{"id":1369,"date":"2019-06-22T15:17:37","date_gmt":"2019-06-22T13:17:37","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1369"},"modified":"2019-06-22T15:17:37","modified_gmt":"2019-06-22T13:17:37","slug":"wir-sind-nicht-wir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wir-sind-nicht-wir\/","title":{"rendered":"Wir sind nicht wir"},"content":{"rendered":"<p><strong>Matthew Thomas: Wir sind nicht wir, Aus dem Englischen von Astrid Becker und Karin Betz, Berlin Verlag, Berlin 2015, 893 Seiten, \u20ac24,99, 978-3-8270-1206-7<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eVor ihr lag ein sch\u00f6nes, ein amerikanisches Leben, wenn Ed nur den Weg einschlug, den sie f\u00fcr ihn abgesteckt hatte. &#8218;Ein Tag nach dem anderen&#8216;, sagte ihre Mutter. Und Eileen dachte: Und alles auf einmal.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Eileen Tumulty, die Hauptfigur dieses fulminanten Romans, wird 1941 in eine irische Familie, die in New York, Queens, lebt, hineingeboren. Hatte ihre Mutter zw\u00f6lf Geschwister und ihr Vater elf, so ist sie ein Einzelkind, aber mit gro\u00dfer Familie. Konfliktreich ist die Ehe ihrer Eltern. Alkohol spielt in ihrer Kindheit eine gro\u00dfe Rolle, die au\u00dferordentliche Stellung, die ihr Vater im Bekanntenkreis einnimmt und die K\u00fchle der Mutter. Als die Mutter eine Fehlgeburt erleiden muss, da ist Eileen elf Jahre alt, \u00fcbernimmt das Kind den Haushalt. Als die Mutter nach acht Monaten aus dem Krankenhaus in dem Wissen zur\u00fcckkehrt, dass sie keine weiteren Kinder haben wird, war Eileen der Meinung, sie w\u00fcrde die Mutter nie wieder sehen. Nie umarmt die Mutter ihr Kind, sie geht zur Arbeit und abends sitzt sie auf dem Sofa, um zu trinken und zu rauchen, jahrelang. Eileen sch\u00e4lt sich aus dieser Familie heraus, setzt sich Ziele und  k\u00fcmmert sich um alles. Sie arbeitet hart f\u00fcr die Schule, erringt Stipendien und hat einen Traum. Sie will einen vern\u00fcnftigen Mann kennenlernen, Kinder bekommen und als erste aus ihrer Familien in einem eigenen Haus leben. Als Eileens Mutter nach einem Zusammenbruch bei den Anonymen Alkoholikern landet, hat sie das ihrer Tochter zu verdanken.<\/p>\n<p>Der amerikanische Autor Matthew Thomas schl\u00e4gt ein Kapitel nach dem anderen in Eileens Leben auf. Sie geht zum College, absolviert ihren Master in Pflegedienstleister an den New York University und sie lernt Edmund Leary kennen, einen ehrgeizigen und klugen Mann aus einfachen Verh\u00e4ltnissen.<br \/>\n<em>\u201eEr war weder langweilig noch feige. Was war er dann? Einf\u00fchlsam war das einzige Wort, das es zu treffen schien, so erstaunlich das auch sein mochte: Er war ein einf\u00fchlsamer Mann. Er nahm alles in sich auf.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Alle Hoffnungen, die Eileen in Ed setzt, verschwinden nach und nach. Er ist ein gnadenloser Arbeiter und er ist besessen von seiner Forschungsarbeit als Gehirnexperte. Er unterrichtet, er forscht und er interessiert sich nicht die Spur f\u00fcr seine Karriere. Und Ed ist ein Mensch, der nie etwas f\u00fcr sich fordert und somit auch denkt, andere Menschen w\u00e4ren auch so. Er ist gegen jegliches Geldausgeben, dabei arbeitet Eileen ebenfalls den ganzen Tag und denkt nicht daran, auf alles zu verzichten.<br \/>\n<em>\u201eWas auf eine liebenswerte Art und Weise von seiner Unabh\u00e4ngigkeit gezeugt hatte, hielt sie jetzt nur noch f\u00fcr kleinkariert und selbstzerst\u00f6rerisch.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eileen und Ed f\u00fchren nicht die gl\u00fccklichste Ehe und doch finden die beiden immer wieder einen Weg zueinander. Mit einunddrei\u00dfig Jahren beschlie\u00dft Eileen, die sowieso den Ton in der Ehe angibt, schwanger zu werden. Eine Fehlgeburt nimmt ihr die Hoffnung, endlich doch ein Kind zu bekommen. Ed reagiert kaum auf die inneren Konflikte seiner Frau. Beide st\u00fcrzen sich in die Arbeit, er wird sehr jung ordentlicher Professor und sie Leiterin der Pflegestation. Immer wieder dr\u00e4ngt Eileen Ed dazu, zumindest einen Dekanposten anzustreben oder in die Medikamentenforschung zu gehen, um besser zu verdienen. Aber Ed verweigert sich in diesem Punkt seiner Frau. Er beginnt an der NYU, Abendkurse in Anatomie zu geben.