{"id":1557,"date":"2019-06-23T04:18:05","date_gmt":"2019-06-23T02:18:05","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1557"},"modified":"2019-06-23T04:18:05","modified_gmt":"2019-06-23T02:18:05","slug":"laeuft-da-was","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/laeuft-da-was\/","title":{"rendered":"L\u00e4uft da was?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Judith Pinnow: L\u00e4uft da was?, Kr\u00fcger Verlag, Frankfurt a.Main 2015, 362 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-8105-1459-2 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWas willst du jetzt eigentlich arbeiten?\u201c, stellt Kristina mir die unangenehme Frage, die ich nicht beantworten kann. Ich zucke die Schultern und rechne mir leise aus, dass ich schon in drei Wochen vierzig werde. Ich werde in der Lebensmitte ankommen ohne Job, mit einer Ehekrise und ohne Plan, in welche Richtung ich weitergehen soll. Happy Birthday!<\/em><\/p>\n<p>Es verwundert schon, wenn neuerdings eine Autorin in einem Artikel in einer durchaus seri\u00f6sen Wochenzeitungen befremdet feststellt, dass sich fast alle gut ausgebildeten Frauen in ihrer Umgebung nach der Geburt ihres ersten Kindes der Mutterschaft voll und ganz hingeben. Liegt es daran, dass sie mit einem gut bezahlten Partner zusammenleben oder an der Tatsache, dass Frauen hierzulande als Rabenm\u00fctter angesehen werden, wenn sie sich nicht hundertprozentig dem Kind widmen?<\/p>\n<p>Die von sich selbst berichtende Heldin in Judith Pinnows Deb\u00fctroman, Annabel F\u00f6rster, stellt fest, dass sie ihre berufliche Karriere nie h\u00e4tte aufgeben sollen und mindestens nach dem dritten Kind vor sechs Jahren wieder h\u00e4tte beruflich voll durchstarten m\u00fcssen. Jetzt ist sie neununddrei\u00dfig, arbeitet zwei Tage in der Woche f\u00fcr einen Privatsender und sein Nachtprogramm und muss sich nach einem Moderations-Casting f\u00fcr eine Abendsendung von einem Produzenten, den sie auch noch kennt, sagen lassen, dass sie zu alt f\u00fcr die Zielgruppe der Sendung sei.<\/p>\n<p>Annabels Mann ist sechs Jahre \u00e4lter, Schauspieler in einer Vorabend-Polizeiserie und gut im Gesch\u00e4ft. Zwei Freiberufler und drei Kinder bedeutet eigentlich in diesem Land finanzielle Unsicherheit und nicht unbedingt, hat man nicht geerbt, gutsituiertes Familienleben mit eigenem H\u00e4uschen in der Gro\u00dfstadt, zwei Autos und Nachwuchs, der reitet und Klavierunterricht nimmt. Aber diese unrealistische Widerspiegelung der Mittelschicht sei mal dahingestellt, sie ist nicht der Schwerpunkt dieses Romans, den Dora Heldt und nun ahnt man, in welche leichtf\u00fc\u00dfige Richtung die Geschichte l\u00e4uft, auf dem Cover auf noch bewirbt.<\/p>\n<p>Dabei hat die Autorin diese Empfehlung gar nicht n\u00f6tig, denn sie umkreist ein ernstzunehmendes Thema, das nicht nur M\u00e4nner in der sogenannten Midlife -Krise besch\u00e4ftigt. Was will ich als demn\u00e4chst Vierzigj\u00e4hrige selbst mit der zweiten H\u00e4lfte meines Lebens anfangen? Wei\u00df ich als Mutter, Ehefrau und Berufst\u00e4tige eigentlich noch wer ich bin, was ich wirklich m\u00f6chte?<\/p>\n<p>Und in ihren schlimmsten Stunden muss Annabel sich eingestehen, dass sie den Film \u201eIce Age Vier\u201c mit ihren M\u00e4dchen nicht noch ein einziges Mal ertragen w\u00fcrde, aber sie hat auch keine Ahnung, was sie eigentlich sehen will. Und wie in vielen Familien sind auch in Annabels die Rollen genau verteilt. Der Vater spielt den Part des geliebten und unbeschwerten und die Mutter, den der Spa\u00dfbremse und st\u00e4ndig mahnenden. Als die M\u00e4dchen bei einem Spaziergang dann einen Hund sehen, der sie und den Vater begeistern, ist die Frage, ob die Familie sich einen Vierbeiner anschafft, schon gekl\u00e4rt, bevor Annabel \u00fcberhaupt ihre Meinung sagen kann. Dass ihr Mann die Entscheidungen trifft, bevor sie abw\u00e4gen darf und genau wei\u00df, dass alle Arbeit mit dem neuen Hausgenossen an ihr kleben bleiben wird, kennen sicher viele Frauen. Aber das ist ja noch nicht mal der Tiefpunkt in Annabels Dasein, dass die Leserin hautnah im Pr\u00e4sens miterleben darf.