{"id":1394,"date":"2019-06-22T15:07:59","date_gmt":"2019-06-22T13:07:59","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1394"},"modified":"2019-06-22T15:07:59","modified_gmt":"2019-06-22T13:07:59","slug":"die-mitte-von-allem","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-mitte-von-allem\/","title":{"rendered":"Die Mitte von allem"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anna Shinoda: Die Mitte von allem, Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis, Magellan Verlag, Bamberg 2015, 384 Seiten, \u20ac17,95,  978-3-7348-5604-4<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch kann Lukes Heimkehr nicht ignorieren. Ich kann nicht so tun, als w\u00fcrden wir einfach ein sch\u00f6nes Willkommensessen f\u00fcr meinen Bruder abhalten. Ich werde mein Zukunft nicht aufs Spiel setzen. Ich hole tief Luft und atme wieder aus. Mir ist klar, dass Luke verhaftet wird, sobald die Polizei eintrifft. Aber ich muss das tun, was das Richtige f\u00fcr mich ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bereits mit sieben Jahren erf\u00e4hrt Clare, dass ihr zw\u00f6lf Jahre \u00e4lterer Bruder Luke im Gef\u00e4ngnis sitzt. Eine klare Antwort, warum Luke hinter Gittern gelandet ist, bleibt die Mutter ihr schuldig.<\/p>\n<p><em>\u201eEr war zur falschen Zeit am falschen Ort.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Clare wei\u00df, dass sie die strenge Mutter nicht nach Einzelheiten fragen darf, denn sie kann sich unter diesem Satz nichts Genaueres vorstellen und so schl\u00e4gt ihre Fantasie Kapriolen.<br \/>\nZehn Jahre sp\u00e4ter ist Luke erneut angeblich wegen Diebst\u00e4hlen und Drogendelikten im Gef\u00e4ngnis und hier setzt die Geschichte ein. Clare erinnert sich im Laufe der Handlung an ihre Erlebnisse mit dem geliebten Bruder, den sie nie lang zu sehen bekam, weil er immer wieder straff\u00e4llig wurde. Auch jetzt steht seine Entlassung nach vier Jahren Haft bevor. Clare absolviert ihr letztes Highschool-Jahr und arbeitet seit ihrem zehnten Geburtstag f\u00fcr ihren Aufenthalt in einem angesehenen College. Die Eltern wollen aus Kostengr\u00fcnden, dass sie weiterhin zu Hause wohnt. Aber Clare will einfach nur fort, fort vom Kontroll- und Putzzwang ihrer Mutter, die sie wie ein Kind, behandelt, das sich allen Regeln unterwerfen muss. Der Vater h\u00e4lt zur Mutter und verschanzt sich hinter seiner Arbeit. Dabei ist Clare eine sehr gute Sch\u00fclerin, die auch nie im Haus die Arbeit verweigert. Um so schmerzvoller ist der fordernde Ton, den die Mutter anschl\u00e4gt, wenn sie ihre Befehle Clare entgegenschmettert. Peter, der vier Jahre \u00e4ltere Sohn, hat mehr Freiheiten als die Schwester. Auch wenn Clare nicht zu den Partys ihrer Freunde gehen darf, findet sie oftmals einen Weg, um die Eltern auszutricksen. Dieses Mal jedoch klappt es nicht und Clare wird mit einem einmonatigen Hausarrest mit Fernseh-, Computer- und Handyverbot bestraft. Als sie sich an eine Anweisung der Mutter nicht h\u00e4lt, baut der Vater die Batterie aus ihrem Auto aus und so muss sie zu ihrem Job als Rettungsschwimmerin mit ihrem uralten Fahrrad radeln.<\/p>\n<p>In ihrer Erinnerung ist Luke, der sie liebevoll \u201ePiepmatz\u201c nennt, der aufmerksame und vor allem weichherzige Bruder, der im Gegensatz zu Peter nicht so fies zu ihr ist. Alle seine Briefe hat sie aufgehoben, auch wenn sie wei\u00df, dass der Ruf ihrer Familie angekratzt ist und sogar in der Schule muss sie mit den Vorurteilen der Lehrer und Sch\u00fcler klarkommen. Aber sie mag ihren Bruder, der, wenn er nach Hause kommt, mit offenen Armen von den Eltern empfangen wird. Aber Luke f\u00e4llt, kaum dass er wieder in der Freiheit angekommen ist, in seine alten Verhaltensmuster zur\u00fcck. So klaute er der kleinen Schwester, die ihn nie beschuldigt h\u00e4tte, das Sparschwein, er pr\u00fcgelte sich mit dem Vater und bestiehlt auch die Eltern und die Nachbarn.