{"id":2203,"date":"2019-06-23T04:23:14","date_gmt":"2019-06-23T02:23:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2203"},"modified":"2019-06-23T04:23:14","modified_gmt":"2019-06-23T02:23:14","slug":"sommerkind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/sommerkind\/","title":{"rendered":"Sommerkind"},"content":{"rendered":"<p><strong> Monika Held: Sommerkind, Eichborn Verlag, K\u00f6ln 2017, 222 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-8479-0626-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAlle verband das Ungeheuerlichste, was es gibt: Sie haben mit dem Tod gek\u00e4mpft und gewonnen. Sie haben einen Sieg errungen, der niemanden wirklich gl\u00fccklich macht.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wie verl\u00e4uft das Leben eines Jugendlichen, dessen Geschwisterkind in seiner unmittelbaren N\u00e4he durch einen Unfall in eine Koma gefallen ist? Malu, das Sommerkind, wird nie ein normales Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. Ab dem Moment wo der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Kolja die sieben Jahre j\u00fcngere Schwester Malu nicht vor dem Schwimmen am Abend im Freibad abh\u00e4lt, ver\u00e4ndert sich alles. An diesem Abend sitzt er auf einer Bank. Ragna, in die er verliebt ist, kommt vorbei, geht ins Meer schwimmen. Erst ihre Frage nach Malu l\u00e4sst die beiden aufhorchen und das Kind aus dem Schwimmbad retten. Doch zu sp\u00e4t, das Gehirn ist bereits gesch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Gut f\u00fcnfundzwanzig Jahre sp\u00e4ter geht Ragna ganz pers\u00f6nlich im Rahmen eines Forschungsprojektes einer bestimmten Frage nach. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Topografie der Kindheit, dem Verlauf des Lebens und dem Wohnort in den letzten Lebensjahren?\\r\\nIst es wirklich so, dass Menschen an die Orte ihrer Kindheit zur\u00fcckkehren? Als Ragna ihre Erinnerungen durchgr\u00e4bt, taucht pl\u00f6tzlich dieser blonde Junge mit den grauen Augen und dem sch\u00f6nen Namen Kolja auf. Sie erinnert sich an diesen tragischen Abend mit ihm und seiner Schwester Malu und doch fehlt ihr der Teil nach dem Unfall.<\/p>\n<p>Monika Held erz\u00e4hlt aus zwei Blickwinkeln. Ragna ist die Ich-Erz\u00e4hlerin, aus Koljas Sicht berichtet ein Erz\u00e4hler aus der Er-Perspektive. Der Leser folgt nun zeitversetzt Kolja wie Ragna.<\/p>\n<p>Der Junge f\u00fchlt sich schuldig an dem Unfall seiner Schwester. Die Eltern bringen es wirklich fertig, besonders die Mutter, dem Kind das Gef\u00fchl zu vermitteln, er habe die Verantwortung f\u00fcr das Schicksal seiner Schwester. Zur Strafe muss er Malu im Krankenhaus, die Eltern sind von der See in den S\u00fcden gezogen, zweimal die Woche besuchen. Kolja, ein begabter, nun in sich gekehrter Junge, reagiert mit Abwehr auf die Schwester. Er widmet seine Liebe eher einem kleinen Jungen, den die Mutter vom Wickeltisch hat fallen lassen. Von der Mutter kaum beachtet, bleibt das Kind mit seinem Schmerz allein.<\/p>\n<p><em>\u201eDie leise H\u00f6flichkeit dieses Hauses war wie Gehen auf d\u00fcnnem Eis.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Der Vater sucht sich eine neue Frau, ein neues Leben und zeugt ein neues Kind. Der Sohn f\u00fchlt sich verraten. Ein Zuhause findet Kolja bei Max, einem fr\u00f6hlichen Jungen, der auf der Station seinen Cousin besucht und langsam ahnt, dass er schwul ist. Kolja kann diese Empfindung nicht teilen, braucht aber den Jungen f\u00fcrs eigene \u00dcberleben. Das dumpfe Schweigen der Eltern ist die gr\u00f6\u00dfte Belastung f\u00fcr den Jungen, dessen Schwester nie wieder die alte sein wird.<\/p>\n<p><em>\u201eIch bin krank vor Neid auf alle Kinder, die von ihren Eltern geliebt werden&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p>hei\u00dft es an einer Stelle. Da hatte Kolja, der sich als Abiturient mit Autoren befasst hat, die Selbstmord begangen haben, bereits in die Tiefe gest\u00fcrzt. Er \u00fcberlebt den Suizidversuch und wird sp\u00e4ter seine Doktorarbeit ebenfalls dem Suizidthema in der klassischen Literatur widmen.<\/p>\n<p>Ragna sucht nun nach und nach die Leute aus dem Umfeld von Kolja, der wieder an die Nordsee zur\u00fcckgekehrt ist, auf, um sich langsam ihren Erinnerungen zu n\u00e4hern. Sie trifft sich mit Max, der nun keinen Kontakt mehr mit Kolja hat, sie durchlebt schwere Stunden mit Koljas emotionsloser Mutter und Malu, dem Sommerkind, das in seiner eigenen Welt lebt. Aber Ragna kommt bei ihren Recherchen und der eigenen Geschichte einfach nicht weiter.<\/p>\n<p><em>\u201e Ich brauche den erwachsenen Kolja, um zu verstehen, warum ich mich an das St\u00fcck Leben, das ich verloren habe, nicht erinnern kann.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Schmerzlich klar erz\u00e4hlt Monika Held in einer wunderbar literarischen Sprache von Menschen in Extremsituationen und wie sie diesen mit Schuldzuweisung, Flucht oder auch Aufopferung begegnen. Atemlos beim Lesen folgt man Ragnas Suche, aber auch Koljas einsamem Weg durch die Untiefen des Lebens. Beide werden sich auf der Hallig begegnen, aber da ist der Leser nicht mehr anwesend, den vieles, nicht alles, ist zwischen den Zeilen bereits gesagt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika Held: Sommerkind, Eichborn Verlag, K\u00f6ln 2017, 222 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-8479-0626-1 \u201eAlle verband das Ungeheuerlichste, was es gibt: Sie haben mit dem Tod gek\u00e4mpft und gewonnen. 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