<br \/>\nAls dann 1977 endlich Connell geboren wird, konzentriert sich Eileen nur noch auf ihren Sohn. Sie geht weiterhin Vollzeit arbeiten und doch wird er ihr Ein und Alles.<\/p>\n<p><em>\u201eEs gab keine Worte f\u00fcr ihre Gl\u00fcckseligkeit, keine Worte daf\u00fcr, was f\u00fcr eine Freude eine Frau wie sie, am Dasein ihres kleinen Jungen haben konnte. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde das nicht so bleiben, bald genug w\u00fcrde sie Anspr\u00fcche an ihn stellen, sich einfach alles von ihm erhoffen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Eileen ist die Pragmatikerin, Ed der Idealist. Connell wird ein extrem guter Sch\u00fcler, aber er schlingt alles Essen in sich hinein. Durch seine K\u00f6rperf\u00fclle und seine guten Noten wird er zum Mobbingopfer in der Schule, denn Connell wehrt sich nicht. So sehr die Mutter am Sohn h\u00e4ngt, ihre Gef\u00fchle kann sie ihm nie zeigen. Sie fordert vieles von ihm und von Ed, der seinem Sohn emotional sehr nah ist. Er ist einfach nur froh, dass Connell da ist, l\u00e4sst ihm alles durchgehen und wirft mit ihm ein paar B\u00e4lle.<\/p>\n<p>Und dann beginnt ab 1991 die wohl schwerste Zeit, die die Familie durchstehen muss. Langsam mehren sich die Anzeichen. Ed wird immer m\u00fcder, kontrolliert sich st\u00e4ndig, hat Angst Fehler zu machen und wird aggressiv und ausfallend, wenn irgendetwas nicht klappt. In anschaulichen Szenen erz\u00e4hlt der Autor von einem Menschen, dessen Pers\u00f6nlichkeit sich langsam wandelt, der nach den gewaltsamen Ausbr\u00fcchen sich selbst nicht mehr erkennt. Der Gehirnforscher, dessen Leben nur aus geistiger Arbeit bestand, erkrankt an Alzheimer mit einundf\u00fcnfzig Jahren.<\/p>\n<p>Es gibt Momente, in denen sich Connell f\u00fcr seinen Vater sch\u00e4mt, Augenblicke in denen er angeschrien wird und wieder Momente der tiefsten Zuneigung.<br \/>\nEileen schafft es endlich, nachdem sie sich ihren Traum vom eigenen gro\u00dfen allerdings renovierungsbed\u00fcrftigen Haus erf\u00fcllt hat, ihren Mann mit Vorahnungen zum Neurologen zu bringen.<br \/>\nWie kann es sein, dass er so ein <em>\u201eArschloch\u201c<\/em> geworden ist? Die Diagnose \u00fcberrascht Ed wenig. Eileen, die alles besser machen wollte als ihre Eltern, die darauf bedacht war, sich ihre Position in der Mittelschicht zu erobern, ahnt was auf sie zukommen wird und sie wird alle Stadien der Krankheit mit Ed durchleben. Den Rat des Anwaltes sich von Ed scheiden zu lassen, damit ihre Verm\u00f6genswerte nicht angetastet werden und Medicaid einspringt, h\u00f6rt sich Eileen nur kopfsch\u00fcttelnd an. Nicht lang k\u00f6nnen Ed und Eileen die Krankheit vor Connell und den Freunden geheim halten. Die M\u00e4nner ziehen sich alle aus Unsicherheit vor Ed zur\u00fcck.<br \/>\nEileen beginnt ein gegenl\u00e4ufiges Kindertagebuch zu schreiben.<\/p>\n<p>Connell zieht sich ganz aus dem Familienleben zur\u00fcck, er vermag es nicht, dem Vater zu helfen. Erst am Ende der langen oft qualvollen Familiengeschichte wird er so einiges verstehen.<\/p>\n<p><em>\u201eEmpathie. Dazu war er nicht immer imstande gewesen. Es war ein Muskel, den man erst entwickeln und dann in Form halten musste.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Matthew Thomas ist ein begnadeter Erz\u00e4hler, der in diesem Roman ein ganzes amerikanisches Frauen- und Familienleben aus verschiedenen Perspektiven, aber meistens aus Eileens Sicht, aufbl\u00e4ttert. In vielen Episoden und genauen Beobachtungen setzen sich Szenen zusammen, die dem Leser fast bildlich vor Augen stehen. Die starke Eileen ist der Fels in der Brandung und manchmal w\u00fcnscht man ihr jemanden an die Seite, der sie h\u00e4lt und ihr sagt, alles wird gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthew Thomas: Wir sind nicht wir, Aus dem Englischen von Astrid Becker und Karin Betz, Berlin Verlag, Berlin 2015, 893 Seiten, \u20ac24,99, 978-3-8270-1206-7 \u201eVor ihr lag ein sch\u00f6nes, ein amerikanisches Leben, wenn Ed nur den Weg einschlug, den sie f\u00fcr&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wir-sind-nicht-wir\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-1369","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1369"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1430,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1369\/revisions\/1430"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}