{"id":2060,"date":"2019-06-23T08:26:14","date_gmt":"2019-06-23T06:26:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2060"},"modified":"2019-06-23T08:26:14","modified_gmt":"2019-06-23T06:26:14","slug":"wie-der-atem-in-uns","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wie-der-atem-in-uns\/","title":{"rendered":"Wie der Atem in uns"},"content":{"rendered":"<p><strong>Elizabeth Poliner: Wie der Atem in uns, Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff, Dumont Buchverlag, K\u00f6ln 2016, 428 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-8321-9817-6 <\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Wir z\u00e4hlten zu den vielen j\u00fcdischen Familien aus ganz Connecticut, die zu diesem Flecken str\u00f6mten. Wir hockten alle aufeinander, denn 1948 gab es sehr viele Orte, zu denen Juden immer noch keinen Zutritt hatten, sehr viele offizielle und inoffizielle Vorschriften, die uns von bestimmten Wohngegenden, Urlaubsorten und Klubs fernhielten, das hei\u00dft fast von \u00fcberall. Der Genozid in Europa sollte das erst langsam \u00e4ndern. Doch hier, in diesem Nest, durften wir sein.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Die j\u00fcdische Gro\u00dfeltern Riesel und Maks Leibritsky, sie stammten aus Russland und waren gute 55 Jahre verheiratet, vermachen den drei Schwestern Ada, Vivie und Bec ihr Sommerhaus am Strand von Woodmont in Connecticut. Mit Kind und Kegel reisen diese nun Sommer f\u00fcr Sommer acht Wochen lang an und genie\u00dfen die Zeit.<\/p>\n<p>Molly ist die Tochter von Ada und im entscheidenden Jahr 1948 zw\u00f6lf Jahre alt. Sie ist die Erz\u00e4hlerin, die mehr als 50 Jahre sp\u00e4ter, sich an die Ereignisse in der Familie erinnert. Sie ist allein geblieben und hat das Haus von Bec geerbt. Hier \u00f6ffnet sie nach anf\u00e4nglichen Schwierigkeiten die Schr\u00e4nke und erinnert sich an den Sommer 1948 und seine Folgen. Schnell wird klar, was geschehen ist. Ihr acht Jahre alter Bruder Davy wurde vom Eish\u00e4ndler Sal Luccino \u00fcberfahren, ein tragischer Unfall, der die Familie in Depressionen und Verzweiflung st\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Detailreich und in Zeitspr\u00fcngen erz\u00e4hlt die amerikanische Autorin in ihrem ersten Roman von der Gro\u00dffamilie, ihren Verlusten, aber auch ganz allt\u00e4glichen Geschehnissen. So spannte einst die lebensfrohe Ada ihrer Schwester den Verlobten aus und f\u00fcnf Jahre lang herrschte zwischen den Schwestern Funkstille. Bec ist jahrelang mit ihrer Jugendliebe Tyler verlobt, der auf die Universit\u00e4t geht und ihr dann mitteilt, dass er eigentlich eine gebildete Frau heiraten m\u00f6chte. Da ist Nina, die intelligente Tochter von Vivie, deren Vater ihr immer wieder dicke B\u00fccher mitbringt, die diese auch gewissenhaft liest. Sp\u00e4ter wird sie eine Professorinnenlaufbahn in Berkley antreten. Mollys Gedankenstrom gleitet von einer Person ihrer Familie zur anderen. Tiefgr\u00fcndig erz\u00e4hlt sie von den unterschiedlichen Lebenswegen der einzelnen Figuren, ihren Entscheidungen, Schw\u00e4chen und St\u00e4rken. Alles ist in gewisser Weise mit dem kleinen Bruders Davy verkn\u00fcpft und jeder wird auf seine Weise mit seinem Tod fertig, auch Davys Mutter Ada.<\/p>\n<p><em>&#8222;Sie war nicht gl\u00fccklich, so einfach war es nicht. Aber sie lebte wieder, sie stand fr\u00fch auf, interessierte sich f\u00fcr die Organisation ihres Haushalts, schenkte gelegentlich meinem Vater ein trauriges L\u00e4cheln und g\u00f6nnte sich sogar zuweilen einen Augenblick, in dem sie etwas tat, was sie fr\u00fcher oft getan und beinahe vergessen hatte: Sie nahm einen tiefen Atemzug.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Bec hat das Bild, das Davy in seinem letzten Sommer gemalt hat, aufgehoben und immer wenn sie ihren Schrank ge\u00f6ffnet hat, angesehen. Steht die Familiengeschichte im Vordergrund, sie schimmert durch den szenisch geschriebenen Text aber auch die Zeitgeschichte der Juden in den USA und Israel.<\/p>\n<p>Elizabeth Poliner hat ein ausuferndes, wie feinf\u00fchliges Familienportr\u00e4t verfasst, das sich, wenn man sich darauf einl\u00e4sst, nach dem Lesen Spuren hinterl\u00e4sst. Zum einen muss die Familie den Tod eines Kindes verkraften, zum anderen bietet dieser Roman einen Blick in eine vergangene Zeit, ihren Ritualen, moralischen Vorstellungen und Verhaltenskodexen, die gar nicht so weit entfernt ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elizabeth Poliner: Wie der Atem in uns, Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff, Dumont Buchverlag, K\u00f6ln 2016, 428 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-8321-9817-6 &#8222;Wir z\u00e4hlten zu den vielen j\u00fcdischen Familien aus ganz Connecticut, die zu diesem Flecken str\u00f6mten. 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