{"id":1609,"date":"2019-06-22T20:17:51","date_gmt":"2019-06-22T18:17:51","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1609"},"modified":"2019-06-22T20:17:51","modified_gmt":"2019-06-22T18:17:51","slug":"sehr-geehrter-herr-m","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/sehr-geehrter-herr-m\/","title":{"rendered":"Sehr geehrter Herr M."},"content":{"rendered":"<p><strong>Herman Koch: Sehr geehrter Herr M., Aus dem Niederl\u00e4ndischen von Christiane Kuby und Herbert Post, Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2015, 400 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-462-04738-7 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e Was erwarten wir von einem Roman? Das jemand eine Entwicklung durchmacht, dass er zu einer universellen Einsicht gelangt? Aber angenommen, es gibt die Entwicklung, diese Einsicht nicht? Was der Wirklichkeit doch im Grunde viel n\u00e4her k\u00e4me. Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens weiterentwickeln, lassen sich an einer Hand abz\u00e4hlen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ein Nachbar beobachtet den alternden Schriftsteller M., er sieht ihn, er h\u00f6rt ihn in der Wohnung \u00fcber ihm. Er verfolgt sogar seine Frau und sein Kind. Einst ist M. durch seinen Roman <em>\u201eAbrechnung<\/em>\u201c bekannt geworden, ein Erstling und ein gro\u00dfer Erfolg. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte von Laura und Herman, die angeblich etwas mit dem Tod ihres Geschichtslehrers Jan Landzaat zu tun hatten. Diese Beobachtungen des Nachbarn sind unheimlich, sie stecken voller Verachtung, sie sehen den arroganten Autor wie er ist. Vor kurzem ist sein letzter Roman mit dem Titel <em>\u201eBefreiungsjahr\u201c<\/em> erschienen, kein gro\u00dfer Erfolg und wieder umkreist die Handlung den Krieg. In Interviews br\u00fcstet sich der Autor seiner Intelligenz, er gibt gern mit seiner um Jahre j\u00fcngeren Frau an und mit seinem vier Jahre alten Kind. Doch wer steckt hinter dem Nachbarn, hinter den Briefen, hinter all dem Erz\u00e4hlten?<\/p>\n<p>In Perspektivwechsel kommen die Sch\u00fcler von damals zu Wort, aber auch der Geschichtslehrer. Er m\u00f6chte zu den Lehrern geh\u00f6ren, die von den Sch\u00fclern gemocht werden, dabei bemerkt er nicht, wie l\u00e4cherlich, ja angreifbar er sich macht. Er beginnt die kurze Aff\u00e4re mit dem sch\u00f6nsten M\u00e4dchen der Klasse, Laura. Seine Frau verl\u00e4sst ihn mit den beiden T\u00f6chtern daraufhin, nachdem sie den versteckten Ohrring des M\u00e4dchens im Bad findet. Landzaat zerflie\u00dft gerade zu Weihnachten in Selbstmitleid. Er sucht Laura im Landhaus der Eltern und ihren neuen Freund, Herman, auf und behauptet, er w\u00e4re auf der Durchreise und wolle Freunde in Paris treffen.<\/p>\n<p>In Wahrheit existieren diese Freunde gar nicht, Landzaat hofft auf Lauras R\u00fcckkehr zu ihm. Schlaksig lang mit einem h\u00e4sslich Gesicht wirkt Herman auf den Lehrer kaum attraktiv. Herman hei\u00dft auch der omin\u00f6se Nachbar und Beobachter, der behauptet, er habe mit dem Autor noch etwas vor? Nur was?<\/p>\n<p><em>\u201eEr war auf einmal verschwunden\u201c<\/em>, wird der Gymnasiast Herman sagen. Der Lehrer und er waren auf der Suche im hohen Schnee nach einer Autowerkstatt.<\/p>\n<p>Plan B des Lehrers lautet, er verschwindet einfach und die beiden Jugendlichen m\u00fcssen mit der Schuld leben. Doch haben die beiden den Lehrer vielleicht auch umgebracht? Alles Spekulationen und auch im Roman von M. nie aufgekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Zwischen Wahrheit und Fiktion, mit immer neu und verwirrend ausgelegten Spuren pendelt die Handlung hin und her. Denkt der Leser, er hat es verstanden, wird er erneut in eine andere Richtung gelenkt. Kurze sarkastische Abstecher in die Welt der Autoren, die sich spinnefeind sind und der Verleger, die auf den h\u00f6chstm\u00f6glichen Profit schauen m\u00fcssen, am\u00fcsiert. Bissig sind diese Begegnungen unter Autoren und enden unter Umst\u00e4nden auch mit einer Pr\u00fcgelei.<br \/>\nDoch wohin geht diese doppelb\u00f6dige Geschichte? In welcher Beziehung steht der Nachbar zum Autor M., der seinen schriftstellerischen Zenit schon l\u00e4ngst \u00fcberschritten hat und behauptet, ab einem bestimmten Alter mache man keine Erfahrungen mehr. Will das der Nachbar hinterfragen? Warum sucht der Nachbar die N\u00e4he des Autors, um ihm etwas heimzuzahlen?<br \/>\nParallele Erz\u00e4hlstr\u00e4nge, die Erz\u00e4hlung in der Erz\u00e4hlung, auch das ist die Technik von Herrn M., der eigentlich mittlerweile von allem genervt ist, von seinen treuen Lesern, meistens Frauen und alle etwas \u00e4lter ( die jungen Frauen kennen ihn nicht mehr ), von seinem Verleger, der ihm Interviews aufdr\u00fcckt, die er nicht geben will und vor allem von den Fotografen, die ihn garantiert nach stundenlangem Ausprobieren vor die eigene B\u00fccherwand stellen.<\/p>\n<p>Immer endet das Kapitel mit einem spannenden Cliffhanger. Man muss weiterlesen, obwohl man doch immer noch r\u00e4tselt, warum wer mit wem zu tun hat. Erst am Ende wird klar, was Herr M. immer verschwiegen hat.<br \/>\nNicht ganz unkompliziert ist das Handlungsgemenge zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Reflexionen und Erz\u00e4hlebenen und doch gelingt es dem Niederl\u00e4nder Herman Koch, den Leser unterhaltsam zu fesseln und seine Neugierde intelligent anzustacheln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herman Koch: Sehr geehrter Herr M., Aus dem Niederl\u00e4ndischen von Christiane Kuby und Herbert Post, Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2015, 400 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-462-04738-7 \u201e Was erwarten wir von einem Roman? 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