{"id":1718,"date":"2019-06-22T17:18:44","date_gmt":"2019-06-22T15:18:44","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1718"},"modified":"2019-06-22T17:18:44","modified_gmt":"2019-06-22T15:18:44","slug":"nichts-als-ein-garten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/nichts-als-ein-garten\/","title":{"rendered":"Nichts als ein Garten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anne Kanis: Nichts als ein Garten, Metrolit Verlag, Berlin 2015, 208 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-8493-0104-0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eJa, die Kunst ist ein Segen, wenn sie zu Buche schl\u00e4gt. Bei mir schl\u00e4gt die Kunst nicht zu Buche, doch niemanden geht das etwas an.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine junge Frau schl\u00e4gt sich in Berlin durchs Leben. Sie arbeitet als S\u00e4ngerin, deren Honorare mehr als erb\u00e4rmlich sind und jobbt noch in einer Kantine. Ihr Blick aufs Leben ist weder illusorisch noch depressiv. Wenn sie sich etwas w\u00fcnschen w\u00fcrde, dann w\u00e4re das ein Garten. An den Garten, der nach der Wende plattgemacht wurde, ihrer Eltern, die sich beide ebenfalls als K\u00fcnstler verdient haben, erinnert sich die Ich-Erz\u00e4hlerin immer wieder.<\/p>\n<p><em>\u201eEinen Garten, nichts als einen Garten werde ich mir kaufen, wenn ich mal viel Geld habe.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn sich die Ich-Erz\u00e4hlerin etwas Gutes tun will, kauft sie Blumen oder sie pfl\u00fcckt die Kirschen, die \u00fcber den Zaun h\u00e4ngen. Der Gedankenstrom der Erz\u00e4hlerin wandert in ihre Kinderzeit. Da sie in der DDR kein Pionier war, musste sie bei Appellen immer hinten stehen. Sie hat die \u00f6ffentlichen Strafen von Kindern erlebt, die sich einfach nicht konform verhalten haben. Ihr Blick auf die DDR ist weder verkl\u00e4rt noch sentimental und doch vermisst die junge Frau die Atmosph\u00e4re in ihrer alten Stra\u00dfe, ihrem Kiez, der nun saniert und feingemacht nur noch f\u00fcr Gutverdienende zug\u00e4nglich ist. Ihre Begeisterung f\u00fcr das neue System h\u00e4lt sich in Grenzen. Reich und arm, darum kreisen ihre Gedanken. Soll man sich wirklich, wie ihre Freundin Luise behauptet, einen gut betuchten Mann angeln?<br \/>\nAls die Mauer fiel, schulten die Eltern der Erz\u00e4hlerin ihr Kind in Westberlin ein. Ihre Freundin Luise hat ihr vieles beigebracht und sie in der neuen Gesellschaftsordnung, in der auch nicht alle wirklich ihre Meinung sagen konnten, heimisch werden lassen, auch wenn f\u00fcr die Erz\u00e4hlerin das Leben der <em>\u201eWestberliner<\/em>\u201c, auch gerade Luises Eltern, ihr v\u00f6llig fremd blieben.<\/p>\n<p><em>\u201eGanz zu Beginn war unsere Herkunft gleichberechtigt. Ost und West. Doch bald war mein Leben nicht mehr wichtig.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlerin soll sich anpassen und sich selbst verleugnen, eine wirklich unangenehme Erfahrung. Nach Schulschluss entscheiden sich die beiden Freundinnen f\u00fcr sehr unterschiedliche Berufsausbildungen. Luise, die sehr gut zeichnen kann, wird der finanziellen Sicherheit wegen Zahntechnikerin, auf Wunsch der Eltern. Die Erz\u00e4hlerin w\u00e4hlt den k\u00fcnstlerischen Beruf. Warmherzig sind alle \u00c4u\u00dferungen \u00fcber ihre Eltern, die nun als Rentner mit der kleinen Rente \u00fcber die Runden kommen m\u00fcssen. Wohnen und Essen war in der DDR nie ein Unsicherheitsfaktor. Nun wird es f\u00fcr viele ein tagesaktuelles Problem. Wie in DDR-Zeiten bleibt die Familie der Hort der Harmonie und der Sicherheit, zumindest f\u00fcr die Erz\u00e4hlerin.<\/p>\n<p>Luise macht sich auf die Suche nach dem Mann f\u00fcrs Leben, aber eher im Borcherts und nicht wie die Erz\u00e4hlerin in ihrem Kantinen-Kaffee.<\/p>\n<p>Anne Kanis Gesicht ist von diversen<em> Tatorten <\/em>oder anderen Serien im Fernsehen bekannt. Sie wurde 1979 in Berlin geboren. In ihrem Roman schildert sie poetisch und sprachlich minimalistisch Lebensgef\u00fchle, aber auch die Innenansicht einer jungen Frau, die sich zurechtfinden muss. Nichts Gro\u00dfartiges passiert und doch vergisst man nicht die Szenen, die Anne Kanis \u00fcber ihre Kinderzeit entwirft.<br \/>\nZur\u00fcck bleibt ein Eindruck grundsympathischer Wahrhaftigkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anne Kanis: Nichts als ein Garten, Metrolit Verlag, Berlin 2015, 208 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-8493-0104-0 \u201eJa, die Kunst ist ein Segen, wenn sie zu Buche schl\u00e4gt. 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