{"id":1855,"date":"2019-06-22T16:29:31","date_gmt":"2019-06-22T14:29:31","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1855"},"modified":"2019-06-22T16:29:31","modified_gmt":"2019-06-22T14:29:31","slug":"westlich-des-sunset","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/westlich-des-sunset\/","title":{"rendered":"Westlich des Sunset"},"content":{"rendered":"<p><strong>Stewart O&#8217;Nan: Westlich des Sunset, Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, 416 Seiten, \u20ac19,95, 978-3-498-05045-0 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSie w\u00fcrde vern\u00fcnftig sein. Er w\u00fcrde n\u00fcchtern sein.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Aber dazu wird es nicht kommen, denn Zelda Fitzgerald wird in der Nervenklinik bleiben und Francis Scott Fitzgerald ein Alkoholiker, auch als er am Tiefpunkt seines Schriftstellerdaseins in Hollywood sozusagen sein Gnadenbrot verdient. Einst gefeierter Jungstar, mit 23 Jahren ver\u00f6ffentlichte er den Roman <em>\u201eDiesseits vom Paradies\u201c<\/em> und setzte mit<em> \u201eDer gro\u00dfe Gatsby\u201c <\/em>1925 seinen Ruhm fort. Verheiratet mit Zelda galten beide als das mond\u00e4ne Glamourpaar ihrer Generation, ob in den USA oder Europa. Nun nach fast 17 Jahren Ehe stehen die psychisch kranke Zelda und der ausgepowerte Francis Scott Fitzgerald vor einem Scherbenhaufen. Aber er will unbedingt ein guter Vater sein und sich um seine 15-j\u00e4hrige Tochter Scottie k\u00fcmmern und ihr teures Internat p\u00fcnktlich bezahlen. Ein Zuhause der Familie existiert nicht mehr, alle noch vorhandenen Sachen wurden in einem Depot eingelagert. Francis Scott Fitzgerald wird in Hollywood leben, Zelda in der Anstalt.<br \/>\nSchon allein wie Stuart O&#8217;Nan die Ankunft von dem einst gefeierten Francis Scott Fitzgerald in Hollywood beschreibt, sagt alles.<\/p>\n<p><em>\u201eEr war schon zweimal hier gewesen, jeweils als ganz anderer Mensch. Beim ersten Mal hatte er triumphal in die Stadt Einzug gehalten, das goldene Wunderkind und seine Flapper-Braut, hatte beim Aussteigen aus dem Zug Autogramme gegeben und mit Zelda f\u00fcr die Kameras posiert.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Doch jetzt ist niemand da, um ihn zu empfangen. Auf den roten Teppichen in Hollywood, wenn er sie bei Filmpremieren betreten kann, kennt ihn niemand mehr. Er ist v\u00f6llig bedeutungslos. Aber Francis Scott Fitzgerald, der streng darauf achtet, das niemand ihn mit Alkohol sieht, l\u00e4sst sich nicht unterkriegen. Er nimmt jeden auch noch so miesen Auftrag an und schreibt f\u00fcr Drehb\u00fccher Dialoge, erfindet Szenen und legt sich ins Zeug. Als sein Vertrag nicht verl\u00e4ngert wird, schl\u00e4gt er sich als Freelance durch. Er schreibt Erz\u00e4hlungen, die keine Zeitschrift ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chte und beginnt seinen gro\u00dfen Roman \u00fcber Hollywood <em>\u201eDer letzte Tycoon\u201c<\/em>. Immer mit Geldsorgen im Nacken trinkt er mit seinem unbeschwert lebenden Nachbarn Humphrey Bogart, trifft sich mit Ernest Hemingway und l\u00e4sst sich von Marlene Dietrich bedienen.<br \/>\nUnd dann trifft er die blutjunge, selbstbewusste Sheila Graham, eine Klatschkolumnistin, die ihn liebt und alle Eskapaden mit ihm ertragen wird. Sie hat sich aus, wie sie sagt \u201eder Gosse hochgearbeitet\u201c und ist eigentlich nicht bereit mit ihm unterzugehen. Er muss sich zum ersten Mal einer berufst\u00e4tigen Frau mit ihren Arbeitszeiten f\u00fcgen und lebt doch auch ein Doppelleben, denn Zelda ahnt nat\u00fcrlich, dass Francis Scott Fitzgerald nicht lang allein bleibt.<\/p>\n<p>Er pendelt von einem Drehbuch zum n\u00e4chsten, ihm wird ein weiterer Schreiberling vor die Nase gesetzt, er schl\u00e4gt sich mit Produzenten herum, die alles besser wissen und er ruiniert seine Gesundheit mit zu vielen Zigaretten, Kaffee, Coca Cola und Alkohol. Er nimmt Tabletten um Schlafen zu k\u00f6nnen und wachzubleiben.<br \/>\nWenn er Zelda sieht, dann zieht vor seinem inneren Auge die Vergangenheit vorbei, der Aufstieg als der Shootingstar in den 1920er Jahren und der katastrophale Abstieg. Zelda ist unberechenbar, hat einen Nervenzusammenbruch und ver\u00e4ndert sich bei jedem neuen Treffen. Sie ist schaumgebremst in ihren Reaktionen und k\u00f6rperlich aufgeschwemmt von zu vielen Beruhigungstabletten. Schritt f\u00fcr Schritt beschreibt Stewart O&#8217;Nan einen Mann am Rande des Abgrundes, der nicht nur seine Bedeutungslosigkeit verkraften muss, auch seine Ehe geht dem Ende entgegen und seine Wille mit dem Trinken aufzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Weit abgeschlagen sieht er wie Erich Maria Remarque, Thomas Mann und Lion Feuchtwanger bei der Filmpremiere von <em>\u201eThree Comrades\u201c<\/em> beim Smalltalk zusammenstehen. Er hatte am Drehbuch gearbeitet, seine Name fand sich sogar im Abspann und doch sch\u00e4mt sich Francis Scott Fitzgerald zutiefst f\u00fcr das entstandene Machwerk.<\/p>\n<p>Der gnadenlose Zwang in der Schreibfabrik Hollywood mitzuhalten, ihre unausgesprochenen Regeln zu erkennen und doch am Ende trotz harter Arbeit ohne Nichts dazustehen, zerm\u00fcrben. Auch wenn Stuart O&#8217;Nan immer interessiert, wann ein Mensch aufgibt, Fitzgerald k\u00e4mpft und verliert doch gegen seinen eigenen K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Sein letzter hilfloser Gedanke war:<\/p>\n<p><em>\u201eIch bin noch nicht fertig.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Stewart O&#8217;Nan ist ein gro\u00dfer, sehr unterhaltsamer Erz\u00e4hler, der sich an die atmosph\u00e4risch dichte Lebensbeschreibung eines ber\u00fchmten Kollegen wagt. Er verfolgt ehrfurchtsvoll die Spuren des gro\u00dfen Fitzgerald in seiner finstersten Zeit drei Jahre vor seinem fr\u00fchen Tod. Mit nur 44 Jahren stirbt Fitzgerald an Herzversagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stewart O&#8217;Nan: Westlich des Sunset, Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, 416 Seiten, \u20ac19,95, 978-3-498-05045-0 \u201eSie w\u00fcrde vern\u00fcnftig sein. 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