{"id":1386,"date":"2019-06-22T15:14:04","date_gmt":"2019-06-22T13:14:04","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1386"},"modified":"2019-06-22T15:14:04","modified_gmt":"2019-06-22T13:14:04","slug":"umweg-nach-hause","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/umweg-nach-hause\/","title":{"rendered":"Umweg nach Hause"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jonathan Evison: Umweg nach Hause, Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan, Kiepenheuer &amp; Witsch Verlag, K\u00f6ln 2015,  348 Seiten, \u20ac19,99, 978-3462046595<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIch sollte Warnsignale nicht mehr ignorieren. Wie viele Warnsignale habe ich ignoriert, bevor mein Leben explodiert ist? Und wie viele seitdem? Vor allem sollte ich wissen, dass ich Trev sowieso nichts verheimlichen kann.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Benjamin Benjamin geht auf die vierzig zu, verneint die Frage, wenn es um Familie, Kinder oder Ehefrau geht und absolvierte einen Crashkurs, um Pfleger zu werden. Was ist mit diesem Mann, der den kl\u00e4glichen Versuch unternimmt, mit Ironie sein Leben zu meistern, in dem wohl einiges tragisch verlaufen ist? Immerhin will er auf keinen Fall die Scheidungspapiere f\u00fcr Janet unterschreiben. Mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen wehrt er sich gegen die Trennung von seiner Frau. Und in seinem Leben muss eine Katastrophe, wie er es bezeichnet, geschehen sein. Ein Unfall, bei dem er schuldig geworden ist.<\/p>\n<p><em>\u201eAls ich beschloss, mich um Menschen zu k\u00fcmmern, die weniger Gl\u00fcck im Leben haben als ich, war ich pleite, also bin ich vielleicht nicht gerade Florence Nightingale.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und dann tauchen diese Namen auf: Piper und Jodi. Das sind Bens Kinder, die offensichtlich gestorben sind. Er hat sich als Hausmann und Vater um die Kinder gek\u00fcmmert, Janet hat als Tierproktologin das Geld verdient. Jetzt steht Ben mit einem Haufen Schulden da, hat kaum noch Geld auf der Kreditkarte und nimmt einen mies bezahlten Job an. Trevor Conklin ist Bens Sch\u00fctzling, ein junger Mann, der an Muskeldystrophie leidet und im Rollstuhl sitzt. Er tr\u00e4umt vom Sex mit tollen M\u00e4dchen und w\u00fcnscht sich jemanden an seine Seite, der seine Interessen teilt. Ben scheint ihm geeignet, doch Elsa, Trevors Mutter, ist nicht so begeistert vom neuen Pfleger, der immer wieder zu sp\u00e4t zum Dienst erscheint und in einem seltsamen Moment, sich ihr k\u00f6rperlich n\u00e4hert. Ben ist wirklich unkonzentriert, irgendwie verloren in seinen Erinnerungen an die Kinder, die nicht mehr da sind.<\/p>\n<p>Als Trevor die Diagnose f\u00fcr seine Krankheit gestellt wurde, war er drei Jahre alt. Zwei Monate sp\u00e4ter ist sein Vater Bob abgehauen. Heute lebt er weit fort von seinem Sohn in Salt Lake City und versucht immer wieder hilflos Kontakt zu Trev aufzunehmen. Er steht vor der T\u00fcr mit Brath\u00e4hnchen und wird nie hereingelassen. F\u00fcr Elsa, die mit Trevs schwerer Krankheit leben musste und zeitweilig v\u00f6llig \u00fcberfordert war, kommt diese Reue zu sp\u00e4t. Als Trev und Ben aus Spa\u00df eine Landkarte anfertigen, reift ein Plan, den Elsa vehement ablehnt. Ja, sie feuert Ben, denn sie hat Angst um ihren Sohn. Doch Trev will nach Utah reisen, will unterwegs sein und seinen Vater nun doch sehen. Und dann beginnt diese Odyssee mit v\u00f6llig fremden Trampern quer durch Amerika. Da ist die leicht durchgedrehte Dot, die immer zu d\u00fcnn angezogen ist und die sich ganz langsam mit Trev anfreundet. Als ihr Auto nicht mehr f\u00e4hrt, steigen Elton und die hochschwangere Peaches in Bens Van. Und dann ist da dieses Auto, das den Van schon lang verfolgt. Allerdings sitzt hier nicht der Typ mit den Scheidungspapieren von Janet, vor dem Ben irgendwie auch durch diese Reise flieht, sondern Cash, Dots Vater, der sich Sorgen macht.<\/p>\n<p>Durch diese Figurenkonstellation geschehen absolut verr\u00fcckte Dinge, die sich Trev und schon gar nicht Ben beim Antritt der Reise vorgestellt hatten. Aber egal, was passiert, <em>\u201eTrev ist der Fels in der Brandung\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Der amerikanische Autor Jonathan Evison erz\u00e4hlt im Grunde von Menschen mit tragischen Lebensgeschichten, die eigentlich gar nicht auszuhalten sind. Trevs Krankheit schreitet qualvoll voran, nimmt ihm jegliche Eigenst\u00e4ndigkeit und f\u00fchrt fr\u00fchzeitig zum Tod. Ben hat, ob nun fahrl\u00e4ssig oder auch wirklich nicht schuldig, den Tod seiner beiden Kleinkinder verursacht und erinnert sich in R\u00fcckblenden an die intensive Zeit mit Piper und Jodi.<br \/>\nUnd doch zieht dieser Roman den Leser nicht in die Tiefe, er liest sich wunderbar leicht, denn nie stehen die seelischen oder zutiefst k\u00f6rperlichen Handicaps im Vordergrund, sondern immer der Blick nach vorne, als w\u00e4re die Phase der Selbstmitleids lang vorbei. Dabei f\u00fchlt der Leser mit den widerspr\u00fcchlichen vom Leben gezeichneten Figuren, die sich nie leidtun, mit, sp\u00fcrt im Subtext immer Einsamkeit und Schmerz, die beide Hauptfiguren mit sich tragen. Aber sie zerbrechen nicht an ihrem Schicksal, sondern st\u00fctzen, jeder auf seine Weise, den anderen. Trev und Ben kommen auf Umwege dann zu einem Zustand, den man vielleicht als inneren Frieden bezeichnen k\u00f6nnte oder als Zuhause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jonathan Evison: Umweg nach Hause, Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan, Kiepenheuer &amp; Witsch Verlag, K\u00f6ln 2015, 348 Seiten, \u20ac19,99, 978-3462046595 \u201eIch sollte Warnsignale nicht mehr ignorieren. Wie viele Warnsignale habe ich ignoriert, bevor mein Leben explodiert ist? 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