{"id":1804,"date":"2019-06-22T16:55:28","date_gmt":"2019-06-22T14:55:28","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1804"},"modified":"2019-06-22T16:55:28","modified_gmt":"2019-06-22T14:55:28","slug":"bodentiefe-fenster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/bodentiefe-fenster\/","title":{"rendered":"Bodentiefe Fenster"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anke Stelling: Bodentiefe Fenster, Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 256 Seiten, \u20ac19,00, 9783957320810<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSchei\u00dfegal, was die Kinder werden, oder nicht? Nein, ist es nicht. Nicht, wenn man so viel Achtsamkeit und Pflege und M\u00fchsal und Gedanken und Sehnsucht und Geld in sie hineingesteckt hat. Bitte, erweist euch dessen als w\u00fcrdig und werdet ein ansehnliches Aush\u00e4ngeschild!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sandra, Anfang 40, lebt mit ihrer Familie, Ehemann Hendrik und den Kindern Bo und Linda, in einem Gemeinschaftshaus im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Einst der geheime Ort mit seinen diversen Hinterh\u00f6fen f\u00fcr die subversive Szene in der DDR, heute das oft bel\u00e4chelte Areal, da ausgestattet mit den sogenannten \u201e\u00d6ko-Schwaben\u201c plus Kindersegen, die sich aufgrund ihrer finanziellen Sicherheiten die teuer sanierten Altbauwohnungen als Eigentum oder Mieter im Gegensatz zu den einstigen Bewohnern leisten k\u00f6nnen. Wo man aufpassen muss, dass einem auf dem Spielplatz der hochbezahlte Kinderwagen nicht geklaut wird, leben diejenigen die durch Verse von Volker Ludwig und ihre Kinderladenvergangenheit, in diesem Fall in S\u00fcddeutschland, sozialisiert wurden.<\/p>\n<p>Sandra und ihre Mitbewohner geh\u00f6ren dazu und wohnen nun in einem sechsst\u00f6ckigen generationen\u00fcbergreifenden selbstverwalteten Hausprojekt mit offenen T\u00fcren, Gemeinschaftsfl\u00e4chen, einem Garten und Plena, in denen die Bewohner gemeinsame Entscheidungen treffen, alles auf freiwilliger Basis, versteht sich.<br \/>\nAus der Innenperspektive Sandras erf\u00e4hrt der Leser so einiges \u00fcber die \u00f6kobewusste Hausgemeinschaft, Sandras Familie und Freunde. Sandras Kinderladenclique hat sich nicht aus den Augen verloren, zumal Sandras Mutter, 68er Generation, Mitinitiatorin dieser Bewegung war. Eins allerdings wollen Sandra und ihre Freundinnen auf gar keinen Fall, so werden wie ihre M\u00fctter oder Tanten.<br \/>\nSchaut Sandra nicht zynisch, sondern eher ehrlich besorgt auf ihre gern perfekten Freundinnen, die als verunsicherte M\u00fctter alle Entscheidungen ihren Kleinkindern \u00fcberlassen, lieber ewig diskutieren als von sich aus handeln oder den Nachwuchs gnadenlos \u00fcberbeh\u00fcten oder als Nichtm\u00fctter, die anderen Kinder betutteln und nerven. So wei\u00df sie selbst nicht, was nun richtig und was falsch bei der Erziehung ist. Die Angst vor allem, was ihren Kindern, die ja gl\u00fccklich sein m\u00fcssen, zusto\u00dfen k\u00f6nnte, beginnt sie langsam zu l\u00e4hmen. An normales Schlafen ist nicht mehr zu denken.<\/p>\n<p>Allerdings ist die Kritik am Verhalten der Kinder, die angeblich ihren Freiraum ben\u00f6tigen, im Haus unerw\u00fcnscht, auch wenn diese sich wie die Vandalen benehmen und mit Schimpfworten nur so um sich werfen. Als Beobachterin vergleicht die Erz\u00e4hlerin st\u00e4ndig die M\u00fctter und Kinder im Haus und hasst doch dieses sich gegenseitige Bewerten.