{"id":1398,"date":"2019-06-22T15:06:49","date_gmt":"2019-06-22T13:06:49","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1398"},"modified":"2019-06-22T15:06:49","modified_gmt":"2019-06-22T13:06:49","slug":"ein-jahr-auf-dem-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ein-jahr-auf-dem-land\/","title":{"rendered":"Ein Jahr auf dem Land"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land, Aus dem Englischen von Tanja Handels, Deutsche Verlags-Anstalt, M\u00fcnchen 2015, 320 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-421-04666-6 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAndere Menschen nutzen Fotos als M\u00f6glichkeit, sich die N\u00e4he zu den Ereignissen in ihrem Leben zu erhalten; Rebecca hatte sie immer als M\u00f6glichkeit genutzt, sich abzugrenzen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Rebecca Winter, sechzig Jahre alt, Fotografin tauscht f\u00fcr ein Jahr ihre geliebte Wohnung mit Blick auf den Central Park gegen ein angeblich voll ausgestattetes Haus im l\u00e4ndlichen Gebiet des Staates New York. Sie hatte nur Bilder von dem H\u00e4uschen mitten in der Landschaft im Internet gesehen und musste dann jedoch feststellen, dass es nicht das angepriesene Schmuckst\u00fcck mit Charme war, sondern eine ziemlich heruntergekommene Kate mit dunklen R\u00e4umen und nicht gerade besonders winterfest.<\/p>\n<p><em>\u201eDas Haus war ein Pflegekind, das von einem zum N\u00e4chsten abgeschoben wurde, ohne je geliebt, gewartet oder liebevoll eingerichtet zu werden, ein Quader aus braunem Holz mit rappelnden Fenstern und einem Klo, dessen Sp\u00fclung man beim Abziehen gedr\u00fcckt lassen musste.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die einst angesehene K\u00fcnstlerin, die von der Malerei zur Fotografie wechselte und erfolgreich die Serie <em>\u201eStillleben mit Brotkr\u00fcmeln\u201c<\/em> ver\u00f6ffentlichte, sucht nicht das romantische Landleben oder glaubt, sie m\u00fcsse in diesem Lebensabschnitt der Stadt den R\u00fccken kehren und in der Natur leben. Es ist ein ganz profaner finanzieller Engpass, der bei der H\u00e4ufung der Rechnungen und dem R\u00fcckgang ihrer Verk\u00e4ufe, sie so handeln l\u00e4sst. Sie vermietet ihre Wohnung, zahlt f\u00fcrs H\u00e4uschen und kann die Kosten f\u00fcr das Heim ihrer dementen Mutter und die Wohnung ihres Vaters, der als Gesch\u00e4ftsmann kl\u00e4glich versagte und den Familienbetrieb in den Sand setzte, zahlen. Ab und zu schickt sich auch ihrem erwachsenen Sohn Ben einen Scheck. Jeden Tag schaut Rebecca Winter immer desillusionierter auf ihren Kontostand. Sie fotografiert in ihrer neuen Umgebung, findet aber nicht so recht das richtige Motiv, das den Zeitgeschmack trifft.<\/p>\n<p>Als der Dachdecker Jim Bates, der sie von einem unliebsamen Mitbewohner, einer Waschb\u00e4rin, befreit, ihr einen Fotojob anbietet, ist sie mehr als froh, obwohl niemand dies ahnen w\u00fcrde, denn auch im Ort gilt sie als die ber\u00fchmte K\u00fcnstlerin. Das hat sie der pausenlos redenden Sarah zu verdanken, die in ihrem Caf\u00e9<em> \u201eTee f\u00fcr zwei\u201c<\/em> ein Foto aus der K\u00fcchen-Serie zu h\u00e4ngen hat.