{"id":1648,"date":"2019-06-22T20:09:24","date_gmt":"2019-06-22T18:09:24","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1648"},"modified":"2019-06-22T20:09:24","modified_gmt":"2019-06-22T18:09:24","slug":"die-kunst-des-wartens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-kunst-des-wartens\/","title":{"rendered":"Die Kunst des Wartens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Catherine Charrier: Die Kunst des Wartens, Aus dem Franz\u00f6sischen von Claudia Steinitz, Rowohlt Verlag, Reinbek 2015, 256 Seiten, \u20ac19,95, 978-3-498-00804-8 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIn diesem Zwischen-zwei-St\u00e4dten, Zwischen-zwei-Leben hat sich ihre Liebe entfaltet. Aber jetzt wird dieser geschlossene Raum pl\u00f6tzlich zu klein, drohen die Mauern zu explodieren. \u2026 Nun aber w\u00e4chst unaufhaltsam ihr Verlangen nach einem gemeinsamen Leben, einem Neuanfang mit dem Liebhaber.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Marie liebt ihren Mann Paul, ihre verantwortungsvolle Arbeit, ihre T\u00f6chter Salom\u00e9 und Rose und doch trifft sie sich seit gut zw\u00f6lf Jahren mit ihrem viel \u00e4lteren Liebhaber Roch. Er lebt mit Frau und Tochter in Nantes. Jeder f\u00fchrt auf seine Weise ein erf\u00fclltes Leben und doch sind die kurzen Ausfl\u00fcge in die Zone des Verbotenen und Reizvollen f\u00fcr beide unerl\u00e4sslich. Maries Partner und auch Rochs Frau ahnen von dem Verh\u00e4ltnis, \u00e4u\u00dfern sich aber nicht dazu.<\/p>\n<p>Rochs Tochter f\u00fcrchtet um die Ehe der Eltern und bindet den Vater mit ihrer Magersucht. Marie und Roch haben sich \u00fcber die Arbeit kennengelernt und sehen sich auch oft durch gemeinsame gesch\u00e4ftliche Verbindungen. Zwar gibt es Gerede unter den Mitarbeitern, aber die Ger\u00fcchte laufen ins Leere.<br \/>\nMarie ist die Erz\u00e4hlerin und sie ist es auch, die wartet. Irgendwann entsteht in ihr der Wunsch, doch endlich mit dem Liebhaber, Paul kann ihr k\u00f6rperlich nicht das geben, was Roch vermag, zu leben. Aber Roch vertr\u00f6stet sie immer wieder. Er wird sich nie von seiner von ihm abh\u00e4ngigen Frau l\u00f6sen. Seine Tochter spielt die Hauptrolle in seinem Leben, obwohl er nicht viel zu Hause ist, genauso wenig wie Paul. Marie verfolgt sogar Rochs Frau, um zu sehen, wer diese bestimmende Person im Dasein ihres Liebhabers ist. Doch sie ist weder attraktiv noch charmant, eher untersetzt und m\u00fcde.<\/p>\n<p><em>\u201eWoher kommt es, dass Frauen, die arbeiten, von ihrer unmittelbaren Umgebung weniger f\u00fcr die Erziehung der Kinder gew\u00fcrdigt werden, obwohl sie eine doppelte Last zu tragen haben, w\u00e4hrend man denen, die sich ausschlie\u00dflich der Erziehung widmen, grenzenlose Anerkennung schenkt? Warum errichtet man nicht auch denen Denkm\u00e4ler, die sich voller Leidenschaft in das aufreibende und verr\u00fcckte Abenteuer von Arbeit und Familie st\u00fcrzen?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und sich wie Marie auch noch einen Liebhaber g\u00f6nnen und zeitlich damit auch noch klarkommen. So werden L\u00fcgen f\u00fcr Marie und Roch zur zweiten Natur. Als Marie mit Paul, der seine Arbeit wechselt, nach Paris zieht, \u00fcberlegt sie, einen Neuanfang mit ihrer Familie zu versuchen. Roch verspricht Marie nichts, er versucht auch nicht, sie zu halten. Paul zu verlassen, um f\u00fcr Roch da zu sein, das kann Marie nicht. Und sich ganz von ihm l\u00f6sen auch nicht. Aber dieses begehrt werden von Roch, dieses offene Reden \u00fcber den Sex, das Treffen in anderen St\u00e4dten und die Wartezeiten fachen die Leidenschaft der beiden immer wieder an. \\n\\n<em>\u201eIch komme schlecht gelaunt in Lyon an, er aber erwartet mich mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen auf dem Bahnsteig, du hast mir gefehlt, der ewige Satz des Wartens.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aber dann verl\u00e4sst nach Jahren des heimlichen Treffens Roch Frau ihren Mann. Sie ist f\u00fcnfzig und nun nach der Erziehung des Kindes ist sie mal beruflich an der Reihe.<br \/>\nRoch bleibt weiterhin in den F\u00e4ngen seiner Frau. Das schlechte Gewissen und seine  L\u00fcgen binden ihn an sie viel st\u00e4rker, als sie noch in einer Stadt gelebt haben.<\/p>\n<p>Maries K\u00f6rper jedoch scheint sich langsam gegen das Warten zu wehren. Sie beginnt sich zu \u00fcbergeben und das langsam chronisch. Ihre Kr\u00e4fte versagen und als Paul sie verl\u00e4sst, klappt sie v\u00f6llig zusammen und versucht sich umzubringen.<\/p>\n<p>Gedanklich folgt der Leser allem, was Marie reflektiert. Sie sieht nichts unkritisch und doch bleibt diese st\u00e4ndige Gl\u00fccksanspruch, diese Sehnsucht als Frau sexuell begehrt zu werden, ihr Antrieb f\u00fcr alles. Ob das nun Liebe oder Sucht ist, bleibt dem Urteil des Lesers \u00fcberlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Catherine Charrier: Die Kunst des Wartens, Aus dem Franz\u00f6sischen von Claudia Steinitz, Rowohlt Verlag, Reinbek 2015, 256 Seiten, \u20ac19,95, 978-3-498-00804-8 \u201eIn diesem Zwischen-zwei-St\u00e4dten, Zwischen-zwei-Leben hat sich ihre Liebe entfaltet. 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