{"id":1836,"date":"2019-06-22T16:47:27","date_gmt":"2019-06-22T14:47:27","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1836"},"modified":"2019-06-22T16:47:27","modified_gmt":"2019-06-22T14:47:27","slug":"french-summer-a-fucking-great-road-trip","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/french-summer-a-fucking-great-road-trip\/","title":{"rendered":"French Summer  \u2013 A fucking great road trip"},"content":{"rendered":"<p><strong>Marian De Smet: French Summer  \u2013 A fucking great road trip, Aus dem Niederl\u00e4ndischen von Andrea Kluitmann, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2016, 188 Seiten, \u20ac14,95, 978-3-8369-5840-0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch schaute und ich sah es. Wie viel Angst er hatte. Das gro\u00dftuerische Gehabe umh\u00fcllte seinen K\u00f6rper wie eine zu weite Jacke. Mitten in der Nacht h\u00f6rte ich sein unterdr\u00fccktes Schluchzen aus meinem Bett. Da wusste ich es sicher. Er war allein, genau wie ich. Wir geh\u00f6rten zusammen. Ich hatte einen Bruder. Einen echten. Einen echten, gro\u00dfen Bruder. Einen Bruder, der meine Spardose pl\u00fcnderte, Chaos in meinem Zimmer veranstaltete, stinkende Furze lie\u00df und dabei lachte.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eFrench Summer \u2013 a fucking great road trip\u201c<\/em> hei\u00dft das Jugendbuch der niederl\u00e4ndischen Autorin Marian De Smet. Diesen rei\u00dferischen Titel hat die sensible Liebesgeschichte \u00fcber Eppo, Maarten und Tabby gar nicht n\u00f6tig. Tabby, eine junge, leicht verr\u00fcckte Frau, nimmt Eppo auf ihrem Weg nach Paris oder wo auch immer hin mit. Ihm und ihr ist es ziemlich egal, wohin die Reise geht, Hauptsache weg. Doch je weiter sich Eppo von seinem Heimatort, seinen Eltern, die ihm zu dieser Fahrt geraten hatten, entfernt, seine Erinnerungen, Empfindungen und seine Verzweiflung reisen mit. Eppos Gedanken kehren immer wieder zur\u00fcck zu den Jahren mit Maarten.<\/p>\n<p>Eppo ist elf als der zwei Jahre \u00e4ltere Maarten sein Wochenendbruder wird. Maartens drogens\u00fcchtige Mutter kann sich nicht um den schwierigen Jungen k\u00fcmmern, der in der Woche in einem Heim lebt. Eppos sozial eingestellte Eltern, die wunderbar ohne Fernseher, Handy oder Computer leben k\u00f6nnen, f\u00fchlen sich f\u00fcr Maarten auf eine unaufdringliche Art zust\u00e4ndig. Maarten r\u00fchmt sich damit, wie kurz seine Aufenthalte in Pflegefamilien waren und ist doch innerlich zutiefst zerrissen, wenn ihm Zuneigung entgegengebracht wird. Er provoziert wo er kann, um sich zu beweisen. Und doch, bei allem was Maarten so an Schlimmem ausfrisst, h\u00e4lt Eppo ihm bedingungslos den R\u00fccken frei. Er liest ihm dutzende B\u00fccher vor und schweigt den Eltern gegen\u00fcber, obwohl Maarten zugesehen hat, wie einer aus seiner brutalen Clique ihn in den Fluss gesto\u00dfen hat. Eppo ist der einzige, der erkennt, wie sich Maarten hinter seiner vorget\u00e4uschten Gleichg\u00fcltigkeit und seinem hysterischen Lachen versteckt. Nur kurz erz\u00e4hlt Eppo seiner Reisebegleiterin Tabby, die st\u00e4ndig plappern muss, von seinem Bruder. Auch Tabby kann trotz vielem Gerede \u00fcber eines nicht sprechen. Sie ist schwanger und ihr Freund, ein Seemann, will das Kind nicht.<\/p>\n<p>Sie aber m\u00f6chte, auch wenn sie noch sehr jung ist, Mutter werden. Tabby und Eppo verbindet ihre Zufallsbekanntschaft. Sie st\u00fctzen sich instinktiv, denn sie wissen, jeder muss mit seinem existentiellen Problem allein fertig werden.<\/p>\n<p><em>\u201eSeine Hand lag auf meiner Brust. Er bewegte die Lippen zum Lied, die T\u00f6ne explodierten leise in meinem Ohr. \u201eSunday morning und I&#8217;m falling. I&#8217;ve got a feeling I don&#8217;t want to know\u201c. Seine Finger krochen z\u00f6gernd unter mein T-Shirt. Ich brauchte den Kopf nur zu drehen. Wir bekamen nicht genug davon. Von dem Lied.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nach einem heftigen Streit zwischen beiden Jungen ist Maarten bei einem Unfall ums Leben gekommen. Eppo glaubt, schuldig zu sein. Sicher war Eppo die erste Person in Maartens Leben, die ihn so genommen hat, wie er war, die ihm vermittelt hat, wie wichtig er f\u00fcr ihn war und die ihn wirklich inniglich geliebt hat. Aber Maarten verlangt nach der auch k\u00f6rperlichen N\u00e4he zum Bruder nun Distanz, die Eppo nicht hinnehmen kann.<\/p>\n<p>Marian De Smet l\u00e4sst weder Eppo noch den Leser im Ungewissen. Sie nimmt ihrer Hauptfigur die Schuld und l\u00e4sst Maarten vor seinem Tod einen Brief an Eppo verfassen, in dem er von seinen Empfindungen f\u00fcr ihn schreibt, die er nie aussprechen k\u00f6nnte. Als starke Figuren sind immer im Hintergrund aber anwesend, die Eltern von Eppo gezeichnet. Unvergesslich die Szene als Eppo seiner Mutter sagt, dass er Maarten wirklich geliebt hat und sie ihm best\u00e4tigt, wie gut das ist.<\/p>\n<p>Ber\u00fchrend erz\u00e4hlt die niederl\u00e4ndische Autorin eine ganz normale Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen, ohne ihre Andersartigkeit in irgendeiner Form anzudeuten, in einer Sprache, die f\u00fcr Eppos Reflexionen und Gef\u00fchle treffend feinsinnige Bilder findet. <em><\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><em>\u201eWir lauschten unseren Schlittschuhen auf dem Eis, unseren Atemz\u00fcgen und unserem wechselseitigen Schniefen. Ich sp\u00fcrte die K\u00e4lte nicht, ich sp\u00fcrte nur, wie warm seine Hand war und wie er in den Kurven Halt suchte. Wir lie\u00dfen einander keine Sekunde los.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marian De Smet: French Summer \u2013 A fucking great road trip, Aus dem Niederl\u00e4ndischen von Andrea Kluitmann, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2016, 188 Seiten, \u20ac14,95, 978-3-8369-5840-0 \u201eIch schaute und ich sah es. Wie viel Angst er hatte. 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