{"id":1724,"date":"2019-06-22T17:17:32","date_gmt":"2019-06-22T15:17:32","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1724"},"modified":"2019-06-22T17:17:32","modified_gmt":"2019-06-22T15:17:32","slug":"russisches-tattoo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/russisches-tattoo\/","title":{"rendered":"Russisches Tattoo"},"content":{"rendered":"<p><strong>Elena Gorokhova: Russisches Tattoo, Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek, Deutscher Taschenbuch Verlag, premium, M\u00fcnchen 2015, 432 Seiten, \u20ac16.90, 978-3-423-26068-8 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDas russische Ich ist mein Erbe, seit meiner Geburt tief in mir verwurzelt. Das russische Ich ist f\u00fcr meine Mutter und meine Schwester und meine Tochter, mein Fleisch und Blut.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mit 24 Jahren wendet Elena der Sowjetunion, genauer gesagt Leningrad und ihrer herrischen Mutter, den R\u00fccken zu, und reist aus. Ein Amerikaner, Robert, hat sie in der UdSSR geheiratet und nun fliegt sie in dem Glauben zu ihm, dass sie mit ihren Englischkenntnissen eine Lehrt\u00e4tigkeit und das Gl\u00fcck in den USA finden wird.<\/p>\n<p>Aber schnell landet die junge, ziemlich weltfremde Frau auf dem Boden der Tatsachen. Robert hat die sicher gut aussehende Elena nicht aus Liebe geheiratet, auch wenn man miteinander leicht halbherzig schl\u00e4ft. Er sei f\u00fcr die Ehe nicht geschaffen und au\u00dferdem h\u00e4tte er eine Freundin, erz\u00e4hlte er Elena bereits vor dem dubiosen Ehearrangement. Warum Robert all die Reisen und auch Kosten f\u00fcr Lena auf sich genommen hat, wird im Laufe der autobiografischen Geschichte nicht deutlich. Die Erz\u00e4hlerin jedenfalls erkennt sehr schnell, wie fremdartig ihr das amerikanische Leben und auch die Mentalit\u00e4t der Leute ist. Der Kontrast zwischen gewohnter M\u00e4ngelgesellschaft und dem \u00dcberfluss an Konsumm\u00f6glichkeiten im Westen \u00fcberfordert die junge Frau. Au\u00dferdem versteht sie das amerikanische Englisch nicht, denn sie hat feines britisches Englisch, allerdings nicht von einem Muttersprachler gelernt. Die englische Sprache war f\u00fcr Lena wie das Hinwegtr\u00e4umen in eine andere Welt.<\/p>\n<p>Robert hilft Elena nicht wirklich bei der Arbeitssuche. Er schickt sie von Texas aus zur Mutter nach New Jersey. Aus der exotischen jungen Frau ist einfach nur ein hinderliches Anh\u00e4ngsel geworden. Da Lena von ihrer zupackenden Mutter, die sich in Leningrad um die Familie sorgte und k\u00fcmmerte, v\u00f6llig vereinnahmt wurde, ist sie auch in vielen praktischen Dingen einfach nur ungeschickt. Sie kann nicht kochen, hat keine Ahnung vom Einkaufen und wirkt wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Auch in ihren ersten Aushilfsjobs, immerhin hat sie die Green Card, versagt Elena kl\u00e4glich, denn sie kann nicht kellnern. Eine bestimmte Form der Passivit\u00e4t, bedingt vielleicht durch die Umsorgung durch die Mutter und das Land, in dem man keinen Schritt unbeobachtet gehen konnte, tr\u00e4gt Lena in sich. Sie wird nicht unter Br\u00fccken landen, wie die immer bestimmende Mutter und die Propaganda es vorausgesagt haben. Sie wird einfach Gl\u00fcck haben.