{"id":1834,"date":"2019-06-22T16:48:34","date_gmt":"2019-06-22T14:48:34","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1834"},"modified":"2019-06-22T16:48:34","modified_gmt":"2019-06-22T14:48:34","slug":"was-ich-euch-nicht-erzaehlte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/was-ich-euch-nicht-erzaehlte\/","title":{"rendered":"Was ich euch nicht erz\u00e4hlte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Celeste Ng: Was ich euch nicht erz\u00e4hlte, Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2016, 282 Seiten, \u20ac19,90, 978-3-423-28075-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWas war ihnen entgangen, das sie h\u00e4tten sehen sollen? Welche kleine Geste, vergessen, h\u00e4tte alles \u00e4ndern k\u00f6nnen? Sie werden es bis auf die Knochen sezieren und sich wundern, wie alles so falschlaufen konnte, und dennoch niemals Gewissheit erlangen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Middlewood in Ohio, ein 3000 Seelen \u2013 Ort mit College, hier lebt die Familie Lee, angesehen von den Nachbarn und doch abseits der Gesellschaft. Prof. James Lee arbeitet als Dozent am College und h\u00e4lt jahrein jahraus Vortr\u00e4ge \u00fcber das Leben der Cowboys. Er ist ein Kind von armen chinesischen Einwanderern, die f\u00fcr ihren Sohn alles getan haben, damit er eine gute Ausbildung erh\u00e4lt. Seine Frau Marilyn ist ebenfalls Amerikanerin. Von der Mutter allein erzogen, strebt Marilyn nach einer akademischen Laufbahn, obwohl ihr von Zuhause eingeredet wurde, sie br\u00e4uchte nur einen Mann finden und k\u00f6nnte dann gl\u00fccklich eine Familie gr\u00fcnden. \\r\\nAls Marilyns Mutter ihren k\u00fcnftigen Schwiegersohn Mitte der 1950er Jahre sieht, erkl\u00e4rt sie unverbl\u00fcmt, dass er nicht der richtige Mann f\u00fcr ihre Tochter sei. Marilyn wird ihre Mutter nach der Hochzeit nie wieder sehen. Die Lees bekommen drei Kinder, Lydia, Nathan und Hannah, und Marilyn steckt beruflich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt mit dem Verschwinden der \u00e4ltesten 16-j\u00e4hrigen Tochter Lydia. Nachdem sich herausgestellt hat, dass Lydia im nicht weit entlegenen See ertrunken ist, stellen die Polizisten ihre Recherchen \u00fcber die Ursachen von Lydias Tod schnell ein. Sie sind der Meinung, Lydia h\u00e4tte Selbstmord begangen.<\/p>\n<p>Lydias Mutter ist \u00fcberzeugt, dass jemand ihrem Kind etwas angetan haben muss und dass die Polizei, w\u00e4re Lydia <em>\u201ewei\u00df\u201c<\/em>, mehr getan h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Lees fallen einfach auf in dem kleinen Ort, sie sind diejenigen mit den <em>\u201eSchlitzaugen\u201c<\/em>. Familie Lee lebt isoliert und sogar Lydia, die R\u00fcckblicke erz\u00e4hlen davon, t\u00e4uscht ihren Eltern ihre Freundinnen einfach nur vor, damit diese gl\u00fccklich sind. Immer wieder predigt der Vater den Kindern, sie m\u00fcssten sich einbringen, Freunde finden, mittendrin sein, flei\u00dfig lernen, um dazuzugeh\u00f6ren. Lydia lebt mit ihrer L\u00fcge, ohne zu ahnen, wie einsam und isoliert die Kindheit und Schulzeit ihres Vaters war.