{"id":2102,"date":"2019-06-23T08:07:14","date_gmt":"2019-06-23T06:07:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2102"},"modified":"2019-06-23T08:07:14","modified_gmt":"2019-06-23T06:07:14","slug":"nach-einer-wahren-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/nach-einer-wahren-geschichte\/","title":{"rendered":"Nach einer wahren Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte, Aus dem Franz\u00f6sischen von Doris Heinemann, Dumont Buchverlag, K\u00f6ln 2016, 348 Seiten, \u20ac23,00 , 978-3-8321-9830-5<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eL. konnte besser als jede andere mein Stimmung, meine Sorgen erraten, sie schien eine Vorherkenntnis der Ereignisse zu haben, die mich betrafen. Sie hatte auf mich einen Einfluss, den keine meiner Freundinnen je gehabt hatte.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die Ich-Erz\u00e4hlerin dieses Romans scheint die Autorin selbst zu sein. Doch endet L., die Freundin, von der die Ich-Erz\u00e4hlerin akribisch genau in diesem Roman berichtet, ihre Manuskripte als Ghostwriterin f\u00fcr Politiker, Schlagersternchen oder Schauspielerinnen mit <em>\u201e Ende* \u201c<\/em>, ein pers\u00f6nliches Zeichen der wahren Autorin. Auch dieser Roman endet mit <em>\u201e Ende* \u201c<\/em>. Wer hat nun diesen Roman geschrieben, die omin\u00f6se L. oder Delphine de Vigan? Kann es sein, dass jemand sein Leben aus Episoden aus Romanen selbst erdichtet und diese dann pr\u00e4zise genau weitererz\u00e4hlt? Die Autorin hat L. jedes Wort geglaubt, weil sie es wollte und ihr vertraut hatte.<\/p>\n<p>Alles beginnt mit dieser entscheidenden Begegnung nach der Buchmesse. Die Autorin hat einen sehr pers\u00f6nlichen Roman \u00fcber ihre Mutter ver\u00f6ffentlicht. Er hei\u00dft <em>\u201eDas L\u00e4cheln meiner Mutter\u201c<\/em> ( Rezension ebenfalls auf dieser Homepage ). L. und sie kommen ins Gespr\u00e4ch, sie sind sich sympathisch. Dabei f\u00e4llt auf, dass die Autorin L. als \u00e4u\u00dferst perfekte Frau mit starken Ansichten wahrnimmt und sich selbst in den Schatten stellt. War sie doch als Kind recht sch\u00fcchtern und ist auch heute nicht besonders erfreut, wenn sie vor Publikum reden soll. Alles an L. fasziniert die Autorin und nach jeder Begegnung, scheint sie ein bisschen zu schrumpfen. Sie verliert sich selbst in dieser immer intensiver werdenden Beziehung. Als die Sprache darauf kommt, was die Autorin demn\u00e4chst als neues Buch beginnen wird, entbrennt eine heftige Auseinandersetzung. L. glaubt, gute Literatur kann nur diejenige sein, die aus dem wahren Leben sch\u00f6pft. Allerdings erh\u00e4lt die Autorin von einem anonymen Schreiber hasserf\u00fcllte Briefe, die mit der Schreibmaschine geschrieben wurden. Er kritisiert sie, da sie pers\u00f6nliche Themen \u00f6ffentlich gemacht hat. Er beleidigt sie und unterstellt ihr, sie sei mit einem ber\u00fchmten Literaturkritiker nur zusammen, weil sie sich davon Vorteile verschaffe. Auch auf ihrer Facebook-Seite tummeln sich fiese Anschuldigungen.<\/p>\n<p>In der Zeit als die Autorin L. kennenlernt, geschehen in ihrem Leben viele Umbr\u00fcche. Ihre Zwillinge machen Abitur und verlassen das Nest. Ihr Freund Francois ist st\u00e4ndig unterwegs und wird L. nie begegnen, zumal diese auch in Andeutungen schlecht \u00fcber die Beziehung zwischen der Autorin und Francois spricht. L. scheint wie ein Seismograph auf alle Stimmungen der Autorin zu reagieren und vermag auch das zu sagen, was der andere h\u00f6ren will. Sie allein wei\u00df um die Geheimnisse ihrer besten Freundin, nachdem sie alle anderen Freunde ausgebootet hat.<\/p>\n<p>Sind es die inneren Zweifel, die die Autorin nicht aussprechen kann und einer anderen Person in den Mund legen muss? Ist es ein Spiel mit Identit\u00e4ten, die man annehmen kann und wieder ablegen? Steckt hinter allem ein Gedankenspiel \u00fcber den Prozess des Schreibens und seine Qualen? Mag sein, denn die Autorin kann nicht mehr schreiben. Wenn sie sich dem Computer n\u00e4hert oder einen Stift in die Hand nimmt, fangen ihre H\u00e4nde an zu zittern. Nur L. kennt dieses schreckliche Geheimnis der Autorin, dass sie vor allen kaschieren muss, vor der Familie und ihrer Lektorin.<\/p>\n<p>Hier springt L. ein. Sie gewinnt die Oberhoheit \u00fcber das Leben der Autorin. Schreibt Mails f\u00fcr sie, arbeitet an einem Vorwort in ihrem Namen und tritt sogar in einer Diskussion als sie auf. Sie n\u00e4hert sich in ihrem \u00c4u\u00dferen immer mehr der Autorin an. Verliert angeblich ihre Wohnung, zieht bei ihr ein. Die Leben der beiden Frauen \u00fcberlagern sich, zumal L. auch noch behauptet, sie w\u00fcrden sich vom Lyzeum her kennen. L. macht sich f\u00fcr die Autorin unentbehrlich und letztendlich steuert die Geschichte auf eine Katastrophe zu, als die Autorin endlich ihr neues Thema gefunden hat \u2013 das wahre Leben von L..<\/p>\n<p>Delphine de Vigan umkreist alle inneren Fragen, die sich eine Bestsellerautorin stellt, die aus dem eigenen Leben f\u00fcr ihr Schreiben sch\u00f6pft. Wie weit darf man gehen? Was ist die Wahrheit beim Schreiben und wie viel offenbart man als Schreibender wirklich von sich? Faszinierend liest sich dieses Psycho-Spiel zwischen den Frauen, den Identit\u00e4ten oder doch auch nicht. \\&#8217;Der Film<em>\u201e Die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen\u201c<\/em> mit Kevin Spacey kommt nicht nur der Autorin in den Sinn, wenn man dieses Buch \u00fcber Doppelg\u00e4nger, Identit\u00e4tenklau und \u00f6ffentliche Zurschaustellung liest.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte, Aus dem Franz\u00f6sischen von Doris Heinemann, Dumont Buchverlag, K\u00f6ln 2016, 348 Seiten, \u20ac23,00 , 978-3-8321-9830-5 \u201eL. konnte besser als jede andere mein Stimmung, meine Sorgen erraten, sie schien eine Vorherkenntnis der Ereignisse zu&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/nach-einer-wahren-geschichte\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-2102","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2102"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2102\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2280,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2102\/revisions\/2280"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}