{"id":2078,"date":"2019-06-23T08:07:33","date_gmt":"2019-06-23T06:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2078"},"modified":"2019-06-23T08:07:33","modified_gmt":"2019-06-23T06:07:33","slug":"geister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/geister\/","title":{"rendered":"Geister"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nathan Hill: Geister, Aus dem Englischen von Werner L\u00f6cher-Lawrence und Kathrin Behringer, Piper Verlag, M\u00fcnchen 2016, 864 Seiten, \u20ac25,00, 978-3-492-05737-0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eFaye konnte sich an nichts erinnern, aber sie wusste, was passiert war. Sie wusste ganz genau, was passiert war. Sie hatte den Geist beleidigt, und der Geist hatte sie geholt. Der Geist war mit ihrem Vater aus dem alten Land gekommen, und jetzt verfolgte er sie. Das war der Moment, der ihre Kindheit ver\u00e4nderte und sie auf einen Weg brachte, der alles, was danach kam, die Anf\u00e4lle, die Katastrophe in Chicago, ihr Versagen als Mutter, der das alles unausweichlich erscheinen lie\u00df. Jedes Leben habe einen Moment wie diesen, ein Trauma, das einen in neue Teile zerbricht.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Als Samuel elf Jahre alt ist, verl\u00e4sst seine Mutter Faye ihn und ihren Mann Henry, einen Tiefk\u00fchlkostvertreter, mit dem sie in einem Vorort lebt. Langsam hat sie alle Dinge, die sie ben\u00f6tigt aus dem Haus geschafft. Irgendwann geht sie einfach nur mit einem Koffer, nachdem sie ihrem Sohn liebevoll \u00fcbers Gesicht gestrichen hat. Das sind einpr\u00e4gsame Szenen, die Nathan Hill unnachahmlich gut in seinem erz\u00e4hlerisch ausufernden Roman, so dick wie ein Backstein, schildert. Gute zwanzig Jahre sp\u00e4ter, 2011, wird Faye den Gouverneur und Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Packer, der durch seine populistischen beleidigenden Reden auff\u00e4llt ( Wer denkt da nicht an den neuen Pr\u00e4sidenten der USA Donald Trump?), \u00f6ffentlich mit Steinen bewerfen. Wer ist diese Mutter, was ist in ihrem Leben geschehen? Warum hat sie ihren Sohn verlassen?<\/p>\n<p>Samuel Andresen arbeitet als Professor f\u00fcr Literatur an einem kleinen College au\u00dferhalb von Chicago. Er hat den Kontakt zu seiner wahren Liebe, der erfolgreichen Geigerin Bethany verloren und spielt mit Vorliebe, und das auch noch an seinem Arbeitsplatz, das Computerspiel <em>&#8222;World of Elfscape\\&#8220;<\/em>, das auch 12-J\u00e4hrige begeistert, \u00e4rgert sich mit Studentinnen herum, die l\u00fcgen und betr\u00fcgen, wenn es um zu erbringende Leistungen geht und hat vor zehn Jahren nach einer ver\u00f6ffentlichten Geschichte einen gro\u00dfz\u00fcgigen Honorarvertrag f\u00fcr einen Roman unterschrieben, der nie zu Papier gebracht wurde. Dieses \u00dcbereinkommen mit einem gro\u00dfen Verlag wird ihm nun zum Verh\u00e4ngnis, denn der Verleger erwartet von Samuel eine rei\u00dferische Geschichte \u00fcber seine inhaftierte Mutter, mit der er sich aus den Schulden beim Verlag freikaufen k\u00f6nnte. \u00dcber einen Anwalt, Samuel soll f\u00fcr seine Mutter einen freundlichen Brief an den Richter Charlie Brown schreiben, kommt ein erster Kontakt zustande. Seltsam unnahbar wirkt die nun 61-j\u00e4hrige Faye auf den Sohn, kalt, distanziert, wortkarg, dabei liebt sie die Literatur und lebt mehr recht als schlecht vom Gedichte vorlesen. \u00dcber die Presse gelangen Informationen \u00fcber die Vergangenheit der Mutter im Studentenmilieu der 1968er Jahre an die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Nach und nach bl\u00e4ttert der amerikanische Autor Nathan Hill in seinem opulenten Deb\u00fctroman die Familiengeschichte der Mutter auf. Im Perspektivenwechsel erf\u00e4hrt der Leser einiges von Samuel, aber auch Faye. Alle F\u00e4den f\u00fchren zur\u00fcck in die Geschehnisse w\u00e4hrend der Studentenzeit von Faye und verkn\u00fcpfen sich v\u00f6llig neu in der Gegenwart.<br \/>\nSch\u00f6n schaurig und auch abgrundtief verst\u00f6rend waren die Geschichten von Geister, sogenannten Nissen, die sich Faye von ihrem Vater, der aus Norwegen stammt, anh\u00f6ren durfte. Schwierig war die Beziehung zum traurigen Vater, der ein dunkles Geheimnis h\u00fctet und nun in seiner dementen Umnachtung dar\u00fcber nicht mehr sprechen kann. Faye wird allem auf die Spur kommen, auch sich selbst und ihren Fluchten, die scheinbar famili\u00e4r vorgepr\u00e4gt sind.<\/p>\n<p>Alle Figuren in diesem Roman sind auf die eine oder andere Weise, die Hauptfiguren nicht ausgenommen, korrumpierbar. Ein ersch\u00fctterndes Gesellschaftsbild, das einen verzweifeln lassen k\u00f6nnte, w\u00e4re da nicht die Leichtigkeit dieses Romans, der den Leser in weitschweifige, zahlreiche Verzweigungen und Beschreibungen unterschiedlichster Bereiche wie Politik, Irak-Krieg, Hochschulwesen, Computerspiel-Community oder Verlagswesen entf\u00fchrt. Und doch immer zum Eigentlichen zur\u00fcckkehrt, dem schwierigen Mutter-Sohn-Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathan Hill: Geister, Aus dem Englischen von Werner L\u00f6cher-Lawrence und Kathrin Behringer, Piper Verlag, M\u00fcnchen 2016, 864 Seiten, \u20ac25,00, 978-3-492-05737-0 \u201eFaye konnte sich an nichts erinnern, aber sie wusste, was passiert war. Sie wusste ganz genau, was passiert war. 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