<br \/>\nRebecca hofft, in diesem Jahr k\u00fcnstlerisch wieder auf die F\u00fc\u00dfe zu kommen und sie gew\u00f6hnt sich langsam an die Einsamkeit und an Jim, der mit seiner ruhigen Art und seinem zupackenden Wesen, ohne es zu ahnen, ihr vieles erleichtert. In R\u00fcckblenden erinnert sich Rebecca an ihr Leben mit ihrem geltungss\u00fcchtigen, untreuen, englischen Ehemann Peter, an die Kindheit ihres Sohnes Ben und ihre k\u00fcnstlerische Entwicklung, hinter der kaum ein tiefsinniges Konzept steckte, obwohl es sich die Kritiker so vorstellen.<\/p>\n<p><em>\u201eSie wollten auch alle nicht glauben, dass sie einfach nur fotografiert hatte, was sie vorfand: eine leere Flasche, die auf der Seite lag und an deren geschwungenem Rand noch ein Tropfen Oliven\u00f6l schimmerte &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn Rebecca ihre Mutter besucht, h\u00f6rt sie im Inneren ihre spitze Art und Weise, wie sie gern die Tochter dem\u00fctigte und sie f\u00e4hrt zu ihrem warmherzigen Vater, der nie ein b\u00f6ses Wort an sie richtete.<br \/>\nAls Rebecca die wei\u00dfen Kreuze in der Landschaft entdeckt, hat sie wieder ein Fotomotiv, obwohl sie nicht ahnt, wer diese kleinen Mahnmale aufgestellt hat und wozu.<\/p>\n<p>Ein Hund l\u00e4uft ihr zu und sie beginnt auch ihn zu fotografieren.<br \/>\nDiese Fotos f\u00fchren dann zum endg\u00fcltigen Bruch mit ihrer unfreundlichen, stets kurz angebundenen Agentin.<\/p>\n<p>Langsam schwindet das Fremdeln in der Natur und die Sehnsucht nach der Gro\u00dfstadt, die Verbindung zu den sogenannten Freunden, dem Kunstbetrieb, der endenden Popularit\u00e4t. Rebecca und Jim sp\u00fcren die gegenseitige Anziehungskraft, die sie nicht mehr verheimlichen k\u00f6nnen. Doch Jim ist gut f\u00fcnfzehn Jahre j\u00fcnger als Rebecca, was ihn nicht st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Aber das Blatt wendet sich, denn Jim taucht nach der ersten gemeinsamen Nacht nicht mehr auf, die neue Agentin bringt Rebeccas Kreuz-Fotos medienwirksam heraus und Rebecca k\u00f6nnte auch nach dem schmerzlichen Tod des einundneunzigj\u00e4hrigen Vaters und der \u00fcberraschenden Erbschaft wieder in ihr altes Leben zur\u00fcckkehren, das ihr nun so vorkommt wie \u201eeine Schneekugel, etwas, das ihr fr\u00fcher einmal sehr gefallen hatte, dem sie aber entwachsen war.\u201c<\/p>\n<p>Viele dieser wunderbaren S\u00e4tze, voller Lebensklugheit und vor allem ein bisschen ironisch, fallen in diesem so lesenswerten Roman. Hinter den Fassaden der Menschen auf dem Land, die Rebecca kennenlernt, steckt mehr als sie glaubt. Der finanzielle Absturz wird als Beginn eines neuen Lebensabschnittes erz\u00e4hlt, der den Blick f\u00fcr Neues er\u00f6ffnet. Rebecca ergreift die Chance und erlebt sogar ein Happy End.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land, Aus dem Englischen von Tanja Handels, Deutsche Verlags-Anstalt, M\u00fcnchen 2015, 320 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-421-04666-6 \u201eAndere Menschen nutzen Fotos als M\u00f6glichkeit, sich die N\u00e4he zu den Ereignissen in ihrem Leben zu erhalten; Rebecca hatte&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ein-jahr-auf-dem-land\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-1398","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1398"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1398\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1418,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1398\/revisions\/1418"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}