{"id":1826,"date":"2019-06-22T16:49:38","date_gmt":"2019-06-22T14:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1826"},"modified":"2019-06-22T16:49:38","modified_gmt":"2019-06-22T14:49:38","slug":"wuensche-sind-fuer-versager","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wuensche-sind-fuer-versager\/","title":{"rendered":"W\u00fcnsche sind f\u00fcr Versager"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sally Nicholls: W\u00fcnsche sind f\u00fcr Versager, Aus dem Englischen von Beate Sch\u00e4fer, Carl Hanser Verlag, M\u00fcnchen, 224 Seiten, \u20ac15.90, 978-3-446-25083-3 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eLiz stand auf, als ob sie wegwollte, und ich f\u00fchlte mich wie vorm Ersticken. Wie Sterben war das und ich dachte, alle, die ich lieb habe, w\u00fcrden mich verlassen, immer, bis in alle Ewigkeit.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Wenn ein Kind auf die Welt kommt, dann wird es von den Eltern geliebt, sie geben ihm Sicherheit, Vertrauen und vor allem ein Zuhause. All dies hat Olivia Glass nie kennengelernt. Ihre alkoholabh\u00e4ngige Mutter hat sie bis zum f\u00fcnften Lebensjahr v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt, gedem\u00fctigt, geschlagen und zutiefst verunsichert. Jetzt ist Oliva elf Jahre alt, hat in mehreren Pflegefamilien gelebt und diese wieder verlassen m\u00fcssen, denn das M\u00e4dchen zeigt immer wieder die gleichen Verhaltensmuster. Ihre Angstzust\u00e4nde l\u00f6sen Wutattacken aus und ihr aggressives Verhalten f\u00fchrt zur Distanz und Ratlosigkeit bei Pflegeeltern und Sozialarbeitern. Wenn die so innerlich zerrissene Olivia nicht die absolute Kontrolle hat, dann ist sie hilflos, kann sich nicht einf\u00fcgen, nicht angemessen reagieren. Bringt jemand ihr Vertrauen und Zuneigung entgegen, dann reagiert sie mit ma\u00dflos unversch\u00e4mten Aggressionsausbr\u00fcchen, denn sie f\u00fchlt sich selbst nicht liebenswert. So provoziert das Kind Ablehnungen, um nicht entt\u00e4uscht zu werden. Dabei steigert sie sich durch ihre Hypersensibilit\u00e4t f\u00fcr Ger\u00fcche und Ger\u00e4usche in wahnhafte Vorstellungen, die sie zwar artikuliert, die aber niemand ernst nimmt. Zwei Menschen bedeuten Olivia viel, ihre kleine Schwester Haley und Liz, einen Pflegemutter, die sie aber nur kurze Zeit aufgenommen hat, um sie auf eine neue Familie vorzubereiten. Liz k\u00fcmmert sich auch weiterhin um Olivia, kann ihr aber kein Zuhause geben, wonach sich das v\u00f6llig haltlose Kind so sehnt. Olivias Schwester Haley wurde adoptiert, auch Olivia sollte in der Familie verbleiben, aber die Pflegeeltern waren v\u00f6llig \u00fcberfordert mit dem aggressiven Kind.<\/p>\n<p>Als das Sozialamt Olivia und ihre Geschwister in Obhut nahm, hielten sich die Kinder vier Tage allein eingeschlossen in der Wohnung auf. Ihre Mutter war l\u00e4ngst im Gef\u00e4ngnis, hatte aber niemandem gesagt, dass sie Kinder hat und wo diese sich befinden. Erst die Einsicht in ihre Akten haben die Polizei alarmiert.