{"id":1850,"date":"2019-06-22T16:41:53","date_gmt":"2019-06-22T14:41:53","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1850"},"modified":"2019-06-22T16:41:53","modified_gmt":"2019-06-22T14:41:53","slug":"neuntoeter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/neuntoeter\/","title":{"rendered":"Neunt\u00f6ter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ule Hansen: Neunt\u00f6ter, Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2016, 496 Seiten, \u20ac16,99, 978-3-453-43804-0 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eF\u00fcr sie war der T\u00e4ter ein Puzzle. Sie hatten jetzt flei\u00dfig Teile gesammelt, aber noch nicht alle beisammen, nie waren alle beisammen, doch vielleicht schon die wichtigsten, sie lagen gleichberechtigt nebeneinander vor ihren Augen, und nun mussten sie versuchen, sie zu verbinden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Emma Carow, erfahrene Berliner Fallanlytikerin beim LKA 1 mit fehlender Sozialkompetenz, die bei Serienm\u00f6rdern zur H\u00f6chstform aufl\u00e4uft, ist nicht gerade im Umgang mit ihren Kollegen diplomatisch. Sie h\u00e4lt sich nicht gern in ihrer Wohnung am Gleisdreieckpark auf und am liebsten ist sie am Tatort allein.<\/p>\n<p>Und Emma tr\u00e4gt ein jahrelanges Geheimnis mit sich herum, dass nun ans Tageslicht kommen wird. Ihr Peiniger und Vergewaltiger wurde aus der Haft entlassen und hat ein Buch geschrieben, dass er ihr gleich zugesandt hat. Nun pendelt er von einer Talkshow zur n\u00e4chsten und Emma leidet. Nach wie vor kann sie nicht fassen, dass sie auf sein angenehmes \u00c4u\u00dferes hereingefallen ist. Die tiefe Dem\u00fctigung und Erniedrigung hat sie nicht nur psychisch, sondern auch k\u00f6rperlich gezeichnet. Zu gern w\u00fcrde sie sich an ihm r\u00e4chen, findet aber bisher nicht die Kraft.<\/p>\n<p>Und noch eine Baustelle muss Emma bearbeiten. Ihr wurde ein neuer Ermittler zur Seite gestellt, Felix Schreiner. Der Vater von einj\u00e4hrigen Zwillingen konkurriert mit ihr um die Chefstelle der Abteilung. Die hochschwangere Karen Brennemann, beider ziemlich emotionslose Vorgesetzte, muss in den Mutterschutz gehen, obwohl sie sich einfach nicht von der Arbeit trennen kann. Tuff wie sie ist, hat sie aber auch Angst, dass sie ein M\u00e4dchen bekommen k\u00f6nnte. Mit Jungen kann sie einfach besser und eine Helikoptermutter wird sie garantiert nicht.<\/p>\n<p>Familienleben scheint bei den Frauenfiguren nicht so angesagt, aber im neuen Fall wird dieses Thema alle besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Per Zufall findet ein kletterfreudiger Junge hinter riesigen Werbeplakaten drei <em>\u201eAliens\u201c<\/em>, d.h. zwei junge Frauen und ein bereits \u00e4lterer Mann wurden in silberne Klebefolie mit einem Brett im R\u00fccken eingewickelt und aufgeh\u00e4ngt. Nur die Augen wurden freigelassen, der Mund verklebt. Ein grausiger Fund, zumal diese Menschen und es werden noch weitere folgen, nicht direkt get\u00f6tet wurden, sie sind verdurstet.<\/p>\n<p>Emma schlussfolgert, dass der Prim\u00e4rt\u00e4ter mit seinen Helfershelfern, allein kann ein Mensch diese Taten nicht vollbringen, nicht am T\u00f6ten interessiert war.<\/p>\n<p>\u00c4rgerlich an der operativen Fallanalyse ist, dass Emma und ihre Kollegen immer auf die Daten von den Ermittlern warten m\u00fcssen. Erst dann kann Emma beginnen, sich Gedanken \u00fcber das Profil der T\u00e4ter zu machen.<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt das Autorenduo, Astrid Ule und Eric T.Hansen, dieses absolut spannenden Plots, von der Vorgehensweise der Fallanalytiker, der Skepsis der Ermittler und vor allem der Treffsicherheit ihrer Voraussagen, die sich nur auf Gedankenkonstrukten und Vermutungen st\u00fctzen. Ziemlich r\u00fcde ist die Sprache der Polizisten untereinander und was die Opfer und m\u00f6glichen Verd\u00e4chtigen angeht auch nicht gerade fein. Alle Opfer verbindet offensichtlich Missbrauch in der Kindheit. Doch was wollten die T\u00e4ter? Wollten sie etwas inszenieren, wollten sie auf etwas hinweisen oder wollten sie einfach nur wie der Vogel, der Neunt\u00f6ter, die Beute aufh\u00e4ngen?<\/p>\n<p>Ein Foto aus der Zeitschrift Stern aus den 1980er Jahren kl\u00e4rt zumindest eine Frage.<\/p>\n<p>Die eingepackten Mumien waren alle verkleidet und sie f\u00fchrten Lebensmittel mit sich, die sie allerdings nicht erreichen konnten. Die Sachen, die die T\u00e4ter ihnen angezogen haben, gleichen denen auf dem Foto. Inszeniert wurde, laut Emmas Analyse, die heile Familie \u2013 Vater, Mutter, Tochter und Sohn. Nach und nach wird den Ermittlern klar, es ist nicht nur eine Familie, sondern es sind drei. Fieberhaft sucht die Polizei, jetzt auch mit Hilfe der \u00d6ffentlichkeit, nach stillgelegten Orten, in denen Leichen h\u00e4ngen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><em>\u201eFr\u00fcher h\u00e4tte sie sich \u00fcbergeben. Allein der Gestank. Und diese Gesichter. Nimm einem Menschen einen Arm weg, und er ist noch ein Mensch. Nimm ihm die Beine weg. Aber das Gesicht. Wenn das Gesicht nur noch ein verw\u00fcsteter Kriegsschauplatz f\u00fcr V\u00f6gel und Maden ist, dann ist auch der Mensch vergangen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ziemlich hart ist diese Lekt\u00fcre, die sich auch immer wieder den gewaltsamen Handlungen zuwendet, die Emma in ihrer Erinnerung durchspielt. Allein was diesen unschuldigen Menschen im neuen Fall angetan wurde, ist brutal genug.<\/p>\n<p>Weniger Baustellen und Dramen h\u00e4tten diesem ersten Thriller von Ule Hansen vielleicht gut getan und doch, es geht hochspannend zu, zumal die Hauptfigur eine \u00e4u\u00dferst komplexe Person ist, der man gern gedanklich folgt. Emma tritt in alle Fettn\u00e4pfchen, die bereitstehen. Sie denkt genial, macht ihre Fehler, entschuldigt sich und muss doch mit allem allein klarkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ule Hansen: Neunt\u00f6ter, Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2016, 496 Seiten, \u20ac16,99, 978-3-453-43804-0 \u201eF\u00fcr sie war der T\u00e4ter ein Puzzle. 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