<br \/>\nAnnabel trifft es dann wirklich hart, denn der Produzent r\u00e4t ihr in Ermangelung an guten jungen Moderationen, sich doch, nat\u00fcrlich auf Kosten der Firma, unters Messer zu legen, um mindestens zehn Jahre j\u00fcnger auszusehen. Tom, Annabels Mann, hat da eine eindeutige Haltung. F\u00fcr ihn hat seine Frau das gar nicht n\u00f6tig. Sarah, dessen Mann Andi vor kurzem f\u00fcr eine Vierundzwanzigj\u00e4hrige sie und die beiden Jungen verlassen hat, denkt da schon anders. Und Kristina, die dritte Freundin im Bunde, schl\u00e4gt gleich mal ihren Sch\u00f6nheitschirurgen vor.<\/p>\n<p>Zwischen dem Alltagswahn mit drei anspruchsvollen M\u00e4dchen im Alter zwischen elf und sechs Jahren, einem Mann, der seinen Beruf liebt und alle Verantwortung an Annabel abgibt, dem beruflichen Stress und den K\u00fcmmernissen der Freundinnen, lernt Annabel auch noch einen jungen Mann kennen, der sie seit ihrer Zeit beim Kinderfernsehen, auch als Moderatorin, bewundert.<\/p>\n<p>Sicher geht diese Zuneigung und die Auszeit von der Familie runter wie \u00d6l, aber Annabel kann sich nicht entscheiden, ob sie nun alles will oder nur ein bisschen, Sex oder Beinahe-Sex. Steht immer noch die Frage f\u00fcr Annabel aus, will ich mich f\u00fcr mein Berufsziel verbiegen? Akzeptiere ich Botox, Fettabsaugung oder medizinische Eingriffe, um endlich beruflich weiterzukommen?<\/p>\n<p>Als Annabels Mann dann auch noch f\u00fcr einen Fernsehpreis nominiert wird, sie den bewussten Produzenten trifft, der ihr eigentlich nur an die W\u00e4sche will und sie auch noch erf\u00e4hrt, das diese Abendsendung schon l\u00e4ngst abgesetzt ist, eskaliert die Story.<br \/>\nZumal Annabel auch noch ihren angetrunkenen Ehemann in flagranti mit ihrer jungen und nat\u00fcrlich blonden Hasskonkurrentin, wie ordin\u00e4r, beim Sex in der Toilette erwischt.<\/p>\n<p>Judith Pinnow spielt mit allen Ingredienzien, die einen Unterhaltungsroman mit Wohlf\u00fchlfaktor ausmachen \u2013 Familienchaos, Alltagswahnsinn, Eifersucht, bissige Seitenhiebe auf die eitle Medienbranche, ein bisschen Glamour und Sex. Ein bisschen am eigenen Leben entlang geschrieben, bewegt sich Judith Pinnows Stil im Gro\u00dfraum von Konvention und Banalit\u00e4t. Aber sie flieht nicht in den leicht ironischen Erz\u00e4hlstil und plumpen Humor, den viele Frauenromane f\u00fcr sich entdeckt haben, sondern sie bleibt, leider auch mit Klischees behaftet, ihrem Thema, der Selbstfindung Annabels, treu. Wie die Protagonistin ihre Probleme l\u00f6st, mag jeder f\u00fcr sich beurteilen, dass ihr Mann, wie fast vorhersehbar, jedoch fremdgehen muss, damit sie sich nun endlich auch traut, das auszuleben, was sie m\u00f6chte, ist ein Schwachpunkt in der ganzen Geschichte.<\/p>\n<p>Etwas ungl\u00fccklich getroffen sind Titel und Buchcover, das Assoziationen herruft, die nichts mit dem Inhalt des Romans zu tun haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judith Pinnow: L\u00e4uft da was?, Kr\u00fcger Verlag, Frankfurt a.Main 2015, 362 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-8105-1459-2 \u201eWas willst du jetzt eigentlich arbeiten?\u201c, stellt Kristina mir die unangenehme Frage, die ich nicht beantworten kann. 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