<\/p>\n<p>Olivia gew\u00e4hrt durch ihre Erz\u00e4hlungen, Einblicke in ihre Psyche, ihre Denkweise und ihre verst\u00f6renden Gewalterfahrungen mit Erwachsenen und Jugendlichen im Heim. Zu Beginn einer neuen Pflegschaft versucht das M\u00e4dchen zu funktionieren, brav zu sein, sich anzupassen. Durch die brutalen Erlebnisse mit der Mutter und einer der Pflegem\u00fctter, Violet, die sie stundenlang in den Keller gesperrt hat, ist Oliva v\u00f6llig traumatisiert, schl\u00e4ft nie eine Nacht durch und sp\u00fcrt nur noch Verachtung f\u00fcr Menschen, die sich um sie k\u00fcmmern sollen. Sie qu\u00e4lt, wenn sie kann, gern die Schw\u00e4cheren und nutzt Gutm\u00fctigkeit gnadenlos aus. Sie ertr\u00e4gt es nicht, allein zu sein. Sie kann nicht akzeptieren, was andere Menschen ihr sagen, sie glaubt niemandem. F\u00fchlt sie sich eingeengt, dann schreit, spuckt, tritt sie um sich, sie beleidigt und \u00e4u\u00dfert T\u00f6tungsabsichten.<\/p>\n<p>\u00dcber eine l\u00e4ngere Zeit bleibt Olivia bei ihrem Pflegevater Jim. Sie mag seine Kinder Daniel und Harriet und auch sie gew\u00f6hnen sich an die neue<em> \u201eSchwester\u201c<\/em>. Allerdings kommt sie nicht mit Grace und ihrem Baby zurecht. Das Kind erinnert sie an ihren Babybruder, den sie nur kurz erlebt hat. Das Bild einer l\u00e4ngst verstorbenen alten grimmigen Frau, Amelia Dyer, eine <em>\u201eBabyfarmerin\u201c<\/em>, die Kinder get\u00f6tet hat, auf dem Weg zu ihrem Zimmer l\u00f6st in ihr qualvolle \u00c4ngste aus.<\/p>\n<p>Alles ist auf einem guten Weg, doch Olivia kann, trotz therapeutischer Begleitung, nicht aus ihrer Haut. Letztendlich greift sie in ihrer verdrehten Vorstellung von Amelia mit einem Messer Grace und ihr Baby an und muss die Familie wieder verlassen. Alle erkennen, was mit diesem Kind geschehen ist, wie es mit seinen Panikanf\u00e4llen, Aggressionssch\u00fcben und eigenen Gewaltfantasien k\u00e4mpft und doch kann ihm niemand helfen.<\/p>\n<p>Die innere Stimme des Kindes klingt in seinen analytischen Berichten erschreckend erwachsen. Wenn Olivia nach au\u00dfen hin aggressiv agiert, dann will sie das eigentlich gar nicht und kann das auch formulieren. Sie m\u00f6chte lieben und geliebt werden, sie m\u00f6chte endlich vertrauen und die Zuneigung anderer annehmen k\u00f6nnen. \\r\\n\\r\\nImmer noch hofft Olivia verzweifelt auf die Liebe ihrer leiblichen Mutter und f\u00fcrchtet sich gleichzeitig vor ihr. Ob sie nach den Geschehnissen zu Jim und seiner Familie, die sie ja eigentlich mag, zur\u00fcckkehren kann, bleibt offen.<br \/>\nSally Nicholls hat eine ergreifende Geschichte von einem verlorenen Kind geschrieben, das langsam zu sich selbst findet. Wie jugendliche Leser mit dieser zum Teil auch bedr\u00fcckenden Lekt\u00fcre umgehen, w\u00e4re interessant zu erfahren. Klar ist, Olivia ist ein M\u00e4dchen, das man nicht schnell vergisst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sally Nicholls: W\u00fcnsche sind f\u00fcr Versager, Aus dem Englischen von Beate Sch\u00e4fer, Carl Hanser Verlag, M\u00fcnchen, 224 Seiten, \u20ac15.90, 978-3-446-25083-3 \u201eLiz stand auf, als ob sie wegwollte, und ich f\u00fchlte mich wie vorm Ersticken. 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