{"id":2194,"date":"2019-06-23T04:24:14","date_gmt":"2019-06-23T02:24:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2194"},"modified":"2019-06-23T04:24:14","modified_gmt":"2019-06-23T02:24:14","slug":"die-stute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-stute\/","title":{"rendered":"Die Stute"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mary Gaitskill: Die Stute, Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Sorge, Klett-Cotta Verlag, 540 Seiten, \u20ac25,00, 978-3-608-98109-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eMir schien, dass sie aggressiv mir gegen\u00fcber war. So wie sie mit ihrer Mutter umgegangen war, als sie zu der Auff\u00fchrung gekommen waren, so wie sie sich auf subtile Art auf die Seite der gro\u00dfen blonden Frau in dem Stall gestellt und ihre Mutter ausgeschlossen hatte. Velvet wusste alles \u00fcber Schw\u00e4che und Macht, und es war, als w\u00fcrde sie auf meinen wunden Punkt dr\u00fccken, einfach um zu sehen, was passierte.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Ginger geht langsam auf die F\u00fcnfzig zu, sie leidet unter ihrer Kinderlosigkeit und keine richtige Frau zu sein. Als sie Paul, er hat eine Tochter aus erster Ehe, bei den Anonymen Alkoholikern kennenlernt, verlieben sich die beiden. Paul arbeitet als Dozent in einer Kleinstadt n\u00f6rdlich von New York. Ginger malt, w\u00fcrde sich aber selbst nie als K\u00fcnstlerin bezeichnen. Mit dem Gedanken spielend, dass sie ein Kind adoptieren k\u00f6nnten, melden sie sich f\u00fcr ein Ferienprogramm einer Hilfsorganisation an, um ein Kind aus einem Armenviertel in New York f\u00fcr vierzehn Tag aufzunehmen. Velvet ist elf als sie Ginger und Paul kennenlernt. Sie lebt mit ihrer Mutter Silvia, die f\u00fcr den Lebensunterhalt der Familie schuftet, und dem kleinen Bruder beengt in einer kleinen Wohnung. F\u00fcr Ginger ist das M\u00e4dchen aus der Dominikanischen Republik mit ihrem krausen Haar einfach nur bezaubern sch\u00f6n und Velvet begeistert sich f\u00fcrs Reiten und den Stall, den Ginger ihr gezeigt hat. Noch sch\u00fcchtern, beginnt Velvet sich langsam an die neue Umgebung zu gew\u00f6hnen. Erste Konflikte entstehen als Ginger versteht, Velvets Mutter spricht oder vielmehr br\u00fcllt nur Spanisch, dass das M\u00e4dchen nicht reiten darf. Die Beziehung zwischen Velvet und ihrer Mutter ist seltsam angespannt, zum einen liebevoll, zum anderen gewaltt\u00e4tig, denn Silvia kann sich nur lautstark verst\u00e4ndigen oder mit dem G\u00fcrtel, mit dem sie gnadenlos auf den jungen K\u00f6rper ihrer Tochter eindrischt.<\/p>\n<p>Der hinterh\u00e4ltige Sohn Dante steht daneben und lacht, wenn seine Schwester verpr\u00fcgelt wird. Sylvia, als Mutter, die ihre Kinder nicht besch\u00fctzen kann und in einem Land lebt, dessen Sprache sie nicht mal beherrscht, muss mit ihren Entt\u00e4uschungen fertig werden. F\u00fcr Velvet beginnt mit dem Kontakt zu Ginger nun eine Zerrei\u00dfprobe. Zum einen m\u00f6chte sie der Mutter, die nie etwas Gutes f\u00fcr die Tochter will und st\u00e4ndig behauptet, sie sei schlecht, alles recht machen, zum anderen sehnt sie sich nach ihrem st\u00f6rrischen und unberechenbaren Pferd Fugly Girl. Velvet l\u00fcgt, wenn es sein muss, sie wird in der Schule gemobbt, sie lebt in einer Umgebung voller Gewalt. Ginger jedoch hat sich in das M\u00e4dchen verliebt und wei\u00df, dass sie ihr nie so nahe sein kann, wie sie es sich w\u00fcnscht. Sie kann Velvet einiges erm\u00f6glichen, aber sie ist nicht ihre Familie. Ihr Mann Paul versucht Ginger diese Distanz klarzumachen, aber Ginger verschlie\u00dft sich jeglichem rationalen Denken.<\/p>\n<p>Immer wieder besucht Velvet Ginger und es stellt sich heraus, dass sie eine exzellente Reiterin sein k\u00f6nnte, die sogar h\u00f6ren kann, was die Pferde zu sagen haben. Die Bindung an das nicht z\u00e4hmbare Pferd st\u00e4rkt Velvets Handeln und Denken und ihre innere Freiheit, wenn sie reiten darf. Aber Velvet ger\u00e4t, um anderen zu imponieren, in Schl\u00e4gereien, sie bringt keine guten Noten nach Hause, auch wenn Ginger mit ihr am Telefon die Hausaufgaben macht. Je mehr Ginger das Kind an sich binden will, um so problematischer wird f\u00fcr Velvet die eigene Familie und ihr Umfeld.<\/p>\n<p>Ginger muss Velvet auch klarmachen, dass sie ihre Eskapaden nicht zahlen kann, auch wenn sie als Wei\u00dfe vielleicht etwas mehr Geld hat als ihre Mutter. Doch Ginger lenkt ein, versucht Velvet an sich zu ziehen, schickt der Mutter trotz allem Geld, will das ihre Familie in ihre Gegend zieht und hofft sehr, dass das M\u00e4dchen sogar bei einem Turnier mitreiten k\u00f6nnte. Dabei bemerkt Ginger, die auch heimlich und aus Verzweiflung um das Kind einen Drink nimmt, nicht, dass ihr Mann eine Aff\u00e4re hat und die beiden sich voneinander entfernen.<\/p>\n<p>Mary Gaitskill l\u00e4sst ihre Figuren, Ginger, Velvet, Paul und Silvia aus ihrer Sicht von den Geschehnissen erz\u00e4hlen. Dabei achtet sie nicht sonderlich auf die Figurensprache, denn Velvets Erkl\u00e4rungen sind manchmal einfach zu erwachsen. Und doch liest sich dieser Roman absolut spannend, denn er erz\u00e4hlt direkt und ungeschminkt von verzweifelten, nicht unbedingt sympathischen Menschen in realen Lebenssituationen, deren Konflikte verst\u00e4ndlich und nachvollziehbar sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mary Gaitskill: Die Stute, Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Sorge, Klett-Cotta Verlag, 540 Seiten, \u20ac25,00, 978-3-608-98109-4 \u201eMir schien, dass sie aggressiv mir gegen\u00fcber war. 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