{"id":2122,"date":"2019-06-23T08:01:36","date_gmt":"2019-06-23T06:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2122"},"modified":"2019-06-23T08:01:36","modified_gmt":"2019-06-23T06:01:36","slug":"ein-wenig-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ein-wenig-leben\/","title":{"rendered":"Ein wenig Leben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, Aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Verlag Hanser Berlin, Berlin 2017, 960 Seiten, \u20ac28,00, 978-3-446-25471-8 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEr war m\u00fcde, er war so m\u00fcde. Es verlangte ihm so viel Energie ab, die Scheusale auf Abstand zu halten. Manchmal stellte er sich vor, wie er sich ihnen ergab und sie ihn mit ihren Klauen und Schn\u00e4beln und Krallen zudeckten und hackten und zwickten und rupften, bis er verschwunden war, stellte sich vor, das er es zulie\u00df.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Vier Freunde treffen sich auf dem College: Willem wird ein gefeierter Schauspieler, JB avanciert zum K\u00fcnstler, Malcolm arbeitet erfolgreich als Architekt und Jude wird ein angesehener Prozessanwalt. Alle vier haben keine einfachen Kindheiten hinter sich, stehen unter Erwartungsdruck, den sie sich selbst auferlegen oder Familienmitglieder ihnen suggerieren. Wie und warum die vier sich so gut verstehen, bleibt offen, wie so vieles in diesem Roman, der so dick ist wie ein Ziegelstein. Vom Marketing ausf\u00fchrlich beworben wird das Buch von Hanya Yanagihara, einer amerikanischen Autorin und Journalistin, 42 Jahre alt, in allen Zeitungen und Sendungen, mal euphorisch, mal kritisch ablehnend, besprochen. Keine Frage, es ist eine zunehmende Qual, mal begonnen, das Buch zu Ende zu lesen, denn die Handlung umkreist aus verschiedenen Erz\u00e4hlperspektiven die Lebensgeschichte von Jude, eine schwierige undurchsichtige Figur, die pausenlos leidet. Er ist der Hochbegabte von allen, der Attraktivste und vor allem der Geheimnisvollste. Als S\u00e4ugling, gefunden neben einer M\u00fclltonne, als Kind von M\u00e4nnern missbraucht, die ihn eigentlich besch\u00fctzen sollten, taucht er dann in diesem College auf, in dem die jungen M\u00e4nner sich kennenlernen. Alle m\u00fcssen sich, au\u00dfer Malcolm, da aus wohlhabendem Hause, finanziell abm\u00fchen. Judes Vergangenheit ist nie Gespr\u00e4chsthema, dass er jedoch massive pers\u00f6nliche Probleme hat, wei\u00df nicht nur sein Vertrauensarzt Andy. Jude zieht ein Bein nach, ritzt sich immer wieder, bis hin zu so tiefen Einschnitten, dass man vermutet, er wolle sich umbringen. Phasenweise wird er nicht mehr laufen k\u00f6nnen. Was ihm Schreckliches geschehen ist, erf\u00e4hrt der Leser nach und nach. Und Jude sucht sich M\u00e4nner, die ihn zutiefst dem\u00fctigen, fast totschlagen und er wird nichts unternehmen. Als er mit Willem, dem gefeierten Leinwandstar, endlich zusammenkommt, eigentlich waren sie nur Freunde, entspannt sich die Lage f\u00fcr ihn. Auch die Freundschaft zu seinem Professor Harold wird immer wieder auf die Probe gestellt. Judes Erlebnisse in der Vergangenheit haben ihn verunsichert, er ist, trotz beruflichem Erfolg, sich seiner nie sicher. Er kann nicht verstehen, warum Harold und seine Frau ihn adoptieren wollen und somit sehr sch\u00e4tzen. Jude lehnt jede Form von Therapie ab, kann keine Form von Hilfe annehmen, zerst\u00f6rt nach und nach sich selbst.<br \/>\nImmer wieder kreuzen sich im Lauf von drei Jahrzehnten die Wege der vier M\u00e4nner, deren Lebensstandard sich erh\u00f6ht, die Wohnungen werden gr\u00f6\u00dfer, sie entzweien sich, verlieben sich auch ineinander und kommen tragisch zu Tode. Im Hintergrund spielt noch New York eine Rolle, aber die Erz\u00e4hlungen, die konzentrisch um Jude kreisen, spiegeln immer nur das Private wider, nie Berufliches oder gar das Zeitgeschehen. \u00dcberrascht ist man sicher, \u00fcber die Konzentration der Autorin auf die m\u00e4nnliche Psyche und Sprachlosigkeit. Sie durchzieht wie ein roter Faden den umfangreichen Roman. Vor dem inneren Auge des Lesers entfalten sich Lebenspanoramen, die zum gr\u00f6\u00dften Teil Schicksale von homosexuellen M\u00e4nnern offenbaren. Nur Malcolm wird heiraten und ein eher b\u00fcrgerliches Leben f\u00fchren.<br \/>\nDer vielbeschworene Sog, der den Leser in den Roman zieht, wird nach und nach aber auch zur Qual, denn die Geheimnisse um Jude, physische und psychische Gewalt, brutalste Exzesse, aber auch Liebe f\u00fcllen melodramatisch die fast tausend Seiten. Steigen alle eindimensional gezeichneten Freunde in den Olymp ihres Ruhms, so enden sie auch tragisch. Zwischendurch fragt man sich schon als Leser und auch Kritiker, warum Hanya Yanagihara sich so an dieser Jude-Figur, die durch alle H\u00f6llen gegangen ist, festklammert, warum so ein Hype um diese fast 1000 seitigen Roman veranstaltet wird. Diese Art der Literatur, deren Erz\u00e4hlfluss ab und zu auch v\u00f6llig unrealistisch und allzu gef\u00fchlig ist, muss einen schon ziemlich fesseln, um ans Ende zu gelangen. Sie kann vereinnahmen, aber auch abschrecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, Aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Verlag Hanser Berlin, Berlin 2017, 960 Seiten, \u20ac28,00, 978-3-446-25471-8 \u201eEr war m\u00fcde, er war so m\u00fcde. 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