{"id":1545,"date":"2019-06-23T04:19:36","date_gmt":"2019-06-23T02:19:36","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1545"},"modified":"2019-06-23T04:19:36","modified_gmt":"2019-06-23T02:19:36","slug":"lieber-mr-salinger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/lieber-mr-salinger\/","title":{"rendered":"Lieber Mr. Salinger"},"content":{"rendered":"<p><strong>Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger, Aus dem Amerikanischen von Sabine Schwenk, Knaus Verlag, M\u00fcnchen 2015, 304 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-8135-0515-3<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eF\u00fcr meine Chefin war die Agentur kein reines Gesch\u00e4ft, sondern eine Lebensweise, eine Gemeinschaft, ein Zuhause. Insofern hatte die Agentur eher etwas von einem studentischen Geheimbund oder \u2013 wobei mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, wie weit das ging \u2013 einer Religion mit klar definierten Praktiken und G\u00f6ttern, die es anzubeten galt: an erster Stelle J. D. Salinger, der oberste Gott, dann Fitzgerald als eine Art Halbgott, gefolgt von Dylan Thomas, \u2026.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Autorin Joanna Rakoff erz\u00e4hlt von ihrem allerersten Job, nachdem sie mit vierundzwanzig Jahren, ihre Abschlussarbeit befasste sich mit Sylvia Plath, die Universit\u00e4t absolviert hatte. Alles, na ja fast alles entspricht wirklich der Wahrheit in diesem \u201eSalinger-Jahr\u201c. Ohne je ein Buch des ber\u00fchmten Autors gelesen zu haben, beginnt sie, ohne viel dar\u00fcber nachgedacht zu haben, ihre Arbeit in seiner Literaturagentur. Und sicher geht es vielen Lesern so, die ebenfalls \u201eDer F\u00e4nger im Roggen\u201c, 1951 erschienen, als das entscheidende Buch in einer bestimmten Phase der Pubert\u00e4t verpasst haben. Joanna, die ziemlich wenig als Assistentin verdienen wird, f\u00e4hrt jeden Tag von Brooklyn aus ins Herz von Manhattan.<\/p>\n<p>Versehen aus einer <em>\u201ePatina mit altert\u00fcmlichen Muff\u201c<\/em> kommen ihr die Agenturr\u00e4ume vor. Sie wird von ihrer nikontinabh\u00e4ngigen Chefin wie eine M\u00f6belst\u00fcck behandelt und doch gew\u00f6hnt sich Joanna langsam an den B\u00fcroalltag, denn im Nebenzimmer arbeitet der hilfsbereite Hugh. Joanna h\u00e4mmert mit Hilfe eines Diktafons einen Brief auf cremefarbenen Papier nach dem anderen in die Schreibmaschine, obwohl das Jahr 1996 geschrieben wird und die meisten Firmen nur noch mit Computern arbeiten. Joanna akzeptiert als Anf\u00e4ngerin alles, auch wenn nun langsam klar wird, dass sie wirklich nur als Sekret\u00e4rin, wie ihr Vater vorausgesagt hatte, arbeitet.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, dass sie in Manuskripten versinken wird, bleibt noch eine Traum. Au\u00dferdem ist sie mit strengen Auflagen belegt worden und die betreffen nat\u00fcrlich den Star-Autor der Agentur. Niemals darf sie als Assistentin Salingers Telefonnummer oder Adresse herausgeben, sie soll nicht mit ihm reden und ihn sofort, wenn er sich meldet, an die Chefin weiterleiten. Und dann kommt der Tag, an dem Salinger ins Telefon br\u00fcllt und bei Joanna landet, da die Chefin nicht im Hause ist. \u201eJerry\u201c jedoch klingt ganz normal und alles was abzusprechen ist, erledigt Joanna. Kein Staatsakt, w\u00e4re da nicht die altmodische Chefin und ihre verstaubten Ansichten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wollen alle jungen Absolventen selbst schreiben. Und so verfasst Joanna Gedichte, was sie auch Salinger erz\u00e4hlt. Auch ihr Freund Don arbeitet an seinem Roman. Die Tage vergehen und Joanna erh\u00e4lt die ehrenvolle Aufgabe alle Briefe und das sind wirklich viele, die an Salinger gerichtet sind, mit einem ablehnenden Standardbrief zu beantworten. Bei manchen Briefen f\u00e4llt ihr das nicht schwer, bei anderen l\u00e4sst sie sich dazu hinrei\u00dfen, einfach doch in ihrem Namen zu antworten.