{"id":1600,"date":"2019-06-22T20:21:32","date_gmt":"2019-06-22T18:21:32","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1600"},"modified":"2019-06-22T20:21:32","modified_gmt":"2019-06-22T18:21:32","slug":"der-rest-ihres-lebens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/der-rest-ihres-lebens\/","title":{"rendered":"Der Rest ihres Lebens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Linda Benedikt: Der Rest ihres Lebens, Arche Verlag, Hamburg 2015, 224 Seiten, \u20ac18,99, 978-3-7160-27325<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eUnd auf einmal sah ich mich so, wie sie mich wohl sehen musste. Eine alleinstehende \u00e4ltere Frau ohne Mann und ohne sinnvolle Besch\u00e4ftigung, in praktischen, unscheinbaren Kleidern und mit altrosa Fingern\u00e4geln.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dorothy Fall lebt ein finanziell abgesichertes Leben in ihrem eigenen Haus in London. In einem Monat wird sie ihren Geburtstag feiern, aber sie legt nicht viel Wert auf den Besuch ihrer Familie. Von ihrem Mann ist sie getrennt, die beiden Kinder, Helen und Anthony, leben ihr eigenes Leben. Dorothy ist eine Frau um die sechzig, die nach au\u00dfen hin freundlich wirkt, aber oft ziemlich verbittert das Gegenteil von dem denkt, was sie sagt. Ihre Tage verbringt sie mit Hausarbeit, Kino- oder Caf\u00e9besuchen und Reflexionen \u00fcber die Vergangenheit.<br \/>\nNach ihrem Studium hat sie recht schnell geheiratet, Kinder bekommen und sich der Familie nicht unbedingt mit Enthusiasmus gewidmet und im Architektur-B\u00fcro ihres Mannes etwas ausgeholfen. Eigentlich lag ihre Profession im Schreiben, immerhin hat sie f\u00fcr eine Geschichte sogar einen Preis erhalten. Dorothys Gedanken, die als innerer Monolog den Roman strukturieren, zeichnen ein immer deutlicheres Bild von ihr. Sie wirkt nicht gerade sympathisch, wenn sie \u00fcber ihre Kinder nachdenkt.<\/p>\n<p><em>\u201eWenn ich zu mir selbst ganz ehrlich war, dann waren meine beiden Kinder irgendwann zu Menschen geworden, die ich nicht verstand. Mein Interesse an ihnen blieb ein rein m\u00fctterliches, es wurde kein menschliches daraus.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Helen hat ihren Traum verwirklicht und ist Schauspielerin geworden, allerdings keine sehr erfolgreiche. Anthony, dem die Mutter mehr R\u00fcckgrat und vor allem St\u00e4rke gew\u00fcnscht h\u00e4tte, ist nicht seiner Begabung, dem Zeichnen, gefolgt, er ist in die Wirtschaft gegangen, hat eine aus Dorothys Sicht <em>\u201esauert\u00f6pfische\u201c<\/em> Frau geheiratet, die drei Kinder bekommen hat. Ihre Enkel spielen f\u00fcr die Erz\u00e4hlerin kaum eine Rolle.<\/p>\n<p>Als Dorothy sechs Jahre alt war, ist der Vater mit der Familie aus der Gegend um M\u00fcnchen nach England gezogen. Jetzt sind neue Mieter in die Dorothys Haus, sie vermietet die Souterrain-Wohnung, eingezogen und es stellt sich heraus, dass die hochschwangere Frau Martha aus Wien stammt. Beide Frauen unterhalten sich anf\u00e4nglich in deutscher Sprache. Auch wenn Dorothy um Distanz bem\u00fcht ist, Martha findet durch ihren Charme und ihre offene Art einen Zugang zu der um Jahre \u00e4lteren Frau. Der Sommer ist extrem hei\u00df und Dorothy leidet unter der Hitze. Eigentlich wollte sie die Kisten auf dem Dachboden ausr\u00e4umen. Als sie mit den R\u00e4umungsaktionen beginnt, findet sie alte Schulsachen der Kinder und eigenes, das wiederum zum Nachdenken angeregt. Sie kreist gedanklich um ihre Kinder. Angeblich hat Helen nun in New York nun doch ein erfolgversprechendes Filmangebot erhalten. Das erf\u00e4hrt die Mutter auf einer Party, auf der sie ihren Ex-Mann Edward trifft. Anthony hat Eheprobleme, auch das ist nie bis zur Mutter durchgedrungen.<\/p>\n<p>Dorothy, deren Gedanken immer nur um sie selbst kreisen, sp\u00fcrt und das geschieht vehement und existentiell, angeschoben durch ein Gespr\u00e4ch mit Martha, dass sie unumg\u00e4nglich ihr Leben gelebt hat. Pl\u00f6tzlich wird ihr bewusst, wie kurz die Zeit ist, die ihr vielleicht noch bleibt.<br \/>\n<em>\u201eIch wollte unbedingt mein Leben noch einmal leben d\u00fcrfen, von Anfang an. Gerne w\u00fcrde ich so vieles ganz anders machen. Ich w\u00fcrde, so gestand ich mir in seltener Offenheit, keine Kinder bekommen. Ich w\u00fcrde, ja, ich w\u00fcrde in diesem anderen Leben einen Mann halten k\u00f6nnen. Ich w\u00fcrde wegfahren und nicht mehr wiederkommen&#8230;.\u201c <\/em><\/p>\n<p>nDorothy res\u00fcmiert, dass sie alles hat irgendwie geschehen lassen. Ist eine Frau, die sich nur auf die Erziehung der Kinder konzentriert, ohne berufliche Lebensphasen nicht ein Auslaufmodell? Womit besch\u00e4ftigen sich Frauen, wenn die Kinder sie nicht nicht mehr dringend in ihrem Leben brauchen? Warum fragt man sich, hat sie nicht geschrieben? Warum ist sie so gleichg\u00fcltig? Sie trennt sich in einem hysterischen Rundumschlag von ihren B\u00fcchern, die ihr, empfohlen vom Feuilleton v\u00f6llig sinnlos erscheinen. Sie macht eine Liste f\u00fcr alle \u00fcberfl\u00fcssigen, belastenden Dinge. Aber Dorothy sp\u00fcrt eigentlich im tiefsten Inneren, wie emotions- und empathielos sie sich gegen\u00fcber ihren Kindern und sogar ihren Freunden gegen\u00fcber verhalten hat. Kann man, wie Martha meint, noch etwas \u00e4ndern?<\/p>\n<p>Linda Benedikt f\u00fchrt den Leser ganz nah an ihre Hauptfigur heran und l\u00e4sst ihn ihren Gedankenstrom verfolgen. Das kann beim Lesen zu sehr unterschiedlichen Reaktionen f\u00fchren und m\u00f6glicherweise auch zu einer Auseinandersetzung im besten Fall mit der eigenen Lebensplanung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Linda Benedikt: Der Rest ihres Lebens, Arche Verlag, Hamburg 2015, 224 Seiten, \u20ac18,99, 978-3-7160-27325 \u201eUnd auf einmal sah ich mich so, wie sie mich wohl sehen musste. 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