<\/p>\n<p><em>\u201eIch f\u00fcrchte mich vor meinen Gedanken. Und vor den Kindern, mit denen meine Kinder zu tun haben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bel\u00e4chelt sie noch die Frauen, bei denen ein Burn-out diagnostiziert wurde, so gleitet sie langsam in eine Ersch\u00f6pfung. Bei noch so kleinsten unangenehmen Anlass kann Sandra nur noch weinen.<br \/>\nDie Gemeinschaft hat sich f\u00fcr sie zur Falle entwickelt, in der die N\u00e4he innerhalb des Hauses zur permanenten Belastung wird. Henrik vermag es sich einfach herauszuziehen, aber Sandra denkt pausenlos dar\u00fcber nach, was die anderen wohl denken und ob sie aus dem Haus fliegt, wenn sie sich nicht bis an die Schmerzgrenze einbringt.<\/p>\n<p><em>\u201eMeine Gruppe ist nicht meine Gruppe, wir haben keine gemeinsame Utopie, wir haben ein Haus mit bodentiefen Fenstern, und das Einzige, was von den Slogans meiner Kindheit \u00fcbrig bleibt, ist die Behauptung, dass &#8218;Gemeinschaft&#8216; etwas Positives sei, dabei hindert sie uns daran, \u00fcberhaupt etwas zu tun. Weil wir uns niemals darauf einigen werden, was genau&#8230;.\u201c <\/em><br \/>\nMag Sandra als Journalistin, die f\u00fcr Frauenzeitungen und das Radio schreibt, den Zeitgeist treffen, in ihrem eigenen Leben malt sie sich die gr\u00f6\u00dften Katastrophen aus, die geschehen k\u00f6nnten, um sich ihren eigenen Alltag im Gegenzug sch\u00f6nreden zu k\u00f6nnen. Unglaubw\u00fcrdig wird es allerdings, wenn es ums Existentielle geht. Sandras Mann Hendrik verdient als Musiker kaum Geld, sie ern\u00e4hrt die Familie mit zwei Kindern und eigenem B\u00fcroplatz, auch wenn es nur ein Schreibtisch in Moabit ist, und nat\u00fcrlich kauft sie nur bio. Bei den Honorars\u00e4tzen und der eindeutigen Krise, besonders im Rundfunkbereich mit \u00e4u\u00dferst wenigen Sendepl\u00e4tzen gerade f\u00fcr Feature, m\u00fcsste sie, sollte sie wirklich so viele Auftr\u00e4ge erhalten, rund um die Uhr arbeiten und nicht wie im Laufe der Handlung im B\u00fcro schlafen.<\/p>\n<p>Akribisch genau, Dialog stark, mit teilweise trockenem Humor und dabei doch auch subjektiv gef\u00e4rbt erfasst die Erz\u00e4hlerin die gesellschaftliche Verunsicherungen des linksliberalen B\u00fcrgertums, wenn man es so bezeichnen darf, und ihre Lebensl\u00fcgen von Gleichheit und Gerechtigkeit.<br \/>\nFrauen versuchen nicht emanzipatorisch ihr Leben selbstbestimmt in den Griff zu bekommen. Sie h\u00e4ngen sich, finanziell trotz guter Ausbildung, da nicht gut bezahlt, an egomanische M\u00e4nner, sie behandeln ihre Kinder wie Erwachsene und geraten folgerichtig fr\u00fcher oder sp\u00e4ter emotional und geistig in eine Schieflage. Alle wollen alles richtig machen und scheinen doch desillusioniert auf eine Depression zuzusteuern, denn nichts h\u00e4lt ihren hohen Ma\u00dfst\u00e4ben stand.<br \/>\nErh\u00f6ht die Literatur Konflikte und spitzt diese zu, darf nicht vergessen werden, dass Anke Stelling selbst in so einem Berliner Wohnprojekt zu Hause ist. Dass so einiges f\u00fcr diese Geschichte als Vorlage diente, mag den Nachbarn sicher nicht gefallen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anke Stelling: Bodentiefe Fenster, Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 256 Seiten, \u20ac19,00, 9783957320810 \u201eSchei\u00dfegal, was die Kinder werden, oder nicht? Nein, ist es nicht. 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