<br \/>\nBei Roberts Mutter lernt Elena Andy, einen Psychotherapeuten kennen, einen offensichtlich geduldigen und liebenswerten Menschen. Elena trennt sich von Robert, der zum ersten Mal die Finanzen im Streit mit seiner Ehefrau anspricht. Auch hier bleibt die Autorin wage, was eigentlich hinter dieser Ehe steckte.<\/p>\n<p>Mit Andy beginnt f\u00fcr Elena ein normales Leben in den USA. Sie findet einen vern\u00fcnftigen Job als Lehrerin f\u00fcr eingereiste Russen, wechselt sp\u00e4ter an ein College und wird sogar ihren Doktor machen.<\/p>\n<p>In zeitlich gr\u00f6\u00dferen Abschnitten erz\u00e4hlt Elena Gorokhova nun von ihrem Leben mit Andy. Immer wieder kehrt sie gedanklich in die Heimat zur\u00fcck. Sie schickt der Mutter vieles, was sie ben\u00f6tigt.<br \/>\nDann bekommt Lena eine Tochter, Sascha. Zu dieser Zeit kann die Mutter bereits in die USA reisen und sie bleibt. Sie l\u00e4sst ihre gesamtes sowjetisches Leben mit all den Erinnerungen an den Krieg, das Schlangestehen, das schizophrene Alltagsleben und die Familie hinter sich.<br \/>\n<em>\u201eIch f\u00fchle mich wieder wie ein Kind, gefangen in unserer Leningrader K\u00fcche, der ich eigentlich entkommen zu sein glaubte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Mutter, die Lena eher als Hemmschuh, denn als F\u00f6rderin verstanden hat, lebt nun mit Lena, Sascha und Andy in einem Haus. Die Konflikte h\u00e4ufen sich und sogar Andy wird die Ruhe verlieren. Zwischen allen steht, zum einen der Generationenkonflikt und zum anderen die Vergangenheit, die Lenas Mutter mit sich tr\u00e4gt. Niemals kann sie Essen wegwerfen, sie hebt sogar das auf, das auf dem Boden gelandet ist. Zwischen Mutter und Tochter steht aber nun auch die Enkelin, die anders aufw\u00e4chst als Lena. Lena w\u00fcnscht sich zu sehr, dass die Tochter Russisch spricht. Aber alle Bem\u00fchungen ihrem Kind Tschechow und die russische Kultur und Sprache nahe zu bringen, scheint ins Leere zu laufen. Nur widerwillig l\u00e4sst sich Sascha lenken, dabei ist sie aufnahmef\u00e4hig und klug. Seltsam, die Eltern an den Rand der Verzweiflung bringend, sind die Wege, die Sascha gehen wird.<\/p>\n<p>Am Ende jedoch zeigt sie der \u00fcberraschten Mutter ihre Tattoos auf den Armen, die sie immer verdeckt hat.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es zahlreiche Auswandererbiographien, ein Genre, das gerade die amerikanische Literatur so reich gemacht hat. Elena Gorokhovas Erinnerungen jedoch wirken so ehrlich, authentisch und nachvollziehbar f\u00fcr alle, die den Umbruch in den 1990er Jahren miterlebt haben und alle Konflikte, mit denen die junge Frau fertig werden musste, jetzt aus einer anderen Perspektive besser nachvollziehen k\u00f6nnen. Es ist gerade der private Einblick, der ohne zu intim zu werden, mit all seinen Konflikten und Themen interessant ist. Sprachlich klar formuliert die Autorin den Zwiespalt zwischen dem eigenen Gl\u00fccksanspruch, den Schuldgef\u00fchlen und den Erwartungen der anderen, denen sich niemand entziehen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elena Gorokhova: Russisches Tattoo, Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek, Deutscher Taschenbuch Verlag, premium, M\u00fcnchen 2015, 432 Seiten, \u20ac16.90, 978-3-423-26068-8 \u201eDas russische Ich ist mein Erbe, seit meiner Geburt tief in mir verwurzelt. 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