<br \/>\nUnd dann will Salinger in einem kleinen Verlag, dessen Verleger und einziger Mitarbeiter es gewagt hat, ihn einfach anzuschreiben, eine seiner Erz\u00e4hlungen  ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Alles auf Angang \u2013 so liest sich dieser Roman, der tief  blicken l\u00e4sst in die Strukturen einer Literaturagentur, die mit lebenden, wie toten Autoren und ihrem Werk arbeitet. Joanna lebt mit einem ambitionierten etwas \u00e4lteren Mann zusammen, der sich f\u00fcr einen Sozialisten h\u00e4lt, viel schreibt und voller Ideen ist, wenn es um seine eigene Person geht. Profane Dinge, wie die fehlende Sp\u00fcle in der K\u00fcche oder eine defekte Heizung, interessieren ihn kaum. Mit seinen \u201eTexten von nebul\u00f6ser Dichte\u201c kommt Joanna nicht so richtig klar und es wird sich auch nie kl\u00e4ren, ob er je einen Verlag f\u00fcr seinen Roman gefunden hat. Beide m\u00f6chten gern ein Schriftstellerleben f\u00fchren und stehen sich irgendwie im Wege. Aber Joanna, die mit Don gern Freunde trifft, in Caf\u00e9s abh\u00e4ngt, ist eine Zeit lang gl\u00fccklich in Williamsburg.<\/p>\n<p><em>\u201eDies war nicht das New York von Woody Allen, das New York der Hochh\u00e4user und Portiers, der gro\u00dfen Tr\u00e4ume und Hollywood-Bildmontagen. Aber es war mein New York. Und ich liebte es.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine gute Freundin von Joanna Jenny arbeitet kaum ein paar Blocks von ihr entfernt. Aber immer wenn die beiden sich zum Mittag treffen und ihre \u00fcberteuerten, wie abgeschlafften Sandwiches essen, sp\u00fcrt Joanna die Entfremdung, sie sich zu Freunden einstellt. Jenny schreibt keine Lyrik mehr, da ihr Verlobter, den sie bald heiraten wird, nichts von Literatur oder gar erfundenen Romanen h\u00e4lt. Sie passt sich ihm an und bemerkt die ungesunde Symbiose nicht mal. Auch Dons Freunde reden nur noch vom Heiraten. Joanna hat da ganz andere Ziele.<\/p>\n<p>Sie sieht Autoren kommen und gehen und sogar Judy Blume, die sie noch als Kinderbuchautorin kennt, w\u00fcrde gern mit einem neuen Buch allerdings f\u00fcr Erwachsene in die Agentur einsteigen. Aber die Chefin versteht das Buch nicht und Joannas Meinung interessiert sie nicht wirklich.<\/p>\n<p>Langsam kann Joanna von anderen Lektoren versorgt endlich auch Manuskripte lesen. Innerhalb der Agentur gibt es einen kleinen Aufstand und danach wird endlich ein Computer, aber nur f\u00fcr Recherchen, angeschafft.<\/p>\n<p>F\u00fcr Joanna ist es ein bewegtes Jahr und f\u00fcr den Leser ein Blick in die Welt der Literatur, die Joanna \u00fcber alles liebt. Diese Leidenschaft und das Flair New Yorks \u00fcbertragen sich automatisch auf den Leser.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger, Aus dem Amerikanischen von Sabine Schwenk, Knaus Verlag, M\u00fcnchen 2015, 304 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-8135-0515-3 \u201eF\u00fcr meine Chefin war die Agentur kein reines Gesch\u00e4ft, sondern eine Lebensweise, eine Gemeinschaft, ein Zuhause. 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