<\/p>\n<p>Als Marilyn nach dem Tod der Mutter ihr trauriges Zuhause wiedersieht, reift in ihr der Gedanke, dass sie ihr Lebensziel zu promovieren, wieder in Angriff nehmen muss. Da sie auf James&#8216; Verst\u00e4ndnis nicht z\u00e4hlen kann, er verdient ja genug f\u00fcr die Familie, verl\u00e4sst sie ihr Zuhause. Mit dem Erbe, aber auch innerlich zerrissen, studiert Marilyn weiter, stellt dann aber fest, dass sie wieder schwanger ist und gibt auf.<\/p>\n<p>Nie wird dar\u00fcber gesprochen, dass Marilyn zur Familie zur\u00fcckkehrt. Jetzt konzentriert Marilyn, die nie wieder brav kochen wird, all ihre Energie, all ihren Ehrgeiz und alle Erwartungen auf ihre Erstgeborene. Nath und Hannah sind wie Schattenkinder, nur Lydia und ihre Erfolge z\u00e4hlen f\u00fcr die Mutter. Das M\u00e4dchen sp\u00fcrt instinktiv, dass die Mutter, wenn sie gut funktioniert, nicht wieder fortgehen wird.<\/p>\n<p>Die Anspannungen in der Familie sorgen f\u00fcr ein seltsames Klima. Nath ist eifers\u00fcchtig, zumal er ohne den Druck der Mutter, exzellente Leistungen erzielt und nach Harvard gehen kann. Auch wenn Lydia immer der Liebling der Mutter ist, halten die Geschwister, auch weil sie niemand anderen haben, zusammen. Lydia schafft inzwischen die schulischen, naturwissenschaftlichen Anforderungen kaum noch. Lydia wei\u00df, auch als sie sich mit dem Nachbarn Jack anfreundet, selbst \u00fcberhaupt nicht, was sie eigentlich will.<\/p>\n<p><em>\u201eUnd Lydia \u2013 der unfreiwillige Mittelpunkt der Familie \u2013 hielt jeden Tag die Welt zusammen. Sie schluckte die Tr\u00e4ume ihrer Eltern und unterdr\u00fcckte den Widerwillen, der in ihr brodelte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In Zeitspr\u00fcngen und einpr\u00e4gsamen Szenen erz\u00e4hlt die amerikanische Autorin von der inneren Dramatik des Andersseins. James ist binationaler Herkunft und f\u00fchlt sich zeitlebens seinen Mitmenschen nicht gleichwertig. Marilyn sp\u00fcrt diese Diskriminierung auf einer anderen Ebene, als Frau, die nicht beruflich durchstarten kann. F\u00fcr ihre Kinder wollen beide, wie alle Eltern, das beste erreichen. Schreibt Celeste Ng einf\u00fchlsam und sprachlich pr\u00e4zise, so wird klar, bei den Lees wird \u00fcber nichts gesprochen. Nie erz\u00e4hlt der Vater vom Leben seiner Eltern, nie kann Marilyn ihre wahren Erwartungen ans Leben aussprechen, den Grund ihrer Flucht, nie k\u00f6nnen die Kinder den Eltern verdeutlichen, wie sie sich f\u00fchlen, was mit ihnen geschieht. So f\u00e4hrt der Vater nicht mehr mit der Familie in den Urlaub, weil sie als Personen auffallen und angestarrt werden. Diese sich kontinuierlich durch die Handlung ziehende latente Diskriminierung der Familie als <em>\u201enicht wei\u00df\u201c<\/em>, die immer wieder thematisiert wird, schmerzt beim Lesen und wirft Fragen an die amerikanische Gesellschaft, die so multinational erscheinen will, auf. Letztendlich verkraftet Lydia die ererbten Tr\u00e4ume ihrer Mutter und deren erstickende Liebe nicht mehr.<\/p>\n<p>Celeste Ng hat eine packende Familiengeschichte geschrieben, die eine Seite der amerikanischen Gesellschaft offenbart, die nicht oft thematisiert wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Celeste Ng: Was ich euch nicht erz\u00e4hlte, Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2016, 282 Seiten, \u20ac19,90, 978-3-423-28075-4 \u201eWas war ihnen entgangen, das sie h\u00e4tten sehen sollen? Welche kleine Geste, vergessen, h\u00e4tte alles \u00e4ndern k\u00f6nnen? 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