{"id":1828,"date":"2019-06-22T16:49:08","date_gmt":"2019-06-22T14:49:08","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1828"},"modified":"2019-06-22T16:49:08","modified_gmt":"2019-06-22T14:49:08","slug":"am-ende-bleiben-die-zedern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/am-ende-bleiben-die-zedern\/","title":{"rendered":"Am Ende bleiben die Zedern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern, Berlin Verlag, Berlin 2016, 448 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-8270-1302-6 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch glaube, alle S\u00f6hne lieben ihre V\u00e4ter. Aber ich habe meinen Vater verehrt. Weil er mich so oft teilhaben lie\u00df an seinen befl\u00fcgelnden Gedanken. Weil er mich mitnahm in Wunderwelten, die er in seinem Kopf erschuf. Weil er mich berauschte mit seinen Worten. Es gab nur ein Versprechen, das er mir schon fr\u00fch abnahm: nie meiner Mutter zu erz\u00e4hlen, wovon seine Geschichten handelten.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Samirs Familie ist 1983 vor dem B\u00fcrgerkrieg aus Beirut nach Deutschland geflohen. Die Handlung setzt ein, da ist Samir, der Erz\u00e4hler dieses Romans, sieben Jahre alt. Begeistert berichtet der Junge von seinem Vater Brahim El &#8211; Hourani, einem Geschichtenerz\u00e4hler und Wortzauberer. Er umgarnt nicht nur Samir mit den Abenteuern seiner Hauptfiguren, auch Yasmin, die Tochter seines besten Freundes Hakim lauscht and\u00e4chtig.<br \/>\nDie Kinder k\u00f6nnen nicht ahnen, dass hinter allen Personen, die in Brahims angeblich fiktiven Abenteuern vorkommen, wahre Menschen stecken, die heute im Libanon noch leben.<br \/>\nSamirs Vater ist ein kluger Mann, er ist ein Vermittler zwischen den Welten. Schnell erkennt er, er muss Deutsch lernen, um in der neuen Heimat klarzukommen. Die Familie lebt in einem \u00dcbergangslager und zieht dann in eine kleine Wohnung. Mit Hakim, der Yasmin allein gro\u00dfzieht, wohnen sie T\u00fcr an T\u00fcr. Als Samirs Schwester geboren wird, sucht die Familie eine bessere Bleibe.<\/p>\n<p>In allen Erz\u00e4hlungen des Vaters taucht der Libanon auf, den seine Kinder, Samir und seine Schwester sind in Deutschland geboren, nie gesehen haben. Zum 8. Geburtstag baut der Vater f\u00fcr Samir ein Zedernk\u00e4stchen, damit er dort seine Geheimnisse deponieren kann.<\/p>\n<p>Zeitversetzt platziert Pierre Jarawan in seinem Deb\u00fctroman die Handlungsebenen und wechselt zwischen der Gegenwart und einem Erinnerungspuzzle, das Samir nach und nach zusammensetzt. Von Anfang an ist klar, Samir wird in den Libanon reisen und sich auf die Suche nach dem Vater begeben.<\/p>\n<p>Ein r\u00e4tselhaftes Telefonat, ein neu entdecktes Bild aus vergangenen Tagen, das die Mutter aufregt, ver\u00e4ndert den Vater und sogar der kleine Samir sp\u00fcrt, dass etwas nicht stimmt. Angeblich geht es der Gro\u00dfmutter im Libanon nicht gut. Immerhin schickt der Vater regelm\u00e4\u00dfig Geld. Am kommenden Morgen ist der charismatische Vater f\u00fcr immer verschwunden. Ein harter Schlag f\u00fcr die Familie.<\/p>\n<p><em>\u201eSeit zwanzig Jahren vegetiere ich im Gestern\u201c<\/em>, wird Samir von sich sagen. Er muss f\u00fcr sich und Yasmin, die er heiraten m\u00f6chte, herausfinden, warum der Vater die Familie, verlassen hat. In der Heimat des Vaters, auch mit seinem Tagebuch in der Tasche, angekommen, bietet sich f\u00fcr Samir ein v\u00f6llig neues Bild. Die angeblich kranke Gro\u00dfmutter wohnt quicklebendig in einem gro\u00dfen Haus und ist \u00e4u\u00dferst wohlhabend, aber verbittert und kalt wie ein Fisch zu ihrem Enkel. Samirs Vater hat auch einen v\u00f6llig anderen Namen und hat den der Mutter f\u00fcr die Flucht angenommen.<\/p>\n<p>Als Samirs Mutter die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft anstrebt, streitet sie sich ma\u00dflos mit ihrem Sohn. F\u00fcr Samir ist das wie ein Verrat am Vater und am Libanon, den er durch die Geschichten und starke Pr\u00e4senz des Vaters in sich aufgenommen hatte.<\/p>\n<p><em>\u201eEs war die gro\u00dfe Neugier nach einer unbekannten Sch\u00f6nheit, um die sich Legenden rankten. Die Art, in der Vater von seiner Heimat sprach, seine Leidenschaft und Begeisterung, griff wie ein Fieber auf mich \u00fcber. Der Libanon, mit dem ich aufwuchs, war eine Idee. Die Idee vom sch\u00f6nsten Land der Welt, mit alten und geheimnisvollen St\u00e4dten, die sich an der steinigen K\u00fcste entlangreihten, um sich mit ihren bunten H\u00e4fen zum Meer hin zu \u00f6ffnen. Und dann: die dichten Zedernw\u00e4lder in den h\u00f6heren und k\u00fchleren Gefilden, umgeben vom Libanongebirge, dessen Spitzen auch im Sommer schneebedeckt waren, sichtbar selbst von einer Luftmatratze aus, ganz unten auf dem Meer.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch der Autor stammt aus dem Libanon. Mit drei Jahre kam er nach Deutschland. Der Vater eine Libanese, die Mutter eine Deutsche lebten mit ihrem Sohn in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Sprachlich versiert l\u00e4sst Pierre Jarawan seine Hauptfigur zwischen \u00fcberlangem Abschiedsschmerz, Melancholie und Aufbruch hin- und herpendeln. Atmosph\u00e4risch dicht, nie die politischen Bewegungen im Nahen Osten aus dem Auge lassend, verfolgt er dann Samirs Weg zu sich selbst und letztendlich auch zu seinem Vater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern, Berlin Verlag, Berlin 2016, 448 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-8270-1302-6 \u201eIch glaube, alle S\u00f6hne lieben ihre V\u00e4ter. Aber ich habe meinen Vater verehrt. Weil er mich so oft teilhaben lie\u00df an seinen befl\u00fcgelnden Gedanken. 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