{"id":2048,"date":"2019-06-23T08:12:37","date_gmt":"2019-06-23T06:12:37","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=2048"},"modified":"2019-06-23T08:12:37","modified_gmt":"2019-06-23T06:12:37","slug":"das-laecheln-meiner-mutter-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/das-laecheln-meiner-mutter-2\/","title":{"rendered":"Das L\u00e4cheln meiner Mutter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Delphine de Vigan: Das L\u00e4cheln meiner Mutter, Aus dem Franz\u00f6sischen von Doris Heinemann, Droemer Verlag, M\u00fcnchen 2013, 381 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-426-41756-0 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch beschreibe Lucile aus der Sicht des zu schnell gro\u00df gewordenen Kindes, ich schreibe \u00fcber das Mysterium, das sie mir immer war, sie, die immer so pr\u00e4sent und zugleich so fern war und die mich nach meinen zehnten Geburtstag nie mehr in die Arme genommen hat.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Es ist ein heikles Unterfangen, die eigene Familie in den Mittelpunkt eines Romans zu r\u00fccken. Nichts wird hinzuerfunden, nichts besch\u00f6nigt. Doch Erinnerungen sind immer br\u00fcchig, subjektiv oder zeitlich verschoben, nicht genau. Aber sie helfen, um ein Bild von einem Menschen zu formen, ihn wieder lebendig zu machen.<\/p>\n<p>Um Lucile, ihre sch\u00f6ne, immer leicht entr\u00fcckte Mutter beschreiben zu k\u00f6nnen, befragt Delphine de Vigan die noch lebenden Verwandten, die Schwestern der Mutter, Manon, ihre eigene Schwester, die Freunde. Sie beruft sich auf Szenen, Erinnerungsfetzen aus der Kindheit und die sporadischen Aufzeichnungen von Lucile.<br \/>\nSensibel, vor allem diskret und voller Zweifel unterbricht die franz\u00f6sische Autorin immer wieder ihren Schreibfluss, um sich selbst zu vergewissern, ob das, was sie festh\u00e4lt, auch so in Ordnung ist.<\/p>\n<p>Zwei Jahre nach dem Freitod Luciles entschlie\u00dft sich die Autorin, um Abschied zu nehmen, aus Liebe oder gar Schuldgef\u00fchlen, die Familiengeschichte ihrer Mutter aufzuschreiben. Sie hatte die Tote in ihrer kleinen Wohnung gefunden. Der Suizid war geplant, nichts hat Lucile dem Zufall \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Hineingeboren wurde Lucile in eine gro\u00dfe Familie. Sie liebte die Momente, in denen sie mit ihrer Mutter Lian allein war, die Tage, an denen sie von ihr zu Fotoshootings f\u00fcr Modezeitschriften begleitet wurde. Lucile fiel in ihrer Familie gerade durch ihre nat\u00fcrliche Anmut, ihre Sch\u00f6nheit auf. Die fr\u00f6hliche, wie sportliche Lian und der charismatische, gern im Mittelpunkt stehende Georges wollten viele Kinder, neun sollten es werden. Hektisch und laut ging es bei den Poirers zu. R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten fanden die Kinder in der beengten Wohnung kaum. Erst als Georges Werbeagentur besser lief, konnte die Familie in ein Haus nahe Versailles umziehen. Im Sommer zog es die Gro\u00dffamilie, die auch immer wieder Freunde der Kinder mitnahm, nach Pierremont. Je gr\u00f6\u00dfer die Familie wurde, um so ausgelassener wurden die Tischgespr\u00e4che, die Unternehmungen und die Konflikte. Lucile jedoch sp\u00fcrte in sich immer wieder diese Angst, sie hatte etwas Dunkles. Sp\u00e4ter wird sie sich aus diesen Zusammenk\u00fcnften der Familie zur\u00fcckziehen, die Menge meiden.<\/p>\n<p>Bei aller Ausgelassenheit, den Geldsorgen und der Freude aneinander, bedr\u00fcckten die Familie aber auch tragische Verluste. So starb Antonin mit sechs Jahren durch einen Unfall. Jean-Marc, ein misshandeltes Kind, das in die Familie aufgenommen wurde, setzte seinem Leben mit 17 Jahren ein Ende, auch durch einen selbst verursachten Unfall. Als die \u00e4ltesten Kinder fast schon gro\u00df waren, wurde Lian noch einmal schwanger. Tom kommt mit dem Down-Syndrom auf die Welt und entgegen allen Ratschl\u00e4gen der \u00c4rzte landet er nicht in einem Heim. Georges und Lian setzen alle Hebel f\u00fcr ihren Sohn in Bewegung, damit er ein normales Leben f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Lucile, immer auch der Liebling des Vaters, beobachtet nach und nach seine negativen Seiten. Er kommt nicht klar mit, die Familie nennt es<em> \u201edas bl\u00f6de Alter\u201c<\/em>, der Pupert\u00e4t, der Abnabelung der gro\u00dfen Kinder, die er trotz Stolz auf sie auch bewusst dem\u00fctigt. Im Alter wird er ein verbitterter Mensch werden.