<\/p>\n<p>Als Luke aus dem Gef\u00e4ngnis zur\u00fcckkehrt, wohnt er wieder bei den Eltern. Peter geht auf Distanz, aber Clare l\u00e4sst sich von ihm umgarnen. F\u00fcr die Mutter ist Luke <em>\u201edie Mitte von allem\u201c<\/em>, auch wenn er behauptet, er w\u00e4re so geworden, da er nie geliebt wurde. Und Luke zieht Clare in seine kriminellen Machenschaften hinein, so dass sie sich, als er abgehauen ist, polizeilichen Befragungen stellen muss. Sie verliert ihren Job und zum Teil auch das Vertrauen ihrer Freunde. Langsam wandelt sich ihr gesch\u00f6ntes Bild von ihrem Bruder, den die Mutter immer als unschuldig schuldig geworden hinstellt.<\/p>\n<p>Als Luke dann wieder inhaftiert wird, dieses Mal wegen sexueller N\u00f6tigung und weiteren Delikten, eskaliert die Handlung, denn nun hat Clare Angst vor ihm. Ohne die Tochter zu informieren, r\u00e4umt die Mutter Clares Konto ab, um Lukes Kaution f\u00fcr die Weihnachtstage zu bezahlen.<\/p>\n<p>Clares Emp\u00f6rung \u00fcber diesen Eingriff in ihre Lebenspl\u00e4ne, ver\u00e4ndert ihr Verh\u00e4ltnis  zu den Eltern grundlegend. Sie versteht, dass die Mutter immer auf Lukes Seite stehen w\u00fcrde. Sie nimmt der Mutter heimlich das Geld wieder ab und versteckt es bei ihrer Freundin Drea. Auch wenn sie nun als Egoistin hingestellt wird, ist klar, sie kann nicht mehr loyal zur Familie sein, die immer alles vertuschen will und vor allem verschweigen. Neben den Familienfotos, die alle f\u00fcnf gl\u00fccklich beieinander zeigt, spukt ein nerviges Familienskelett durch die Geschichte, das allerdings nur Clare sehen kann. Es nimmt mit seinen teils komischen Kommentaren die Last der Albtr\u00e4ume von Clares Seele.<\/p>\n<p>Den Starrsinn der Mutter, die der Meinung ist, dass sie immer wisse, was <em>\u201edas Beste f\u00fcr alle sei<\/em>\u201c, wird Clare k\u00fcnftig ignorieren und sich aus ihren F\u00e4ngen und Bevormundungen  befreien. Sie kann Luke nicht verzeihen, dass er nicht nur einem Menschen wirklich weh getan hat, denn in seinem letzten Prozess wird er zu siebenundzwanzig Jahren Haft verurteilt und Clare wei\u00df nun endlich, dass dies nicht f\u00fcr angebliche minimale Diebst\u00e4hle sein kann.<br \/>\nAnna Shinoda schreibt fl\u00fcssig, unterhaltsam und dabei psychologisch \u00fcberzeugend von einer komplizierten Familienbeziehung. Clare kann nicht verstehen, dass sie mit st\u00e4ndigem Misstrauen verfolgt und auch moralisch erpresst wird und niemand in der Familie ihr vertraut. Aus Clares Perspektive betrachtet der Leser die gegenw\u00e4rtigen Geschehnisse und R\u00fcckblicke in die Vergangenheit. Es ist ein schwieriger Prozess der Abnabelung, den die junge Frau durchlaufen muss, bis sie erkennt, mit welchen Lebensl\u00fcgen die Eltern sich Tag f\u00fcr Tag \u00fcber Wasser halten und wie doppelgesichtig ihr \u00e4lterer Bruder ist. Mag Clare von Albtr\u00e4umen geplagt sein, die Familienskelettgeschichte kann ein aufmunterndes Moment in der Geschichte sein, passt aber eigentlich nicht so richtig in diesen realistischen Roman.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Shinoda: Die Mitte von allem, Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis, Magellan Verlag, Bamberg 2015, 384 Seiten, \u20ac17,95, 978-3-7348-5604-4 \u201eIch kann Lukes Heimkehr nicht ignorieren. 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