{"id":1873,"date":"2019-06-22T16:25:29","date_gmt":"2019-06-22T14:25:29","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1873"},"modified":"2019-06-22T16:25:29","modified_gmt":"2019-06-22T14:25:29","slug":"das-gerettete-kind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/das-gerettete-kind\/","title":{"rendered":"Das gerettete Kind"},"content":{"rendered":"<p><strong>Renate Ahrens: Das gerettete Kind, Droemer Verlag, M\u00fcnchen 2016, 352 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-426-28114-7 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch wei\u00df nichts \u00fcber Omas Leben damals. Einmal habe ich versucht, von Leah etwas zu erfahren. Drei oder vier Jahre muss das her sein. Ihr Blick wanderte in die Ferne. Deine Gro\u00dfmutter hat als Einzige in der Familie den Holocaust \u00fcberlebt, sagte sie mit monotoner Stimme. Frag sie nicht, frag sie nie.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die achtzehnj\u00e4hrige Rebecca lebt mit ihrer geschiedenen Mutter Leah, die nur f\u00fcr ihre Arbeit lebt, in Dublin. Immer wieder kommt es zu Spannungen zwischen den Frauen. Auch die Beziehung zwischen Leah und ihrer 86-j\u00e4hrigen Mutter Irma ist nicht frei von Konflikten. Innerhalb der Familie herrscht die Ansicht, dass die beiden Zwillingsbr\u00fcder, die acht Jahre \u00e4lter sind als Leah, nur Gutes f\u00fcr die Mutter wollen und die Tochter Leah das schwarze Schaf ist. Als Kind war sie st\u00f6rrisch, eigensinnig und ohne Kinderm\u00e4dchen f\u00fcr die Mutter eine Belastung. Leah sp\u00fcrt die vehemente Ablehnung der Mutter und glaubt, dass sie eigentlich nicht gewollt war. Allerdings schwelt im Hintergrund immer ein dunkles Geheimnis, das Geheimnis von Irmas Kindheit und all dessen, was sie als deutsche J\u00fcdin durchmachen musste. Die Familie wei\u00df nur, dass Irma als Einzige den Holocaust \u00fcberlebt hat. Allerdings redet sie nicht dar\u00fcber. Alle m\u00fcssen auf die Mutter R\u00fccksicht nehmen, denn sie habe viel durchmachen m\u00fcssen. So wurde Irma von ihrem liebenden Mann besch\u00fctzt und so glauben die erfolgreichen Zwillingsbr\u00fcder nun, die Mutter vor der Schwester besch\u00fctzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ohne die Auswirkungen zu ahnen, ist das Schweigen innerhalb der Familie zum Ritual geworden. Dieses kaum miteinander Sprechen haben auch Leah und Rebecca kultiviert. Aus Angst vor der Mutter, die alles Deutsche konsequent ablehnt, erz\u00e4hlt Rebecca nichts von ihrem Freund Jonas aus Hamburg. Ihn m\u00f6chte sie gern besuchen und auch Zeit in Hamburg verbringen.<br \/>\nAls Irma durch einen Herzinfarkt im Krankenhaus landet, verbieten sogar die Br\u00fcder der Schwester einen Besuch. Allerdings bemerkt der Leser auch, wie Irma ihre S\u00f6hne gegen die ungeliebte Tochter grundlos ausspielt.<br \/>\nNur Rebecca hat Zugang zur Gro\u00dfmutter. Ihr erz\u00e4hlt sie von ihrem Vorhaben nach Deutschland zu reisen, zumal Hamburg Irmas Geburtsort ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gro\u00dfmutter kehrt, bedingt auch durch die Krankheit und ein m\u00f6gliches nahes Ende, gedanklich die Kindheit zur\u00fcck. Sie sucht nach ihrem Tagebuch und denkt an die schreckliche Zeit ab den 1930er Jahren. Nur Lea, eine enge Freundin, ebenfalls J\u00fcdin, hat sich damals f\u00fcr Irma eingesetzt, als sie von den anderen Sch\u00fclern geschlagen wurde.<br \/>\nNach dieser Freundin hat Irma, ohne das ihr Mann etwas von der Existenz Leas gewusst hat, ihre Tochter benannt. Als die Lage sich f\u00fcr die Juden zuspitzte, sorgten Irmas Eltern daf\u00fcr, dass das M\u00e4dchen auf einen Kindertransport nach England geschickt wurde.<\/p>\n<p>Irma hatte keine Chance, sich von Lea zu verabschieden. Das bereitete ihr Gewissensbisse ein Leben lang und irgendwie so scheint es, hat Irma ihre schlechten Gef\u00fchle auf ihr M\u00e4dchen namens Leah \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Rebecca reist, obwohl die klammernde Mutter einen Bandscheibenvorfall hat, nach Hamburg. Sie recherchiert vor Ort und kann so einiges \u00fcber die Kindertransporte und Zeitzeugen herausfinden. Trotz der sch\u00fctzenden Zwillingsbr\u00fcder spricht Rebecca mit der Oma \u00fcber die damaligen Ereignisse. Irma l\u00e4sst das Vergangene endlich an sich heran. Sie erinnert sich an das j\u00fcdische extrem unfreundliche Ehepaar, das f\u00fcr sie geb\u00fcrgt hatte, ihre Zeit auf dem Bauernhof in Irland und den Moment als ein Brief vom Roten Kreuz ihr mitteilte, dass ihre Eltern im KZ Auschwitz ermordet wurden.<br \/>\nAls Rebecca ein Interview mit einer Lea Ginzburg findet, stellt sich schnell heraus, dass das Irmas Jugendfreundin ist. Nun \u00f6ffnen sich alle Schleusen und Irma traut sich endlich ihren Erinnerungen freien Lauf zu lassen. Und sie findet f\u00fcr ihre eigene Tochter einen neuen, vers\u00f6hnlichen und offenen Ton.<\/p>\n<p>Aus drei Perspektiven erz\u00e4hlt Renate Ahrens ihre fiktive Geschichte. Rebecca, Leah und Irma kommen zu Wort und beurteilen jeweils aus ihrer Sicht die Geschehnisse.<\/p>\n<p>Sprachlich einfach gehalten flie\u00dft die durchaus spannende Handlung mit Blick in die Vergangenheit, in der sich die Schatten einer Generation auf die n\u00e4chste legt und ziemlich viel verdunkelt. Dem Leser f\u00e4llt es jedoch schwer nachzuvollziehen, warum Menschen nicht \u00fcber das Erlebte reden wollten und lieber Missverst\u00e4ndnisse, ja Zwiste in der Familie in Kauf genommen haben und mit H\u00e4rte und Lieblosigkeit reagierten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Renate Ahrens: Das gerettete Kind, Droemer Verlag, M\u00fcnchen 2016, 352 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-426-28114-7 \u201eIch wei\u00df nichts \u00fcber Omas Leben damals. Einmal habe ich versucht, von Leah etwas zu erfahren. Drei oder vier Jahre muss das her sein. 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