{"id":1402,"date":"2019-06-22T13:59:34","date_gmt":"2019-06-22T11:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1402"},"modified":"2019-06-22T13:59:34","modified_gmt":"2019-06-22T11:59:34","slug":"die-gluecklichen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-gluecklichen\/","title":{"rendered":"Die Gl\u00fccklichen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kristine Bilkau, Die Gl\u00fccklichen, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2015, 304 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-630-87453-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eZweifeln, denkt sie pl\u00f6tzlich, auch das Zweifeln ist ja eine Folge der Angst, der Bef\u00fcrchtung, dass es, ein Solo, ein Probespiel, das Geldverdienen, das Zusammensein, oder selbst eine Woche in dieser Dachgeschosswohnung, nicht gelingen wird.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sie sind ein dynamisches Paar und stehen mitten im Leben \u2013 Isabell, die Cellistin und Georg, der festangestellte Journalist einer renommierten Zeitung. Ihr Sohn Matti ist knapp \u00fcber ein Jahr alt, gesund durch Biokost und umsorgt. Sie wohnen in einer gro\u00dfz\u00fcgig geschnittenen Wohnung, in einem Viertel mit Gr\u00fcnanlagen, kleinen L\u00e4den. Isabell ist wieder in ihren Beruf zur\u00fcckgekehrt, aber sie findet nicht mehr die innere Ruhe und Pr\u00e4zision der vergangenen Jahre. Bei jedem Solo im kleinen Ensemble zittern ihre H\u00e4nde. Sie schweigt und hofft, wenn sie es nicht ausspricht, dann wird es schon wieder vergehen. Georg sp\u00fcrt, dass Isabell nicht entspannt ist, spricht es aber nicht an.<br \/>\nF\u00fcr beide ist das Leben nun zu einer <em>\u201eRalley\u201c <\/em>geworden. Sie k\u00fcmmert sich am Tag um ihren Sohn und Georg bestreitet das Abendprogramm, wenn Isabell im Musicaltheater spielt. Auch ihn treiben Sorgen um, denn seine Arbeit wird immer hektischer, er schreibt immer weniger und sp\u00fcrt die Defizite.<br \/>\nAls dann die Zeitung in die Krise ger\u00e4t und ihre Mitarbeiter entl\u00e4sst, beginnt f\u00fcr den Mittvierziger die Suche nach beruflichen Alternativen. Vor Kurzem besuchte Georg noch einen einst erfolgreichen Verpackungsdesigner internationaler Markenprodukte, der sich nach der Insolvenz der Firma mit seinem Partner mediale Schlammschlachten geliefert hatte. Jetzt lebt er auf dem Land, alternativ als Selbstversorger. Isabells Vertrag wurde nicht verl\u00e4ngert, aber sie hatte sich l\u00e4ngst krankschreiben lassen. Das wahre Problem jedoch hat sie auch bei der Physiotherapie nicht angesprochen, denn allein ohne Publikum kann sie ohne Zittern spielen.<br \/>\nJe l\u00e4nger die Angebote f\u00fcr Georg ausbleiben und Zusagen pl\u00f6tzlich in Absagen enden, um so heftiger werden die Spannungen zwischen dem Paar. Isabell versagt sich nicht ihre Eink\u00e4ufe im Feinkostladen und hofft auf ein in der Ferne liegendes Vorspiel, das die Wende einl\u00e4uten k\u00f6nnte. Georg jedoch spart jedes Lampenlicht und beginnt sich in die Idee zu verbei\u00dfen, dass sie in eine Kleinstadt ziehen k\u00f6nnten.<br \/>\nBeide suchen ihre kleinen Fluchten. Er schaut sich H\u00e4user in Kanada oder Geh\u00f6fte in Schleswig \u2013 Holstein an, sie verfolgt das gl\u00fcckliche Leben einer Amsterdamer Familie, die ihre privaten Fotos im Netz postet. Beide umgeben sich mit L\u00fcgen und Halbwahrheiten und so engt sich das Leben der Kleinfamilie immer mehr ein.<\/p>\n<p><em>\u201eFondsrente ruhen lassen, Lebensversicherung auch, nur den Sparvertrag f\u00fcr Matti nicht anr\u00fchren. Auf Kino, Restaurantbesuche, Lieferservice und diese d\u00e4mliche Biokiste verzichten, im Sommer Zucchini, Zucchini, Zucchini, jede Woche, eine gr\u00f6\u00dfer als die n\u00e4chste, im Winter monatelang Rotkohl. Kein Biowein mehr, keine Milch aus der Molkerei, keine Brote, Quarkspeisen oder K\u00e4sesorten aus Manufakturen oder Werkst\u00e4tten. \u00dcberhaupt: Genauer rechnen beim Einkaufen wird er jetzt.\u201c<br \/>\n<\/em><br \/>\nMatti hat nun einen Kindergartenplatz, aber Isabell n\u00e4hert sich den M\u00fcttern kaum. Die Angst als Sozialhilfeempf\u00e4ngerin identifiziert und ausgegrenzt zu werden, nimmt ihr die Energie. Georg res\u00fcmiert auch dar\u00fcber, wie ihn die Au\u00dfenwelt sehen k\u00f6nnte. Wer ist der Vater, der sich so intensiv um sein Kind k\u00fcmmern kann, es morgens bringen und am Nachmittag im Buddelkasten sitzen.<br \/>\nGeorg f\u00fchlt sich<em> \u201ebesch\u00e4digt und disqualifiziert\u201c<\/em>, wenn er sieht wie seine ehemaligen Kollegen wieder Fu\u00df fassen. Er glaubt, er habe alles selbst verschuldet.<br \/>\nIsabell und Georg nervt die N\u00e4he in der Beziehung, sein Sparzwang und ihre Schuldzuweisungen. Als Isabell sorgenvoll seufzend endlich zustimmt und beide die Wohnung mit Garten in der Kleinstadt besichtigen, ist Georg wieder guter Dinge, aber nicht lang.<\/p>\n<p><em>\u201e&#8230; sie sehnt sich nach Schlaf, nach langem, tiefen Schlaf, vereint mit Matti, ihr Kind gesch\u00fctzt in ihrem kugelrunden Bauch, sie eingerollt, ein weiches Nachthemd am K\u00f6rper, die Arme und H\u00e4nde um den Bauch geschlossen, so m\u00f6chte sie einschlafen und nicht mehr zur\u00fcckkehren in diese Wirklichkeit.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Kristine Bilkau ist eine pr\u00e4zise und stilsichere Erz\u00e4hlerin, die ungesch\u00f6nt und psychologisch \u00fcberzeugend auf der Seite ihrer Protagonisten steht. Sie geh\u00f6ren zu der Generation, der es nicht besser gehen wird als ihren Eltern, eine erdr\u00fcckende Bilanz. Die gesellschaftliche Krise im Blick zeigt die Hamburger Autorin den unverschuldeten sozialen Abstieg einer Kleinfamilie. Isabell und Georg ersehnen sich eine Sicherheit, die f\u00fcr sie und viele andere gut Gebildete nicht mehr existiert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristine Bilkau, Die Gl\u00fccklichen, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2015, 304 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-630-87453-1 \u201eZweifeln, denkt sie pl\u00f6tzlich, auch das Zweifeln ist ja eine Folge der Angst, der Bef\u00fcrchtung, dass es, ein Solo, ein Probespiel, das Geldverdienen, das Zusammensein, oder selbst eine&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-gluecklichen\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-1402","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1402","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1402"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1402\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1416,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1402\/revisions\/1416"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1402"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1402"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}