{"id":1782,"date":"2019-06-22T17:01:04","date_gmt":"2019-06-22T15:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1782"},"modified":"2019-06-22T17:01:04","modified_gmt":"2019-06-22T15:01:04","slug":"ich-heisse-nicht-miriam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ich-heisse-nicht-miriam\/","title":{"rendered":"Ich hei\u00dfe nicht Miriam"},"content":{"rendered":"<p><strong>Majgull Axelsson: Ich hei\u00dfe nicht Miriam, Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt, List Verlag, Berlin 2015, 571 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-471-35128-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSo ist es nun einmal. Sie kann es nicht zulassen, dass jemand die Wahrheit erf\u00e4hrt, sie kann nicht einmal zulassen, dass sie selbst sich die Wahrheit eingesteht. Sie muss weiterhin so leben, wie sie den gr\u00f6\u00dften Teil ihres Lebens verbracht hat, darf nicht dem, was vor mehr als einem Menschenalter geschehen ist, erlauben, die Monate oder Tage, die ihr noch bleiben, zu zerst\u00f6ren.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wie lang kann ein Mensch seine Herkunft verleugnen, die<em> \u201eSchr\u00e4nke der Erinnerung\u201c<\/em> verschlie\u00dfen? Kann er sie vergessen oder tief in seinem Bewusstsein vergraben? Miriam Adolfsson, die in der Mittsommernacht, obwohl sie gar nicht wei\u00df, wann sie geboren wurde, f\u00fcnfundachtzig Jahre alt wird, tr\u00e4umt immer wieder von Hunger, Einsamkeit, Verlust und der alles verzehrenden Angst. Als die Familie ihr ein silbernes Schmuckst\u00fcck,<em> \u201edie Zigeunerarbeit\u201c<\/em> mit dem eingravierten Namen schenkt, entweicht ihr, trotz aller Vorsicht, der Satz: <em>\u201eIch hei\u00dfe nicht Miriam.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Als junges M\u00e4dchen gelangte Miriam nach dem Krieg \u00fcber D\u00e4nemark nach Schweden. Sie heiratete Olof und wurde die Mutter von Thomas, dessen leibliche Mutter Marianne nach der Geburt verstarb. Thomas ist seit Jahren ungl\u00fccklich mit Katarina verheiratet, die Miriam nicht mag. Ein gutes Verh\u00e4ltnis dagegen hat Camilla, die Tochter von Thomas und Katarina, zur Gro\u00dfmutter. Bei einem Spaziergang beginnt Miriam, trotz gesundheitlicher Schw\u00e4chen endlich zu reden. Sie erz\u00e4hlt Camilla, wie sie zu ihrem Namen kam und wer sie eigentlich ist.<\/p>\n<p>Miriam ist keine J\u00fcdin aus Deutschland, sie stammt aus der Familie von sesshaften Zigeunern, wie man sie damals nannte, die in Bayern gewohnt haben. An ihre Mutter hat sie keine Erinnerungen, da sie fr\u00fch starb, aber an den Vater, der Ohrringe f\u00fcr sie fertigte, an Didi, ihren kleinen Bruder und an Anuschka, ihre Cousine. Aus der Familie von einer Sekunde zur n\u00e4chsten herausgerissen, lebte Malika, so ihr wahrer Name, mit Didi und Anuschka zwei Jahre bei Nonnen in einem Kinderheim. Nie durften die Kinder nach ihren Familien fragen, nicht weinen. Als sogenannter Mischling ist Malika eine Romni und spricht auch ihre Sprache.<br \/>\nMiriams Erinnerungen werden nicht chronologisch erz\u00e4hlt, sie springt zwischen den Erinnerungen hin und her, erz\u00e4hlt von Frauen und M\u00e4nnern, die in ihrem Leben wichtig waren, ohne genau zu benennen, wo und wann sie sie kennengelernt hat. Aber nach und nach setzt sich der steinige Lebensweg Miriams zusammen, von dem zu lesen, stellenweise schwer zu ertragen ist. Auch Camilla muss zeitweilig innehalten und sogar mit sich selbst ins Gericht gehen.<\/p>\n<p><em>\u201eAusgerechnet den Splitter der Fremdenfeindlichkeit. Es war schlie\u00dflich Camilla selbst, die Miriam in die Richtung ihrer finsteren Vergangenheit gesto\u00dfen hat, sie war es, die ihre Gro\u00dfmutter dazu gebracht hat, ihre L\u00fcgen zu offenbaren und sich an das Widerw\u00e4rtige zu erinnern \u2026.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Als Kinder werden Miriam, Didi und Anuschka ins Zigeunerlager von Auschwitz deportiert und erleben dort unvorstellbare Dem\u00fctigungen, Hunger, Hass und brutale Gewalt. Miriam lebt f\u00fcr den kleinen Didi, der im Lager auf qualvolle Weise umgebracht wird. Sie greift sich, weil ihre Sachen so zerlumpt sind, die Jacke von einem toten M\u00e4dchen, das Miriam Goldberg hie\u00df. Miriam, die nichts \u00fcber den Verbleib ihres Vaters wei\u00df, noch der anderen Bewohner aus dem Ort, zeigt nie ihre Angst, sie will nur \u00fcberleben und der H\u00f6lle entkommen. Trotz all dem unbeschreiblich Grausamen, das unschuldige Menschen unter der Hitlerdiktatur ertragen mussten, erf\u00e4hrt Miriam auch Zuneigung, Solidarit\u00e4t und Freundschaft. So k\u00fcmmern sich norwegische Frauen, vor allem Else, um Miriam, die alle f\u00fcr eine J\u00fcdin hielten. In Schweden gelangt Miriam unter die Fittiche von Hanna, bei der sie als Dienstm\u00e4dchen arbeitet und doch so viel lernt. Vorurteilen und stumpfsinnigen Ansichten gegen\u00fcber Zigeunern wird Miriam, egal wo und wann, immer wieder begegnen. Als Zigeunerin h\u00e4tte sie nicht in Schweden einreisen d\u00fcrfen, als Romni h\u00e4tte sie auch sp\u00e4ter einen schweren Stand in dem Land, in dem es Pogrome gegen Zigeuner gab. H\u00e4tte sie \u00fcber sich sprechen k\u00f6nnen, \u00fcber das was ihr nicht nur in Auschwitz, sondern auch im Konzentrationslager Ravensbr\u00fcck widerfahren ist, vielleicht h\u00e4tte sie den Mut gefunden, zu sagen, wer sie wirklich ist. Aber keiner wollte von Miriams Vergangenheit etwas h\u00f6ren, Hanna nicht und Miriams Ehemann Olof schon gar nicht.<br \/>\nnEr war froh, eine Mutter f\u00fcr sein Kind gefunden zu haben, und auf seine Weise hat er sie vielleicht auch geliebt.<\/p>\n<p>nDas gut recherchierte Buch der schwedischen Autorin Majgull Axelsson legt man schweren Herzens aus der Hand, denn nach wie vor ist klar, dass Menschen auf der Flucht, im Ringen ums nackte \u00dcberleben St\u00e4rke zeigen m\u00fcssen und auf Menschen treffen m\u00fcssen, die ihnen vorbehaltlos helfen. Aber nicht nur die wechselvolle Lebensgeschichte von Miriam fesselt den Leser, es ist auch Majgull Axelssons Sprache, die in bewegenden und anschaulichen Bildern erz\u00e4hlt und ber\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Majgull Axelsson: Ich hei\u00dfe nicht Miriam, Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt, List Verlag, Berlin 2015, 571 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-471-35128-4 \u201eSo ist es nun einmal. 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