{"id":1329,"date":"2019-06-22T15:26:18","date_gmt":"2019-06-22T13:26:18","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=1329"},"modified":"2019-06-22T15:26:18","modified_gmt":"2019-06-22T13:26:18","slug":"dinner-im-restaurant-heimweh","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/dinner-im-restaurant-heimweh\/","title":{"rendered":"Dinner im Restaurant Heimweh"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anne Tyler: Dinner im Restaurant Heimweh, Aus dem Amerikanischen von Ulrike von Puttkamer, Kein &amp; Aber, Z\u00fcrich 2014, 352 Seiten, \u20ac19,90, 978-3-0369-5688-6<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201ePearl glaubt heute, dass ihre Familie versagt hat. Keiner ihrer S\u00f6hne ist gl\u00fccklich, und ihre Tochter scheint es in keiner Ehe zu halten. Und niemand \u00fcbernimmt die Schuld, au\u00dfer Pearl selbst, die drei Kinder ohne fremde Hilfe gro\u00dfgezogen und nat\u00fcrlich Fehler gemacht hat \u2013 oh, ein Haufen Fehler.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Als Pearl heiratet ist sie eine kleine, schmale Frau, die mit ihren drei\u00dfig Jahren nun doch noch unter die Haube kommt. Ihr Mann, Beck Tull, arbeitet als Reisevertreter, ist viel unterwegs und ein bisschen eitel. Pearl bekommt drei Kinder, Cody, Jenny und Ezra, zieht viel um und landet am Ende in Baltimore. Hier entscheidet Beck von einem Moment zum anderen, dass er keine Familie mehr m\u00f6chte. Zwar schickt er noch Geld f\u00fcr die Kinder im Alter von 14, 11 und 9 Jahren und doch reicht es nicht. Pearl, die in dem Glauben geheiratet hatte, der Mann ern\u00e4hre die Familie, sitzt nun verbissen an der Kasse des Supermarktes.<br \/>\nPearl wei\u00df um ihre Schw\u00e4chen, sie hat keinen Spa\u00df am Sex, kann sich nie gehenlassen, neigt zu einem krankhaften Perfektionismus und hat keine Ahnung, was ihr Mann eigentlich denkt. Als Beck sie verl\u00e4sst, \u00fcbertr\u00e4gt sie all ihre Unsicherheit und Reizbarkeit auf die Kinder. Nie zeigt sie Schw\u00e4che, weint nicht, schon gar nicht vor den Kindern. Zum einen erz\u00e4hlt sie \u00fcber eine lange Zeit nicht, dass der Vater nie wieder zur\u00fcckkehren wird und zum anderen steigert sie sich in hysterische Beschimpfungen gegen die Kinder, um ihre Unsicherheit zu kaschieren. Nie d\u00fcrfen die Kinder Freunde mit ins Haus bringen. Die Familie sind nur sie vier, eine eingeschworene Gemeinschaft. Pearl igelt sich ein, gibt den Kindern wenig Freiraum, verh\u00e4tschelt zum \u00c4rger Codys ihren Goldjungen Ezra.<\/p>\n<p><em>\u201eEtwas stimmte mit all ihren Kindern nicht. Sie waren so entmutigend \u2013 attraktive, liebenswerte Menschen, alle drei, aber vor ihr verschlossen auf eine widernat\u00fcrliche Art, die sie nicht recht kennzeichnen konnte. Sie sp\u00fcrte zudem im Leben aller drei eine Art durchgehenden Webfehler.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt, da liegt Pearl Tull im Sterben in den 1970er Jahren. Anne Tyler schaut aus der Perspektive ihrer Hauptfigur und ihrer Kinder in die Vergangenheit.<\/p>\n<p>In R\u00fcckblenden erz\u00e4hlen Cody, Jenny und Ezra von ihrer Kindheit, der Ausbildung und ihrem Familienleben. Der erfolgreiche, wie ma\u00dflos ehrgeizige Cody, der kein Spiel verlieren kann, ist nicht in der Lage zeitlebens seine Eifersucht auf seinen kleinen Bruder abzulegen. Cody erobert sogar die unattraktive, ja ungebildete Ruth, die Frau, die Ezra heiraten wollte. Jenny taumelt von einer Ehe in die n\u00e4chste. Sie absolviert ihr Medizinstudium, bekommt ihre Tochter Becky und wird Kinder\u00e4rztin. In dritter Ehe lebt sie in einer Gro\u00dffamilie und heiratet einen Mann mit sechs Kindern, den die katholische Frau verlassen hat. Ezra wird nie bei seiner Mutter ausziehen und f\u00fchlt doch, dass er sie zutiefst entt\u00e4uscht hat. Er \u00fcbernimmt, ohne je zu studieren, wie die Mutter es wollte, ein Restaurant und nennt es nach dem Tod der Besitzerin <em>\u201eHeimweh\u201c<\/em>. Doch kein Dinner, dass er f\u00fcr seine Familie ausrichtet, wird bis zum Ende von allen durchgehalten. Immer ist irgendjemand beleidigt, aufgebracht oder unzufrieden. Pearl tyrannisiert ihre Kinder mit ihren Launen, aber sie steht auch zu ihnen, wenn sie gebraucht wird. So k\u00fcmmert sie sich ohne langes Bitten um ihr Enkelkind Becky, als Jenny verzweifelt und \u00fcberfordert Hilfe ben\u00f6tigt. Nur Cody hasst die Mutter aus tiefstem Herzen. Als der lang verschollene Ehemann, Beck Tull, dann gutgelaunt auf der Trauerfeier seiner noch Ehefrau auftaucht, kann Cody nicht mehr an sich halten:<\/p>\n<p><em>\u201e &#8218;\u2026 unsere Mutter war eine Hexe.&#8216; \u2026. &#8218; Eine rasende, kreischende, unberechenbare Hexe&#8216;, sagte Cody zu Beck. &#8218; Sie hat uns gegen die Wand geschleudert, uns Abschaum und Vipern genannt, hat uns den Tod gew\u00fcnscht, uns so gesch\u00fcttelt, dass die Z\u00e4hne geklappert haben, und ins Gesicht geschrien.&#8217;\u201c<\/em><\/p>\n<p>So widerspr\u00fcchlich wie das Leben sind auch Anne Tylers Figuren. Alle in der Tull-Familie sehnen sich nach N\u00e4he, ob es die Kinder oder Kindeskinder sind. Sogar Codys Sohn Luke kennt dieses Gef\u00fchl und macht sie auf die Reise, um seine innere Leere zu f\u00fcllen. \\r\\n\\r\\nAnne Tyler ist eine Entdeckung. Ihr Roman handelt von einer nicht unbedingt au\u00dfergew\u00f6hnlichen, zerbrochenen Familie. Es ist das Seelenleben jeder einzelnen Figur, die den Leser ber\u00fchrt und besch\u00e4ftigt. Ohne Frage kann man sich in die \u00fcberforderte und so stolze Mutter hineinversetzen und sie gleichzeitig verachten. Die Kinder versuchen sich mit Macht von der Mutter und ihrem Einfluss zu l\u00f6sen und schaffen es nicht, denn sie leben in der Erwartung, endlich Geborgenheit zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anne Tyler: Dinner im Restaurant Heimweh, Aus dem Amerikanischen von Ulrike von Puttkamer, Kein &amp; Aber, Z\u00fcrich 2014, 352 Seiten, \u20ac19,90, 978-3-0369-5688-6 \u201ePearl glaubt heute, dass ihre Familie versagt hat. 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