{"id":1331,"date":"2019-06-22T15:25:47","date_gmt":"2019-06-22T13:25:47","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1331"},"modified":"2019-06-22T15:25:47","modified_gmt":"2019-06-22T13:25:47","slug":"drei-auf-reisen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/drei-auf-reisen\/","title":{"rendered":"Drei auf Reisen"},"content":{"rendered":"<p><strong>David Nicholls: Drei auf Reisen, Aus dem Englischen von Simone Jakob, Verlag Kein &amp; Aber, Z\u00fcrich 2014, 536 Seiten, \u20ac22,90, 978-3-0369-5701-2 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e Was f\u00fcr ein Loch? Meinte sie etwa mich? &#8218;Warum sollte es ein Loch geben? Das muss doch gar nicht sein.<br \/>\n&#8218;Und wir geistern allein durchs Haus&#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Douglas Petersen kann seine Frau Connie gar nicht verstehen. Warum sollte es nach \u00fcber 20 Jahren Ehe langweilig werden, wenn Albie, der gemeinsame 17-j\u00e4hrige Sohn auszieht, um aufs College zu gehen? Aber offensichtlich sieht Connie ihre Lebenssituation fernab von London im gro\u00dfen Haus ganz anders als ihr Mann und das nun schon seit Jahren, wie sie zugeben muss. Eines Nachts weckt sie Douglas und er\u00f6ffnet ihm, dass sie ihn wahrscheinlich verlassen wird.<br \/>\nDavid Nicholls erz\u00e4hlt die Geschichte der Kleinfamilie Petersen nicht als haarstr\u00e4ubende, bitterernste Scheidungsgeschichte, sondern als teils humorvolle, teils auch sehr ernsthafte Studie einer Ehe und ihres Scheiterns. Der Londoner Autor w\u00e4hlt dabei den sezierenden Blick seines Protagonisten Douglas und l\u00e4sst ihn Gegenw\u00e4rtiges schildern und an Vergangenes erinnern. Als Biochemiker analysiert Douglas alles haarklein und erst im Nachhinein versteht er, was in seinem Verh\u00e4ltnis zu seiner Frau und zu seinem Sohn schief gelaufen ist.<br \/>\nConnie will nichts \u00fcberst\u00fcrzen und so schl\u00e4gt sie ihrer Familie vor, die f\u00fcr den Sommer geplante Grand Tour durch Europa mit den Stationen Paris, Amsterdam, M\u00fcnchen, Verona, Venedig, Florenz, Rom und Neapel doch gemeinsam noch zu erleben. Gedacht ist die Reise f\u00fcr Albie, der sich durch die Besuche in den Kunstmuseen Europas auf die Welt der Erwachsenen vorbereiten soll, so wie es im 18. Jahrhundert f\u00fcr <em>\u201ejunge M\u00e4nner der h\u00f6heren Schichten\u201c<\/em> \u00fcblich gewesen war. Die charismatische Connie ist in der Familie die K\u00fcnstlerin, die als erfolglose Malerin nun in einer kunstp\u00e4dagogischen Abteilung eines Museums arbeitet. Albie liebt seine Mutter \u00fcber alles und hatte schon von jeher eine innigere Beziehung zu ihr als zu seinem Vater.<br \/>\nF\u00fcr die Sommertour jedoch kann er sich kaum begeistern und hofft, die Eltern geben ihm das Reisegeld und er zischt mit seinen Freunden nach Ibiza ab. Aber keine Chance.<\/p>\n<p>Bestechend genau und absolut glaubw\u00fcrdig beschreibt David Nicholls das Leben eines Teenagers und seine Auseinandersetzungen mit dem Vater. Albie m\u00f6chte ein dreij\u00e4hriges Fotografiestudium absolvieren, wof\u00fcr sein Vater nicht das geringste Verst\u00e4ndnis hat. Ein gro\u00dfer Streit der beiden dreht sich darum, wie sehr man sich anstrengen sollte, um ein sinnvolles berufliches Ziel zu erreichen. Laut Douglas kann heutzutage jeder Fotos mit dem geringsten Aufwand schie\u00dfen. F\u00fcr ihn ist Albie einfach nur faul, talentfrei, geht den Weg des geringsten Widerstandes, nimmt nur sein Geld, ohne zu ahnen, was die Dinge wert sind und verschl\u00e4ft im wahrsten Sinn des Wortes sein Leben. Ausf\u00fchrlich beschreibt Douglas Albies Zimmer voller Bierdosen, dreckiger Socken und Unterhosen. <em>\u201eEs ist eine einzige massive Trotzreaktion.\u201c<\/em> Nat\u00fcrlich gegen den Vater, der glaubt, eigentlich der Stiefvater zu sein.<\/p>\n<p>Erfolgreich im Beruf, aber st\u00e4ndig m\u00fcde und gestresst, nervt Douglas eher seine Familie, als dass sie mit ihm wirklich etwas anfangen kann. Dabei gibt sich Douglas alle M\u00fche, doch es fehlt ihm an Verst\u00e4ndnis, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und vor allem an Zeit f\u00fcr den Sohn. Connie versucht Douglas&#8216; Interesse an Kunst und Kultur zu wecken, aber im Grunde gibt er ihr nur nach, weil er sie aufrichtig liebt. Sehr komisch ist das kurze Kapitel <em>\u201eEine Kunstgeschichte\u201c<\/em>, in der Douglas seine Sicht auf ein paar tausend Jahre Menschheitskultur zusammenfasst.<br \/>\nDouglas bietet Connie den sicheren Hafen f\u00fcr ihre bisheriges chaotisches Leben. Douglas ist der <em>\u201egro\u00dfe altmodische Feuerl\u00f6scher\u201c<\/em> f\u00fcr die Familie.<\/p>\n<p>In diesem Sommer muss Douglas an vielen verschiedenen Baustellen arbeiten, er will seine Ehe retten und die Beziehung zu seinem Sohn kitten und sich nie wieder mit ihm streiten. Nach reichlichen Pannen und peinlichen Auftritten von Douglas endet die Reise bereits in der dritten Stadt, in M\u00fcnchen. Albie sucht das Weite, denn sein Vater scheint sich offensichtlich f\u00fcr ihn zu sch\u00e4men. Connie und Douglas befinden sich bereits auf dem M\u00fcnchner Flughafen als Douglas beschlie\u00dft, dem Sohn zu folgen und sich endlich mit ihm auszusprechen und auch auszus\u00f6hnen. Durch ein Telefonat vom bereits gebuchten Hotel in Venedig hat er erfahren, das Albie und Kat, eine junge Neuseel\u00e4nderin, die Douglas extrem nervt, sich dort einmieten wollen.<\/p>\n<p>Als Leser verbringt man durchaus gern unterhaltsame Stunden mit der Familie Petersen und ihrem langen Weg vom Kennenlernen, \u00fcbers Familienleben mit allen H\u00f6hen und Tiefen bis hin zur Entscheidung, ob sich die Petersens nun trennen oder nicht. Sensibel, feinsinnig und mit trockenem Humor beobachtet David Nicholls eine interessante Familienkonstellation, die dem Leben abgelauscht scheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Nicholls: Drei auf Reisen, Aus dem Englischen von Simone Jakob, Verlag Kein &amp; Aber, Z\u00fcrich 2014, 536 Seiten, \u20ac22,90, 978-3-0369-5701-2 \u201e Was f\u00fcr ein Loch? Meinte sie etwa mich? &#8218;Warum sollte es ein Loch geben? 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