<\/p>\n<p>Vieles schreibt Delphine de Vigan nur in Andeutungen, berichtet von den Mechanismen, der eigenen Sprache, Verhaltenskodexen, die sich in Familien ausbilden, berichtet auch zwischen den Zeilen, wie es zugegangen sein mag.<br \/>\nLucile wird mit 18 Jahren heiraten, Delphine zur Welt bringen und Manon. Und sie wird nach sieben Jahren Ehe sich mit vielen Streitereien scheiden lassen.<\/p>\n<p>Jetzt ist Lucile, die gern unkonventionell lebt, trinkt, kifft, auf sich gestellt. Sie wechselt die M\u00e4nner, wie die Arbeitsstellen. Sie gibt den Kindern viele Freiheiten und l\u00e4sst sie mehrere Stunden am Tag allein.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch, so die Autorin, haben die Schwestern erkannt, wie fragil die Mutter ist.<\/p>\n<p>Ihre Zerbrechlichkeit, Schweigsamkeit und Todessehnsucht nimmt mit den Jahren zu. Als Delphine zw\u00f6lf Jahre alt ist, beginnt die Mutter zu schreiben, offenbart der Familie, sie ist jetzt 32 Jahre alt, ihre Ansicht \u00fcber das mehr als anz\u00fcgliche Verhalten des Vaters ihr gegen\u00fcber. Eine Wand aus Schweigsamkeit schl\u00e4gt ihr entgegen. Sie revidiert das Geschriebene und l\u00f6st vielleicht dadurch ihre Krankheit aus \u2013 eine bipolare St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Die Mutter verbringt gut zehn Jahre <em>\u201ein der chemischen Zwangsjacke\u201c<\/em>, die Kinder wachsen beim Vater in der Normandie auf. Wenn sie die Mutter in Paris an den Wochenenden besuchen, dann sp\u00fcren sie, wie viel Kraft und M\u00fche die Mutter aufwendet, um ihre M\u00e4dchen bei sich zu haben.<br \/>\nDie guten Phasen werden von den Wahnphasen abgel\u00f6st. Die T\u00f6chter sind auf der Suche nach dem eigenen Leben, ohne die Mutter je aus den Augen zu verlieren.<\/p>\n<p><em>\u201eNein. Niemand kann einen Freitod verhindern.\u201c<\/em> schreibt Delphine de Vigans Sohn in seiner Hausarbeit. Und sie res\u00fcmiert:<em> \u201eMusste ich ein von Liebe und Schuldgef\u00fchlen gepr\u00e4gtes Buch schreiben, um zu demselben Schluss zu gelangen?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Leser taucht, trotz aller Diskretion, tief in dieses quirlig fr\u00f6hliche, komplizierte und doch auch unbeschwerte Familienleben ein. Luciles Lebensabschnitte werden durch die Erz\u00e4hlungen, die erinnerten Episoden und die Sicht der anderen offengelegt. Nie behauptet die Autorin, sie w\u00fcrde eine Charakterstudie ihrer Mutter verfassen. Behutsam dringt Delphine de Vigan in die Geschichte ihrer Hauptfigur vor, tr\u00e4gt Schicht um Schicht der Fassade ab, bis der Leser ihr nahe kommt und auch wieder nicht.<\/p>\n<p>Das Coverbild mit dieser sch\u00f6nen, rauchenden, jungen Frau stellt nicht irgendjemanden dar,  es ist Lucile im Kreis ihrer Familie. Ihr L\u00e4cheln bleibt r\u00e4tselhaft, wie streckenweise ihr Leben.<\/p>\n<p>Und so wie die Autorin fragt man sich nach der Lekt\u00fcre dieses Buches, was gibt man an seine Kinder weiter, in welcher Erinnerung werden sie uns einst zur\u00fcckbehalten. Wie befreie ich mich vor der Angst, dass etwas Dunkles geschehen k\u00f6nnte?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Delphine de Vigan: Das L\u00e4cheln meiner Mutter, Aus dem Franz\u00f6sischen von Doris Heinemann, Droemer Verlag, M\u00fcnchen 2013, 381 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-426-41756-0 \u201eIch beschreibe Lucile aus der Sicht des zu schnell gro\u00df gewordenen Kindes, ich schreibe \u00fcber das Mysterium, das sie&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/das-laecheln-meiner-mutter-2\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2048"}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2048"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2304,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2048\/revisions\/2304"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}