\u00e4nderung in Emilys Zimmer reagiert die Mutter hysterisch, fast feindlich. Sophie sp\u00fcrt die Distanz und glaubt, dass die Mutter lieber sie als die \u00e4ltere Schwester verloren h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Vor Sophies innerem Auge spielen sich immer wieder katastrophale Horrorbilder ab, sie sieht aus heiterem Himmel in v\u00f6llig allt\u00e4glichen Situationen pl\u00f6tzlich explodierende Autos oder ein Feuerinferno.<br \/>\nSophie glaubt, dass alles zerbrochen ist und die Familie auf ganzer Strecke gescheitert ist, wenn sie andere und ihr Leben beobachtet. Jedes Gef\u00fchl von Normalit\u00e4t, wie Partys, Shoppen und L\u00e4stern mit den Freundinnen oder Jungs scheint f\u00fcr Sophie nicht m\u00f6glich zu sein. Abigail ertr\u00e4gt Sophies Schweigen, ihre bedr\u00fcckende Gegenwart, die st\u00e4ndige Trauermiene nicht mehr und Abigail schnappt sich Dan, den Sophie mag.<br \/>\nDer subjektive Blick des M\u00e4dchens kreist um die anderen und ihre Erinnerungen an die guten Zeiten mit ihrer Schwester.<br \/>\nNach und nach n\u00e4hern sich jedoch die Tagebuchaufzeichnungen dem wahren Ereignis, dass vor Sophies Augen geschehen ist. Sophie denkt, dass sie schuldig geworden ist, schuldig am Tod der Schwester, denn sie hat ihren Schn\u00fcrsenkel auf dem Weg zur U-Bahn binden m\u00fcssen. H\u00e4tten sie einen Zug in London fr\u00fcher genommen, w\u00e4re alles nicht geschehen.<\/p>\n<p>Auf den Moment der Aufl\u00f6sung und Erkl\u00e4rung des Ungl\u00fccks muss der Leser lang warten, denn Alice Kuipers Hauptfigur verschanzt sich hinter allen m\u00f6glichen Vorw\u00e4nden, um sich an den schwersten Augenblick in ihrem Leben nicht zu erinnern. Die Verdr\u00e4ngung jedoch hilft nicht. In der Konfrontation mit der Mutter lebt Sophie einen Teil ihrer Hilflosigkeit aus, zerst\u00f6rt aber zu viel.<br \/>\nAlice Kuipers Jugendroman dreht sich um Schuldgef\u00fchle, Vertrauen, Trauer und die Zuf\u00e4lle im Leben. Die Autorin bedient sich nicht der typischen Jugendsprache, sie legt Sophie eine poetische Sprache, auch in ihren Gedichten, in den Mund, aber sie darf auch drastisch all ihre Wut in Worten entladen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alice Kuipers: Vor meinen Augen, Aus dem Englischen von Angelika Eisold Viebig, FJB, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011, 221 Seiten, \u20ac14,95, 978-3-8414-2121-0 \u201eWenn ich ein Gedicht schreibe, f\u00fchle ich mich w\u00e4hrend der ganzen Zeit des Schreibens gut. 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